Stillen, Beikost und Allergievorbeugung

Das Thema Stillen und Allergieprävention wird gerade heiß diskutiert. Seit 2009 die neue Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (in Zusammenarbeit mit anderen Fachgesellschaften) herausgegeben wurden, gibt es viel Unsicherheit zum optimalen Zeitpunkt zur Beikosteinführung. Bei genauerer Betrachtung hat sich aber beim Zeitpunkt nicht so viel geändert, wie es scheint.

Geändert hat sich dagegen die Auffassung, dass Allergenvermeidung die sinnvollste Präventionsmaßnahme ist. Aktuelle Studien belegen das Gegenteil – unter bestimmten Voraussetzungen ist es besser, die Allergene früh einzuführen.

 

Stillempfehlungen

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt seit Jahren, sechs Monate ausschließlich (=voll) zu stillen. Nach einigen Gerüchten, die Empfehlungen würden geändert oder würde ausschließlich für Kinder in Ländern der Dritten Welt gelten, wurde die Empfehlung 2011 nochmal bekräftigt: Ausschließliches Stillen während der ersten sechs Monate ist für Babys überall das Beste! Laut WHO soll mindestens bis zum 2. Geburtstag weiter (teil-)gestillt werden bzw. darüber hinaus so lange, wie Mutter und Kind dies wünschen.

Die für Deutschland zuständige Nationale Stillkommission empfiehlt im Prinzip dasselbe: Die beste Ernährung des Säuglings ist Muttermilch. Vollstillen ist für die allermeisten Säuglinge im ersten Lebenshalbjahr die beste Ernährung. Beikost soll je nach Beikostreife des Kindes ab dem 7. Lebensmonat, keinesfalls vor dem 5. Lebensmonat eingeführt werden. Die Einführung von Beikost ist nicht gleichbedeutend mit dem Abstillen: Der endgültige Zeitpunkt zum Abstillen ist eine individuelle Entscheidung, die gemeinsam von Mutter und Kind getroffen wird.

Die Abweichung der nationalen Stillkommission gegenüber der Empfehlung der WHO kommt daher, dass die Nationale Stillkommission keine weltweit gültige Empfehlung geben muss. Es wäre geradezu gefährlich, würde die WHO nur ein Jahr stillen empfehlen. Die Nationale Stillkommission hat dagegen den Luxus, unseren Lebensstandard und die hiesigen Möglichkeiten in ihre Empfehlungen einfließen zu lassen. Sie formuliert daher schwammiger als die WHO und legt sich nicht auf einen bestimmten Zeitraum fest, in dem vollgestillt werden soll. Dies macht die WHO-Empfehlung aber nicht schlechter oder übertrieben, sondern genauso richtig für Deutschland wie für den Rest der Welt.

Die Empfehlung, sechs Monate voll zu stillen, und zwischen dem 5. und 7. Lebensmonat Beikost einzuführen, wird selten in Frage gestellt. Die darüber hinaus gehende Empfehlung, bis zum 2. Geburtstag weiter zu stillen bzw. darüber hinaus, solange Mutter und Kind dies wünschen, ist dagegen weniger bekannt. Dabei ist genau diese Empfehlung bedeutsam für die Allergieprophylaxe.

 

Vier oder sechs Monate vollstillen?

Aufgrund einer gestiegenen Anzahl an allergischen Erkrankungen (wie Asthma, Heuschnupfen, atopische Dermatitis) wurden die früheren Empfehlungen zur Allergieprophylaxe überdacht.

Eine Formulierung in der neuen Leitlinie stiftet dabei Verwirrung: „Die Beikosteinführung aus präventiven Gründen über den vollendeten 4. Lebensmonat hinaus zu verzögern, wird nicht empfohlen“. Dies bedeutet nichts anderes, als dass es aus allergiepräventiver Sicht keinen Sinn macht, länger als vier Monate voll zu stillen. Selbstverständlich gibt es aber andere Gründe, die es durchaus empfehlenswert machen, länger als vier Monate voll zu stillen. Untersuchungen zeigen, dass ausschließlich gestillte Kinder seltener an gastrointestinalen Infekten leiden, und dass das über vier Monate hinausgehende Vollstillen einen deutlicheren Schutz gegen Atemwegserkrankungen und Magen-Darm-Infekte ergab. Auch die Häufigkeit anderer Erkrankungen (Mittelohrentzündungen, Diabetes Typ 1) sollen davon abhängig sein, dass länger als vier Monate vollgestillt wurde. Dazu kommt, dass Stillen eben nicht nur der Nahrungsaufnahme dient, und dass ein nicht beikostreifes Kind nicht zum Essen gezwungen werden kann und darf.

 

Allergenvermeidung oder frühe Toleranzentwicklung?

Die erste Leitlinie zur Allergieprävention aus dem Jahr 2004 kam noch zu dem Schluss, dass die Allergenvermeidung die beste Präventionsmaßnahme wäre. Diese Leitlinie war nach Auswertung verschiedener aktueller Studienergebnisse nicht mehr haltbar. In der neuen Leitlinie von 2009 gilt daher das Gegenteil: Die Auseinandersetzung des Immunsystems mit bestimmten Lebensmitteln (Weizen, Gluten allgemein, Fisch, Ei) fördert eine Toleranzentwicklung, die Entwicklung von Allergien wird weniger wahrscheinlich.

