"3-Monats-Koliken"

Etwa 30% aller Neugeborenen leidet in den ersten Wochen und Monaten an so genannten „3-Monats-Koliken“ und ihre Eltern mit ihnen. Diese Babys schreien häufiger und andauernder als andere Babys, manche zu bestimmten Tageszeiten, andere unmittelbar nach den Mahlzeiten, wieder andere völlig unregelmäßig. Sie lassen sich weder durch umhertragen, noch durch stillen oder füttern beruhigen. Bei den meisten Babys beginnt das Schreien erst nach 4-6 Wochen, bei anderen fast unmittelbar nach der Geburt. Die genaue Ursache der Koliken ist bis heute ungeklärt, mit Sicherheit gibt es auch keine allgemeine Erklärung, jedes Baby muss individuell betrachtet werden.

Am häufigsten erklären Eltern sich das Schreien wohl durch Blähungen. Die Babys scheinen überfordert mit der Verdauung der (Mutter)Milch und schreien nach jeder Mahlzeit.

Wirkliche Blähungen sind leicht zu erkennen: Das Baby hat ein verhärtetes Bäuchlein, krampfhaft zieht es die Beinchen an den Bauch und drückt, ohne dass die Winde dabei abgehen.

„Du hast etwas Falsches gegessen“, diesen Vorwurf hören stillende Mütter dann häufiger. Für Blähungen aber ist die Ernährung der Mutter nur in wenigen Fällen verantwortlich.

Blähungen entstehen durch Luft. Die wiederum wird entweder direkt vom Kind geschluckt oder entsteht durch die Verarbeitung von Faserstoffen im Darm, und nichts davon bekommt das Kind über die Muttermilch. Kein Labor könnte anhand der Muttermilch feststellen, von welcher Nahrungsmittelgruppe die Stillende gegessen hat. Interessant sind die unterschiedlichen Empfehlungen in jedem Land: In Teilen Afrikas z.B. wird jungen Müttern geraten Hülsenfrüchte zu essen, um „nahrhafte“ Milch zu bilden. In diesen Gebieten sind Säuglingskoliken übrigens so gut wie unbekannt!

Es sollte in erster Linie darauf geachtet werden, dass das Baby möglichst wenig Luft schluckt. Beim Stillkind ist das relativ einfach, denn ein richtig angelegtes und korrekt saugendes Baby kann beim Stillen kaum Luft schlucken, aus der Brust kommt schlichtweg keine Luft heraus (auch nicht, nachdem die Mutter Sport getrieben hat und ihr Busen dabei „geschüttelt“ wurde)!

Bewährt haben sich folgende Tipps:

  • Häufiger stillen: anlegen bevor das Baby großen Hunger anzeigt – ein hungriges Baby wird ungeduldig nach der Brust schnappen und hektisch nuckeln bis der Milchspendereflex einsetzt. Schreit ein Baby gar vor Hunger schluckt es schon beim Schreien viel Luft.
  • Auf perfektes Anlegen achten: Das Baby muss möglichst viel Brust im Mund haben, die Lippen sind aufgeschürzt, Nasenspitze und Kinn berühren die Brust, das Baby muss den Kopf nicht drehen oder zur Brust hin strecken.
  • Das Baby während den Mahlzeiten häufiger aufstoßen lassen, wenn es das akzeptiert
  • Künstliche Sauger möglichst vermeiden: Auch leichtere (unbemerkte!) Formen einer Saugverwirrung können dazu beitragen, dass das Baby an der Brust zuviel Luft schluckt
  • Bei akuten Blähungen helfen warme Anwendungen, z.B. durch ein Kirschkernkissen, und  Massagen. Bekannt ist auch der so genannte „Fliegergriff“, bei dem das Baby bäuchlings auf den Unterarmen getragen wird. Hierbei sollte man aber darauf achten, dass das Baby nicht durch viele Reize zusätzlich belastet wird.
  • Tragen im Tragetuch oder in einer anderen, eng geschnallten, geeigneten  Bauchtrage. Im Tragetuch bietet sich besonders die „Wickelkreuztrage“ an: Babys Bauch wird am Körper des Tragenden gewärmt und bei jeder Bewegung sanft massiert. Dazu kommen die beruhigenden, tröstenden Aspekte des Tragens, dazu später mehr
  • Nicht gestillten Babys kann es helfen, wenn man ihre Milchnahrung vor dem Füttern einige Minute stehen lässt, so dass die durch das Rühren oder Schütteln entstandenen Schaumbläschen nach oben steigen und sich auflösen können. Möglich ist es auch, diesen Prozess mit einem speziellen Medikament zu unterstützen, hierzu bitte den Kinderarzt befragen. Wichtig ist es auch, geeignete Sauger zu benutzen: Dreht man die Flasche auf den Kopf, sollte pro Sekunde ein Tropfen Milch aus dem Sauger tropfen. Manche Hersteller von Babyflaschen und Saugern versprechen weniger Blähungen durch spezielle Ventilsysteme. Nicht empfehlen möchten wir spezielle „Bauchweh-Milchnahrungen“. Diese sind völlig anders zusammengesetzt als Muttermilch, die Langzeitwirkung auf die Entwicklung der Kinder wurde bis heute noch nicht untersucht!

