Berufstätigkeit der stillenden Mutter (Dr. F.M. Perl)

Jede Frau wünscht sich, ihr Leben auch mit einem oder mehreren Kindern möglichst ohne gravierende Nachteile fortsetzen zu können. Dies bedeutet für die große Mehrzahl aller Frauen weltweit die baldige Wiederaufnahme ihrer Arbeit. Sowohl angestellte wie freiberuflich tätige Frauen wollen und können Stillen und Arbeiten miteinander verbinden - oft über viele Monate hinweg.


Wenn die Mutter aus gesundheitlichen Gründen - sowohl im Interesse ihres Kindes als auch in ihrem eigenen - möglichst ausschließlich und möglichst lange stillen will, braucht sie Hinweise, wie dies in Verbindung mit einer Berufstätigkeit funktionieren kann. Stillende Mütter müssen verschiedene Hürden überwinden: Dazu zählen nicht nur die schlechten organisatorischen Voraussetzungen in den meisten Betrieben, sondern auch unbewusste und emotionale Hindernisse. Jede Mutter, vor allem, wenn sie im öffentlichen Raum stillend erscheint, muss auf Gegenreaktionen gefasst sein.

Praktische Voraussetzungen für volles Stillen bei voller Berufstätigkeit

1. Simultanpumpen

Simultanpumpen ist das gleichzeitige Auffangen oder Abpumpen von Brustmilch aus einer Brust, während das Kind an der Gegenseite trinkt. Durch den beim Stillvorgang auf der aktiven (kindlichen) Seite ausgelösten Milchspendereflex, der auf beide Brüste wirkt, fließt auch auf der passiven (Pumpen-) Seite die Milch leicht und kann mit nur geringem Unterdruck aufgefangen werden. Nach dem 2. Lebensmonat, wenn das Stillen für Mutter und Kind zur Selbstverständlichkeit geworden ist, wird jede Mutter erfreut betrachten, wie viel Milch sie auf der passiven Seite geradezu mühelos in einer geeigneten Flasche auffangen kann.

Erforderlich ist eine Handpumpe, die mit einer freistehenden Milchflasche verbunden ist und einhändiges Pumpen erlaubt. Optimal ist z.B. die AMEDA-Einhandmilchpumpe, die alle Voraussetzungen für den Einsatz beim Simultanpumpen erfüllt. Mit einer solchen Pumpe füllt die Mutter während jedes Stillvorganges mindestens eine Flasche (ca. 120 ml ab dem 3. Lebensmonat), die sie im Kühlschrank in einem nur für die Muttermilch reservierten Fach deponiert. Muttermilch enthält bakterizide Substanzen, sodass sich die Keimzahl verringert, während sie sich in der Flasche befindet. Es empfiehlt sich, die Milchflaschen immer so zu deponieren, dass jede das Kind mitbetreuende Person weiß, welches die älteste und neueste Milch im Kühlschrank ist.

Wenn die Mutter dies bei jedem Stillvorgang, auch nachts, durchführt, so hat sie am Morgen, wenn sie das Haus verlässt, mindestens zwei, meist drei bis vier Flaschen im Kühlschrank, also genug für mindestens drei Mahlzeiten oder 10 bis 12 Stunden Abwesenheit. Diese werden dem Kind bei Bedarf - und nicht nach einem festgelegten Rhythmus - von der betreuenden Person nach kurzem Erwärmen der Flasche unter dem Warmwasserstrahl auf etwa ca. 20-25 Grad gegeben.


2. Kühlmöglichkeit am Arbeitsplatz

Auch während der Trennung vom Kind, meist nach 3-4 Stunden, muss die Mutter abpumpen, um Milchstauprobleme zu vermeiden. Dies erfordert eine etwa 10-minütige Pause, meist einmal am Vormittag und eventuell noch einmal am Nachmittag, in der die Mutter die gleiche Handpumpe benutzt und anschließend die Milch gekühlt aufbewahrt. Falls kein Kühlschrank zur Verfügung steht, ist eine Camping-Kühlbox ausreichend. Auf einem Nachhauseweg von mehr als einer Stunde sowie im Sommer sollte die Milch gekühlt transportiert werden (Isolierbox oder -tasche). Nach jedem Pumpen muss das Pumpenset der Handpumpe ausgewaschen und mit kochendem Wasser überbrüht werden. Wenn diese Möglichkeit am Arbeitsplatz nicht besteht, sollten zwei oder mehr Pumpen zur Verfügung stehen, die die Mutter dann zuhause sterilisiert.


3. Sinnvolle Strukturierung von Pausen

Der stillenden Mutter steht in Deutschland die bereits 1919 vereinbarte Pausenzeit von insgesamt 60 Minuten pro Arbeitstag zu, die nach Vereinbarung mit dem Arbeitgeber getrennt (z.B. zweimal 30 Minuten) oder im Block auch mit der offiziellen Mittagspause (also insgesamt 90 Minuten) genommen werden kann. Sie muss selbst entscheiden, wie diese Extrazeit am besten genutzt werden kann. Viele Mütter können am Arbeitsplatz eine Ruhepause einhalten und sollten diese Zeit zur Erholung nutzen - also nicht etwa nach Hause oder zum Einkaufen eilen oder die Zeit in verrauchten Speisesälen verbringen. Wer eine eigene Betreuungsperson hat (Vater, Großeltern oder Kindermädchen), kann diese bitten, mit dem Säugling zur Pausenzeit an die Arbeitsstelle zu kommen, damit Mutter und Kind gemeinsam eine Stillepisode und eine Ruhepause erleben können. Die am Arbeitsplatz abgepumpte Milch kann die Betreuungsperson dann mit dem Kind wieder mitnehmen.

Die freiberuflich tätige Mutter sollte ebenfalls eine Ruhepause von mindestens 45 Minuten für sich einplanen, da sonst die Aufrechterhaltung langfristigen Stillens wegen mütterlicher Erschöpfung nicht möglich ist. Auf diese Weise ist es auch für die voll berufstätige Mutter möglich, ein Kind monatelang ausschließlich von Muttermilch zu ernähren.


4. Co-sleeping

Co-sleeping des Kindes im Bett der Mutter ist wesentlich, um das Stillen über mehr als nur wenige Wochen hinaus aufrechtzuerhalten. Vorteile des Co-Sleepings für die berufstätige stillende Mutter sind:

  • problemlose Aufrechterhaltung einer adäquaten Milchmenge über längere Zeit,

  • weniger Schlafunterbrechung für die Mutter (und den Vater), dadurch weniger Erschöpfung,

  • geringeres Risiko für Milchstau und Mastitis durch häufigeres nächtliches Stillen,

  • ruhigeres Kind durch direkten Zugang zur Brust, besseres Trinkverhalten des Kindes.


Schlussfolgerung

Stillen und Beruf sind grundsätzlich gut vereinbar. Nicht die Flasche, sondern das Stillen bringt auch der Mutter größtmögliche Vorteile, Flexibilität und Freiheit. Es gibt kaum eine berufliche Tätigkeit, die sich mit dem Stillen nicht vereinbaren lässt. Allerdings braucht die berufstätige stillende Mutter Selbstbewusstsein und Unterstützung, weil die gesellschaftliche Akzeptanz vielfach noch zu wünschen übrig lässt.

Friederike M. Perl

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