Der Babyhopser und das Lauflerngerät "Gehfrei"

Von Herstellern werden diese Geräte ab dem fünften bwz. siebten Lebensmonat empfohlen. Das Werbeposter zeigt einen vor Freude juchzenden Säugling und lächelnde Eltern, na, wenn das mal nichts ist. In der Beschreibung taucht es nicht explizit auf, aber die Bilder sollen den Eltern suggerieren, das Gerät bereite dem Kind nicht nur unbändige Freude, sondern es werde auch in der Fähigkeit des Stehens und des Gleichgewichts gefördert. Ist das so? Was passiert mit einem Säugling in diesen Geräten?

Die wenigsten Kinder sind mit fünf Monaten reif dafür, hingesetzt zu werden. Sie besitzen noch nicht die Rumpfstabilität, die sie brauchen, um das Gleichgewicht im Sitzen aktiv zu halten. Die meisten Kinder setzen sich im Alter zwischen sieben und elf Monaten selbständig hin. Sie tun dies, weil ihr Bewegungsapparat (vor allem ihre Wirbelsäule) nun für diese Position ausgereift ist. Ein Kind vorher hinzusetzen (vom kurzen Sitzen auf dem Schoß oder zum Füttern abgesehen) nimmt ihm nicht nur die Möglichkeit, sich den Weg in die Sitzposition selber zu erarbeiten, sondern belastet auch die Wirbelsäule unnötig.

Aber nicht nur für den Haltungsapparat stellen Hopser und Gehfrei eine Gefahr dar: Der sog. Fußgreifreflex ist ein angeborener Reflex. Streicht man einem jungen Säugling über die Fußsohle, wird er reflektorisch die Zehen zusammenkrallen. Zum Beginn des zweiten Lebenshalbjahres schwächt sich dieser Reflex zunehmend ab. Zeitgleich beginnt das Kind von sich aus, die Füße zu belasten. Die Fähigkeit, das eigene Körpergewicht zu tragen und das Verschwinden des Fußgreifreflexes verlaufen beim gesunden Säugling parallel.

Die o.g. Geräte nehmen dem Kind das Körpergewicht weg, das Kind „sitzt“ („hängt“ trifft es in den meisten Fällen besser) also in dem Gerät und hat in der Regel nur Kontakt mit dem Boden, so dass das Kind nicht lernen kann, auf dem ganzen Fuß zu stehen. Es bleibt im Zehenstand. Viele Kinder krallen die Zehen sogar noch zusammen, verharren also im Muster des Fußgreifreflexes. Das kindliche Gehirn bekommt über die Fußsohle falsche Informationen zur Stellung seiner Füße. Das Aufsetzen des ganzen Fußes wird behindert, was zur Folge haben kann, dass das Kind z.B. die Füße beim späteren Gehen nicht mehr physiologisch abrollen kann. So kann es zu einem krankhaften, behandlungsbedürftigen Gangbild, zu Fußfehlstellungen und Muskelverkürzungen kommen.

Die meisten Kinder stellen sich gegen Ende des ersten Lebensjahres hin. Unermüdlich ziehen sie sich hoch, stehen einige Augenblicke, schwanken ein wenig hin und her und fallen wieder um. Jedes Aufstehen ist für ein Kind eine Übungssequenz. Betrachtet man ein Baby bei seinen ersten Stehversuchen genauer, so kann man das komplexe Zusammenspiel der gesamten Fuß- und Beinmuskulatur beobachten. Sogar beim Fallen lernt ein Kind, es übt, sich abzufangen und sich abzurollen. Es bekommt ein Gefühl dafür, wie schnell es fällt und erfährt, wie und wie schnell es reagieren muss, um sein Gleichgewicht wieder zu finden oder sich zumindest nicht zu verletzen.
Es lernt, seine Füße zu belasten, sich im Raum zu orientieren, den Rumpf in alle Richtungen im Raum auszubalancieren. Es trainiert durch das ständige Auf- und Ab seine Beinmuskulatur.
Nichts davon ist in einem Babyhopser oder in einem Gehfrei möglich.

Beim Lauflerngerät kommt zu den genannten Nachteilen für die motorische Entwicklung noch eine nicht unerhebliche Gefahr hinzu. Jedes Jahr verunglücken in Deutschland nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte etwa 6000 Kinder, weil sie mit einem Gehfrei die Treppe herunter gefallen sind oder darin umgefallen sind. Wenn die Kinder dann sogar noch festgeschnallt in diesen Geräten sitzen, haben sie nicht einmal mehr die Möglichkeit, sich physiologisch abzurollen. Die meisten Kinder erleiden hierbei Kopfverletzungen, die in vielen Fällen sogar lebensbedrohlich sein können. Hierzu kommen Unfälle durch den erweiterten Bewegungsradius der Kinder: Im Gehfrei kommen sie oft an den Tisch heran und können z.B. Tassen mit heißem Kaffee herunterreißen. Allein aufgrund der Unfallgefahr fordern Kinderärzte schon seit langem ein Verbot von Lauflerngeräten, wie es in anderen Ländern(z.B. Kanada) auch besteht.

Der Preis für das auf dem Werbeposter angepriesene Babylächeln ist viel höher, als es den Anschein hat. Von mir daher ein klares: FINGER WEG!

Quellen:

B.Zukunft-Huber: Moderne Säuglingsgymnastik
I. Flehmig: Normale Entwicklung des Säuglings und ihre Abweichungen
V. Vojta: Die zerebralen Bewegungsstörungen im Säuglingsalter- Frühdiagnose und Frühtherapie

Weitere Informationen unter:

http://www.kindersicherheit.de/html/lauflernhilfe.html

und

http://www.aerztezeitung.de/docs/2001/06/01/101a0404.asp?cat=

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