Sternenkinder - Rede über dein Kind

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Rede über dein Kind

Mit dem Schock der Diagnose und der Geburt hat der Trauerprozess gerade erst begonnen. Die Eltern kommen nachhause, allein. Sie begegnen der Nachbarin, die sich nach dem „Butzi“ erkundigt. Mein Kind ist tot. Entsetzen. Sprachlosigkeit. Zuhause wartet das fertige Kinderzimmer. Wird es ein Ort der Erinnerung sein oder kann ich es nie mehr betreten? Der Körper der Frau, die gerade ein Kind zur Welt gebracht hat, ist darauf eingestellt, das Baby zu versorgen. Die Medikamente zum Abstillen wirken nur bedingt, die Milch tropft. „Ihr Körper ist mit Hormonen überschwemmt, mit Muttergefühlen, die nirgends hinkönnen“, drückt es eine Psychologin aus. Doch das sei auch gut so, denn dieses Chaos ermöglicht das ungehemmte Weinen, immer wieder. „Tränen heilen das Loch im Herzen.“
Es gibt noch einiges zu regeln: Ich muss mein Kind beerdigen. Der Gedanke an den kleinen Sarg nimmt mir die Luft zum Atmen. Ich muss alle FreundInnen informieren, die sich mit mir aufs Baby gefreut haben. Was hab ich alles auf Facebook geteilt? 
Es gibt Hilfestellungen, die das Trauern und den Umgang mit der Katastrophe erleichtern: von Mitteln zur Traumabewältigung aus der Homöopathie und Aromatherapie bis hin zu Büchern und psychologischer Hilfe. Die Selbsthilfegruppe Regenbogen bietet Gruppentreffen in fast allen Bundesländern in Österreich an, vergleichbare Angebote gibt es auch in Deutschland. Die Website bietet Erstinformation für Betroffene, für Angehörige und auch eine Liste an TherapeutInnen mit unterschiedlichen Angeboten: von der Trauerbegleiterin, die auch Hausbesuche macht, bis zur Praxis der Lebensberaterin. 
Nach dem Weinen kommt das Reden. Traumatherapie bedeutet immer auch: Worte für das Unfassbare finden. Rede über dein Kind. Psychologinnen erzählen von Sternenmüttern, die dreißig Jahre nach ihrer Totgeburt noch immer kein Wort über ihr Kind über die Lippen bekommen, ohne ein ersticktes Schluchzen. Sie haben es nie getan, der „Vorfall“ wurde verdrängt. Das tote Kind auch noch totgeschwiegen. 
Nanaya, das Zentrum für Schwangerschaft und Geburt in Wien, hat sich auch der Zielgruppe Sternenmamas angenommen und bietet u.a. einen Kurs zur Rückbildungsgymnastik „für Frauen, deren Baby gestorben ist“ an. Ein unglaublich wichtiges Angebot, denn keine dieser Mütter würde es aushalten, mit anderen Müttern und ihren Babys im Kurs zu sein. Und doch haben auch ihre Körper eine anstrengende Schwangerschaft hinter sich. Dieser Rückbildungskurs ist anders. Die Frauen weinen miteinander, bevor sie miteinander turnen. So entsteht ganz schnell eine Verbundenheit, ein Verständnis, das anderen in dieser Situation fehlt. Diese Sternenmamas können sich treffen, um über ihre Trauer zu reden, sie lachen miteinander, sie weinen miteinander, die Fotos der toten Kinder machen die Runde. Wie soll euer Grabstein aussehen? Was soll ich der Kollegin erwidern, die mir ein „komm endlich drüber hinweg“ entgegenschleudert?

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