Vor allem als Reaktion auf die stark gestiegene Anzahl von an Zöliakie erkrankten Kindern wurde die Empfehlung zur Vollstillzeit von sechs auf vier Monate verkürzt. Der Grund: Die meisten Mütter (in der Untersuchung) hatten ihre Kinder bereits mit sechs Monaten abgestillt und führten gleichzeitig Beikost ein. Später folgte die Beobachtung, dass Kinder, die unter dem Schutz des Stillens ihren ersten Kontakt mit glutenhaltigem Getreide hatten, weniger häufig an Zöliakie erkrankten. Daraus wurde gefolgert, dass der Zeitpunkt der Beikosteinführung vorverlegt werden musste. Die zweite Alternative wäre, auf eine längere Gesamtstilldauer hinzuarbeiten. Werden Kinder länger gestillt, und damit automatisch auch noch während der Beikosteinführung gestillt, ergibt sich das Problem nämlich nicht.

Optimal ist diese Toleranzentwicklung nämlich nur, solange während der Beikosteinführung weiter gestillt wird. Es kommt weniger auf den Zeitpunkt an, wann Beikost eingeführt wird, sondern auf die Einführung, während noch gestillt wird. Und so muss keiner Mutter geraten werden, kürzer als sechs Monate vollzustillen, aber die Beikost sollte auf jeden Fall während der Stillzeit eingeführt werden.

In einem Artikel von Krawinkel wurde darüber hinaus darauf hingewiesen, dass es sinnvoll sei, bei der Beratung von Müttern auf deren Ziele zu achten: Müttern, die gerne und lange stillen wollen, kann das 6monatige Vollstillen mit anschließender langsamer Beikosteinführung parallel zum Teilstillen empfohlen werden. Mütter, die (entgegen der WHO- und NSk-Empfehlungen) nach 6 Monaten abgestillt haben wollen, sollte eine Beikosteinführung ab dem 5. Lebensmonat empfohlen werden.

 

Umsetzung

Es ist sinnvoll, der WHO-Empfehlung zu folgen und sechs Monate vollzustillen, wenn keine familiäre Vorbelastung für Allergien besteht, auch wenn die Mutter nach sechs Monaten abstillen möchte. Auch wenn man ein allergiegefährdetes Kind hat, gilt: Kein Kind kennt die Empfehlungen und hält sich zu 100 Prozent daran. Man muss man sich also keine Gedanken machen, wenn das Kind mit Beginn des 5. Lebensmonats nichts essen möchte oder keine Zeichen für Beikostreife zeigt. Es gilt weiterhin, dass das Kind und nicht der Kalender den Start für die Beikost vorgibt. Auch bei einem Risikokind muss man nicht ab dem 5. Lebensmonat zwanghaft versuchen, Allergene einzuführen - man darf es aber, wenn das Kind es möchte.

Bei einem allergiegefährdeten Baby ist es aber besonders anzuraten, dass das Baby noch während der Stillzeit das Angebot bekommt, etwas zu essen, und dass es - neben dem Stillen nach Bedarf – nun auch nach Bedarf essen darf. Ein fünfmonatiges Kind, das deutliche Beikostreife zeigt, muss nun nicht mehr zwanghaft von jeglichem Essen ferngehalten werden. Und es müssen nicht mehr viele hochwertige, nährstoffhaltige Lebensmittel vom Speiseplan gestrichen werden. Erlaubt ist fast alles. Fisch, Ei, gemahlene Nüsse, glutenhaltiges Getreide, all das darf in kleinen Mengen ab dem 5. Lebensmonat eingeführt werden.

Weiterhin vermieden werden sollte jedoch Honig, zuviel Salz, rohe Eier, rohes Fleisch und roher Fisch, jedoch nichts davon aus Allergiegründen.

 

Wenn nicht gestillt wird…

Für Mütter, die ihr Kind ohne Muttermilch ernähren wollen oder müssen, gilt ein ganz ähnlicher Ansatz: Für Risikokinder mindestens vier Monate lang ausschließlich hypoallergene Pre-Nahrung (HA-Pre), danach kann mit der Einführung von Beikost begonnen werden. Die Möglichkeiten der Allergievermeidung sind aber bei mit Pre- und/oder HA-Nahrung ernährten Kindern weniger groß.

Sobald die Beikosteinführung erfolgt, macht eine weitere Verwendung von HA-Nahrung keinen Sinn und es kann langsam auf Pre umgestellt werden. Keinesfalls sollte aber die Pre-Nahrung gleichzeitig durch Kuhmilch oder andere Tiermilch ersetzt werden.

Zwiemilchernährte Kinder profitieren allerdings vom Schutz der Muttermilch hinsichtlich der Allergieprophylaxe, dieser wird durch das Zufüttern von künstlicher Säuglingsmilch nicht geschmälert. Hier gilt der Slogan der La Leche Liga: Jeder Tropfen zählt.

 

Quellen

Denise Both: „Eine unendliche Geschichte – Empfehlungen zur Säuglingsernährung“, Laktation und Stillen 03/2011.

Michael B. Krawinkel: „Vom Nutzen des Stillens – Konsensus und weitergehende Überlegungen“, Kinder- und Jugendmedizin 2/2011.

Ute Körner: „Neue Empfehlungen zur primären Allergieprävention in Schwangerschaft und Stillzeit“, die hebamme 2011.

WHO: „Exclusive beastfeeding for six months best for babies everywhere“, Statement vom 15.01.2011.

Nwaru et al: „Age at the Introduction of Soldi Foods During the First Year on Allergic Sensitization at Age 5 Years“, Pediatrics 125/1, 01/2010.

Nationale Stillkommission: „Empfehlungen zur Stilldauer“, 2004.

DGAKI: „Leitlinien Allergieprävention“, 2009.

Stephanie Euler, Ernährungswissenschaftlerin

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