Erhöhte Risiken bei Hausgeburten? Über die tendenziöse Interpretation wissenschaftlicher Daten

Im November 2011 wurde im British Medical Journal eine Studie zumVergleich der Risiken von klinischen und außerklinischen Geburten publiziert (siehe hier: Online-Publikation des BMJ). Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburthilfe publizierte daraufhin in ihrer Zeitschrift "Der Frauenarzt" eine Interpretation der Studie mit dem Titel "Hausgeburten - Risiken erhöht" (nachlesbar hier: Stellungnahmen der DGGG). Der im Folgenden zitierte Einspruch der Gynäkologin Dr. Ulrike Bös, als Leserbrief an "Der Frauenarzt" verfasst, weist die Fehler in dieser Interpretation der Studie auf.

 

Über die tendenziöse Interpretation wissenschaftlicher Daten. Eine Erwiderung zur Stellungnahme der DGGG und des BVF über die Risikoerhöhung bei Hausgeburten

 

Als geburtshilflich tätige niedergelassene Gynäkologin kann ich die Stellungnahme der DGGG [Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V.] und des BVF [Berufsverband der Frauenärzte e.V.] im FRAUENARZT Nr. 12, 52(2011)(1) „Hausgeburt – Risiken erhöht“ nicht unerwidert stehen lassen.

Einigermaßen erstaunlich ist die kühne Interpretation wissenschaftlicher Untersuchungen in Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland, die mit DGGG/BVF-eigenen Schlussfolgerungen versehen und unzulässig wiedergegeben werden.

Gleich zu Beginn heißt es in der Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und des Berufsverbands der Frauenärzte: Eine große, soeben publizierte Studie mit fast 65.000 Schwangeren in Großbritannien zeigte, dass die Hausgeburt mit einem erhöhten Risiko für Mutter und Kind verbunden ist.
Dies steht im klaren Widerspruch zu der Schlussfolgerung im Originalartikel des Britisch Medical Journal vom 24.11.11 (2), welche lautet: Overall, there were no significant differences in the adjust odds of the primaryoutcome for any of the non-obstetric unit settings compared with obstetricunits.


Worum geht es in der Britischen Studie?
In einer prospektiven Kohortenstudie wurden von April 2008 bis April 2010 insgesamt 64 538 gesunde Schwangere mit komplikationslosen Einlingsschwangerschaften und Geburten nach vollendeter 37.SSW in Bezug auf den Zustand von Mutter und Kind während und nach der Geburt (perinatal and maternal outcome) abhängig von der Wahl des Geburtsortes untersucht. Miteinander verglichen wurden die Geburt zu Hause, in einer hebammengeführten Einrichtung (Geburtshaus), in einer Beleghebammenabteilung einer Klinik und in einer geburtshilflichen klinischen Abteilung (obstetric unit). Messkriterien sind so unterschiedliche Geburtskomplikationen (perinatal outcome event) wie Hirnschäden, Mekoniumaspiration, Armlähmungen, Humerus-oder Claviculafrakturen, perinataler Kindstod.

Beim Vergleich der Untersuchungsergebnisse mit der Interpretation von DGGG und BVF fällt eine bemerkenswerte Diskrepanz auf: Während der BMJ-Artikel 4,3 Komplikationen auf 1000 Geburten ohne Unterschied zwischen den verschiedenen Geburtsorten nennt, sprechen DGGG/BVF von 9,3/1000 bei Hausgeburten und nur 5,3/1000 bei Klinikgeburten.

 

Wie kommen DGGG und BVF auf diese Zahlen?
Es wurden willkürlich Zahlen aus einer Subgruppenanalyse, nämlich die der Erstgebärenden ohne vorher bekannte Risikofaktoren herangezogen und ausschließlich Hausgeburten und Klinikgeburten in dieser, das Gesamtergebnis nicht signifikant beeinflussenden Untergruppe, als Gesamtergebnis dargestellt. Die entsprechende Schlussfolgerung im BMJ Artikel, nämlich, dass „es insgesamt keinen signifikanten bei außerklinischen und klinischen Geburten in Bezug auf die gemessenen Geburtskomplikationen gibt“, wurde oben bereits zitiert.
Darüberhinaus – und dies ist in der deutschen Stellungnahme keine Erwähnung wert – wird keinerlei Unterschied in Bezug auf Geburtskomplikationen bezüglich des Geburtsortes bei Mehrgebärenden festgestellt. Die Verlegungsraten bei 36-45% der Erstgebärenden und 9-13% bei Mehrgebärenden im Rahmen von Hausgeburten, werden lieber als Unfähigkeit von „Hebammen, die auftretende Komplikationen nicht mehr beherrschen konnten“ gesehen, denn als Ausdruck eines verantwortungsvollen Geburtsmanagements von berufserfahrenen Hebammen und außerklinischen geburtshilflichen Teams.

Diese polemisierende Interpretation mag ins Editorial desselben FRAUENARZTheftes Nr.12 passen, wo die Hausgeburtshilfe der 60er Jahre ganz unzulässig und unseriös mit der qualitätsgesicherten außerklinischen Geburtshilfe nach 2000 verglichen wird; sie ist aber nicht in der offiziellen Stellungnahme zweier etablierter Fachgesellschaften angebracht.

