Hoffnung aus dem Eisfach: Stammzellen aus der Nabelschnur werden für später eingefroren. Lohnt sich das?

Wollen Sie, dass Ihr Kind immer gesund bleibt? Diese Suggestivfrage wird derzeit werdenden Eltern in Broschüren und auf Informationsabenden gestellt. Wer mit ja antwortet – wer täte das nicht? –, bekommt ein verführerisches Heilsversprechen präsentiert: Aus dem Blut der Nabelschnur des Neugeborenen könne man wertvolle Stammzellen gewinnen, diese einfrieren lassen und für alle Zeiten aufbewahren. Leidet der dann groß gewordene Mensch an irgendeiner schweren Krankheit, würden die Stammzellen aufgetaut und eingespritzt. Da es körpereigene Zellen sind, müsse man nicht einmal eine Abstoßungsreaktion befürchten – der Mensch greife sozusagen auf sein eigenes Ersatzteillager zurück.

Diese einstweilige Verfügung gegen spätere Leiden, quasi eine Lebensversicherung in minus 196 Grad Celsius kaltem Stickstoff, bieten in Deutschland bereits vier Unternehmen an. Doch bislang ist es nur eine bloße Hoffnung, die werdende Eltern kaufen können. Ein illusorisches Pflaster gegen die Angst für die nicht unbeträchtliche Summe von 1500 bis 2000 Euro.

Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit beginnt schon bei der Logistik: Wie kommt das Blut aus der Nabelschnur in den Tiefkühlbehälter? Die Qualität des Zellpräparats ist umso besser, je weniger Zeit bis zur Einlagerung verstreicht. Doch die Reise kann lang sein: In der Regel vergehen bis zu 24, manchmal auch 48 Stunden, bis das Blut an der »Endlagerstätte« eintrifft. Die Blutbeutel des Anbieters Vita 34 kommen nach Leipzig, die von BasicCell ins Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen nach Bad Oeynhausen. Die wertvolle Fracht der beiden anderen Firmen, Cryo-Save und Cryo-Care, wird ins Ausland geschafft. Mit Grenzübertritt unterliegt sie jedoch nicht mehr der deutschen Gesetzgebung und ist im Ernstfall – zum Beispiel bei einer Insolvenz der Firma – dem Zugriff entzogen.

Auch an der Technik des Einfrierens scheiden sich die Geister. Die einen schwören auf Vollblut, die anderen trennen Stammzellen und übrige Blutbestandteile. Welchen Weg man auch wählt, ob er die Zellen so schützt, dass sie auch in 20, 40 oder gar 60 Jahren noch für eine Anwendung als Heilmittel brauchbar sind, ist keinesfalls erwiesen. Langzeitstudien in Sachen Kältekonservierung von Stammzellen haben gerade erst begonnen.

Aber räumen wir alle Zweifel beiseite und nehmen an, Transport und Konservierung von Stammzellen seien dereinst gesichert. Was lässt sich mit Stammzellen aus der Nabelschnur ausrichten? In Mäusen viel. Im Menschen noch herzlich wenig. Weltweit liegen über 300000 private Nabelschnurblut-Präparate auf Eis. Damit konnten seit 1999 weltweit lediglich fünf Kinder geheilt werden. Etwas öfter hat die Spende von Nabelschnurblut Familienangehörigen geholfen: Knapp 60-mal retteten die Stammzellen eines Neugeborenen einen engen Verwandten. In all diesen Fällen aber lagen die Präparate nur wenige Monate auf Eis. Ob auf diese Weise auch eine Eigentherapie gelänge, mit Zellen, die jahrzehntelang im Stickstoff warteten, weiß niemand.

Üblich und erprobt ist heute die Entnahme von Stammzellen aus dem Knochenmark vor einer Chemotherapie, damit diese dem Patienten nach der Behandlung wieder zugeführt werden und die bei der Therapie abgestorbenen Zellen ersetzen können. Aber im Knochenmark leben adulte Stammzellen. Jene aus der Nabelschnur bewegen sich in der Grenzwelt zwischen adult und embryonal, haben also andere – bislang noch wenig erforschte – Eigenschaften. Bisher ist beispielsweise nicht geklärt, ob sie, wie die embryonalen Stammzellen, zur Tumorbildung neigen.

Ein derzeit heißes Forschungsfeld ist das so genannte Tissue Engineering, der Bau von neuem Gewebe, bei dem Stammzellen als Ausgangsmaterial dienen können. Auch in Deutschland wird daran geforscht: an der TU München unter der Leitung von Erich Wintermantel. Er verwendet Stammzellen direkt aus dem Gewebe der Nabelschnur. Die Wissenschaftler um Wintermantel experimentieren an der genauen Rezeptur der »Powernahrung«, die Stammzellen brauchen, um gewünschte Folgezellen zu produzieren, etwa Knochen-, Knorpel- oder Fettzellen. Der Leiter des Teams glaubt an die Zukunft des Tissue Engineering. »Wir möchten uns die Leber vornehmen, wir möchten ans Herz gehen«, visiert er seine – fernen – Ziele an.

Die Meldungen aus den Labors, in denen an der Züchtung neuen Gewebes aus Stammzellen geforscht wird, klingen oft enthusiastisch, basieren aber hauptsächlich auf Mutmaßungen. Bisher ist es lediglich gelungen, Vorläuferzellen für verschiedenartiges Gewebe aus embryonalen Stammzellen zu züchten. Die Zellen wirklich zu beherrschen ist schwer.

Was also tun mit der Nabelschnur? In den Abfall werfen, wie es bislang die übliche Praxis war? Die bislang sinnvollste Alternative ist die Spende an eine öffentliche Nabelschnurblutbank, von der aus die Stammzellen denen zugänglich sind, die sie wirklich brauchen: Menschen, die zum jetzigen Zeitpunkt todkrank sind und keine eigenen Stammzellen aus ihrem Knochenmark ziehen können. Ihnen kann diese Spende das Leben retten. Weltweit wurden bisher über 5000 Patienten fremde Stammzellen aus Nabelschnurblut transplantiert. Oder man übereignet die Nabelschnur der Forschung – in der Hoffnung, dass sich das Einfrieren wenigstens für die Enkelkinder lohnt.

(c) DIE ZEIT Nr. 53/ 2004 vom 22.12.2004

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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