Ein anderer Grund für Baby´s Weinen können Nahrungsunverträglichkeiten, bzw. Allergien sein. In diesem Fall erkennen die Eltern, dass das Baby unter Bauchschmerzen leidet, allerdings sind keine Darmwinde dafür verantwortlich. Typisch ist es, dass das Schreien wenige Minuten nach den ersten Schlucken Milch beginnt, dann nämlich, wenn die Milch und damit die Allergene des unvertragenen Nahrungsmittels die Magenschleimhäute kontaktiert und Schmerzen bereitet. Häufig sind Babys mit vererbtem erhöhtem Allergierisiko betroffen.

Möglich ist eine Unverträglichkeit über die Muttermilch, vermutet die stillende Mutter eine Reaktion auf ein bestimmtes Nahrungsmittel, so empfiehlt es sich, dieses Nahrungsmittel für 7 Tage (bei Kuhmilch besser 14 Tage!) ganz konsequent aus ihrer Ernährung zu streichen. Bessert sich das Schreien, sollte sie dann einmal eine große Menge des Nahrungsmittels zu sich nehmen um Klarheit zu haben. Anderenfalls können so nach und nach andere Allergen ausgetestet werden. Der häufigste „Übeltäter“ ist Kuhmilch, bzw. deren Produkte; möglich sind auch andere allergene Nahrungsmittel: Soja, Zitrusfrüchte, Eier, Weizen, Fisch, Beerenfrüchte. Besonderes Augenmerk sollte hier auf Nahrungsmitteln liegen, die schon Mutter oder Vater des Babys nicht oder nur schlecht vertragen.

Auch wenn es im Fall einer Allergie mühsam sein kann, das entsprechende Nahrungsmittel zu finden und dann aus der Ernährung wegzulassen, so sollte in jedem Fall weiter gestillt werden. Reagiert ein Baby bereits über die Muttermilch z.B. auf die winzigen Restmengen Kuhmilch, so kann man sich vorstellen, wie es auf eine Flasche mit künstlicher Milchnahrung reagiert.

Für nicht-gestillte Säuglinge kann in Zusammenarbeit mit dem Kinderarzt eine allergenarme Spezialmilch, z.B. ein milchfreies Produkt, gewählt werden. Allerdings sind diese sehr teuer und werden von den Kindern häufig abgelehnt.

Ein völlig anderer Grund für Baby´s Weinen könnte das KISS-Syndrom sein. Ein „Schreibaby“ welches permanent Schmerzen zu haben scheint, sollte wirklich einmal einem auf KISS spezialisiertem Kinderarzt (leider nehmen viele andere Ärzte das Problem überhaupt nicht ernst!) vorgestellt werden. Mögliche Anzeichen können sein: besondere Bevorzugung einer Körperseite, Schiefhals, massives Durchstrecken, Verweigerung oder wundsaugen einer (!) Brust … Mehr zum Thema findet sich z.B. unter: www.kiss-kid.de