 

Obwohl der Kostenaspekt bei der Wahl der verschiedenen Geburtsorte sicher auch für das hiesige Gesundheitssystem lohnenswert wäre, sollte nicht auf weitere, ganz zentrale Schlußfolgerungen der englischen Studie verzichtet werden, die die deutsche Stellungnahme von DGGG/BVF leider ganz unterschlägt:

1) Gesunde Frauen mit komplikationslosen Schwangerschaften sollten bei der freien Wahl des Geburtsortes unterstützt werden

2) Bei Gebärenden ohne Risikoschwangerschaften, insbesondere bei Mehrgebärenden, werden in hebammengeführten Einrichtungen weniger geburtshilfliche Eingriffe notwendig als in klinischen geburtshilflichen Abteilungen.

3) Bei Erstgebärenden kommt es im Rahmen des außerklinischen Geburtsortes zwar zu einer höheren Komplikationsrate als in der Klinik; dieses Untergruppenergebnis ist aber statistisch nicht signifikant für das Gesamtergebnis der Studie, bei der Hausgeburten, Geburtshausgeburten und Geburten an Belegabteilungen kein erhöhtes Risiko für Mutter undKind darstellen.

 

Was die Interpretation der niederländischen Geburtsdaten betrifft, so sind DGGG/BVF auch hier sehr ungenau, um nicht zu sagen verfälschend, in ihrer Darstellung. Richtig ist, dass in den Niederlanden 20-30% der Geburten Hausgeburten sind. Tatsache ist laut einer Studie von van der Kooy et al vom November 2011 (3), bei der geplante Hausgeburten mit geplanten Klinikgeburten verglichen werden, dass bei Hausgeburten die intrapartale und postpartale Mortalität (Tag 0-7 postpartum) 1,5/1000 , bei Klinikgeburten 1,8/1000 beträgt. Dass laut Euro-Peristat die Niederlanden die höchste perinatale Mortalität von 15 anderen europäischen Vergleichsländern aufweisen, liegt jedoch nicht an den Hausgeburten, wie in der Stellungnahme von DGGG/BVF gemutmaßt wird, sondern laut Buitendijk et al 2004 (4) an anderen Faktoren: dem konservativen, wenig invasiven Vorgehen niederländischer Neonatologen bei der Behandlung von Frühgeborenen, das die deren Überlebenswahrscheinlichkeit reduziert; weniger häufigem pränatalem Screening für angeborene Fehlbildungen; deutlich höhere Quote an älteren Gebärenden; höhere Anzahl von Mehrlingsschwangerschaften und von Müttern ethnischer Minderheiten.
Das Euro-Peristat (5) erwähnt mit keiner Silbe die Hausgeburten als ursächlichen Faktor der erhöhten perinatalen Sterblichkeit.

 

Zurück nach Deutschland. Hier ist bei der Gesellschaft für Qualität in deraußerklinischen Geburtshilfe (QUAG) für jedes Jahr nachzulesen (6), wie hoch die perinatale Mortalität der außerklinisch geborenen Kinder ist. Die perinatale Mortalität laut QUAG betrug 2009 2,0/1000 Geburten, die maternale Mortalität betrug 0 %. (In der von Ihnen zitierten Jahresauswertung 2009 der Ärztekammer Niedersachsen (7) werden neben klinischen geburtshilflichen Abteilungen nur noch Belegabteilungen für Geburtshilfe, jedoch keine Hausgeburten oder Geburtshäuser genannt.)

Die offizielle Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und des Bundesverbands der Frauenärzte suggeriert auf den ersten Blick vehementes Engagement mit wissenschaftlich fundierten Begründungen. Nach Auseinandersetzung mit der Originalliteratur bleibt die ernüchternde Erkenntnis: Hier werden wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse aufgrund von vorgefassten Meinungen wissentlich ignoriert; der gute Ruf einer Fachgesellschaft mit Leitlinienkompetenz wird aufs Spiel gesetzt.

Wenn DGGG und BVF in Zukunft für Sachlichkeit und wissenschaftliche Seriösität stehen wollen, dann sollten sie sich zu mehr fachlicher Diskussion und weniger Polemik durchringen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Ulrike Bös
Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe
Staufen, den 17.01.2012

 

Literatur:

1. Hausgeburt- Risken erhöht. Stellungnahme der DGGG und des BVF, FRAUENARZT Nr.12, 52(2011)
2. Perinatal and maternal outcomes by planned place of birth for healthy women with low risk pregnancies: the Birthplace in England national prospective cohort study. BMJ 343(2011) bmj.d7400
3. Planned home compares with planned hospital births in the Netherlands: intrapartum and early neonatal death in low-risk pregnancies. Van der Kooy J., et al, Dptm. Of Obstetricx and Gynaecology, Erasmus MC, Rotterdam, The Netherlands. Obstet Gynecol. 2011 Nov; 118(5): 1037-46
4. High perinatal mortality in the Netherlands compares to the rest of Europe. Buitendijk SE , Nijhuis JG, TNO Preventie en Gezondheid/Jeugd, Postbus 2215, 2301 CE Leiden. Ned Tijdschr Geneeskd 2004 Sep 18; 148(38):1855-60
5. European Perinatal Health Report by the Eruo-Peristat Project in Collaboration with SCPE, EUROCAT EURONEOSTAT. Data from 2004. www.europeristat.com
6. Außerklinische Geburtshilfe in Deutschland- Qualitätsbericht 2009. Gesellschaft für Qualität der außerklinischen Geburtshilfe e.V. QUAG. www.quag.de
7. Zentrum für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen. Einrichtung der Ärztekammer Niedersachsen: Geburtshilfe. Modul 16/1. Jahresauswertung 2009. www.zq-aekn.de

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