Zuletzt zu dem Punkt, der mir persönlich am wichtigsten erscheint:

Meiner Meinung nach der häufigste Grund für schreiende Babys sind schlicht und einfach Anpassungsschwierigkeiten; andere nennen diese Babys reiz-überflutet.  Das verwundert überhaupt nicht. Machen wir uns doch einmal klar, was so ein kleiner Mensch erlebt: Vor seiner Geburt kennt er weder Hunger, noch Schmerz, noch Müdigkeit. Jedes seiner Bedürfnisse wird erfüllt bevor es aufkommt. Sein kleines Reich ist angenehm warm, abgedunkelt und ruhig. Geräusche hört er nur gedämpft, überwiegend die rhythmischen Körpergeräusche seiner Mutter, ständig wird er mehr oder weniger geschaukelt und bewegt.

Dann folgt die Geburt, in jedem Fall eine anstrengende Angelegenheit für den kleinen Menschen und häufig auch ein großer Schock. Plötzlich erlebt er: Kälte, trockene, kalte Luft, die in den Atemwegen schmerzen kann. Grelles Licht, was in seinen Augen brennt. Er erlebt Hunger, erschrickt vor unbekannten Geräuschen. Täglich wächst sein Sichtradius, damit fallen ihm täglich neue Dinge ins Auge, die ihn mitunter erschrecken. So viele Eindrücke - sie müssen gar nicht (alle) schlecht sein, aber sie beunruhigen ihn oder machen ihm Angst. Das allein ist schon genug Grund zu schreien. Dazu kommen die Eltern, die voller Sorge um ihr kleines Baby alle möglichen und unmöglichen Tipps versuchen, ihm dabei immer wieder, immer neue Reize liefern und am Ende selber völlig aufgelöst sind, was sich wiederum auf das Baby überträgt.

Vielleicht stimmt es, dass der Verdauungstrakt schmerzt, weil er noch unreif ist. Vielleicht schlägt dem Baby sein ganzer Babystress aber auch einfach nur auf den Magen?! Vielleicht verkrampft sich der kleine Bauch mit dem gesamten Körper, weil das Baby einfach überreizt und überfordert von all dem Neuen ist. Das kennen wir von uns großen Leuten nicht anders: Stress verursacht bei uns oft Schmerzen, ob Magenschmerzen oder Kopfschmerzen; warum sollte es einem Baby anders gehen?!

Typisch für reizüberflutete Babys sind regelmäßige „Schrei-Stunden“, oft am späten Nachmittag, abends oder nachts. Vielen Eltern fällt selbst auf, dass die Babys häufiger verstärkt schreien, wenn der Tag hektischer oder ereignisreicher war.

Diesen Babys zu helfen ist recht einfach: Geben wir ihnen ein Stückchen „Paradies“ zurück! Im Tragetuch eng angebunden an Mutters oder Vaters Körper entspannen sie sich meist, und mit ihnen entspannt sich nicht nur ihr Bäuchlein, sondern auch die Eltern, was wiederum entspannend und beruhigend auf das Baby wirkt.

Wichtig ist, dass das Baby möglichst tief in das Tuch gepackt wird. Zunächst sollte sein Köpfchen allenfalls an einer Seite etwas rausschauen können, so dass es sich jederzeit völlig zurückziehen kann. Von alleine wird es sich bald selbst „entwickeln“ und anzeigen, dass es aus seinem sicheren Hafen aus langsam mehr sehen möchte von der Welt. (Da Bauchtragen meist mehr Sichtfreiheit bieten und das Köpfchen nicht eng umschließen, finde ich sie für unruhige Babys ungeeigneter.) Das Baby hat am Körper seiner Bezugspersonen so immer die Möglichkeit, sich ein Stückchen hinaus in die Welt zu trauen, und sofort wieder in sein kleines, dunkles Paradies zurückzukehren, wenn es merkt, dass ihm die Welt zu viel wird. Das „Geheimnis“ liegt darin, das Baby einzutuchen, bevor es beginnt zu schreien. Wie schon erwähnt, bewirkt das Tragen auch eine leichte wärmende Bauchmassage.

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