Hinter das Verhalten schauen

 

In einem kürzlich veröffentlichten Artikel auf einer Familienhomepage, berichtete eine Mutter von einem Vorfall, bei dem sie sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert hätte. Sie umarmte ihren Ehemann im Wohnzimmer, als ihr Kleinkind ankam und sie ins Bein biss. Daraufhin  hob sie ihren Sohn hoch, weil sie fürchtete, er  würde sonst noch einmal beißen, und erklärte ihm dann in sanftem, aber bestimmten Ton: „Du darfst niemanden beißen. Das tut weh. Es tut mir weh, wenn du mich beißt. Bitte mach das nicht noch mal.“ Drei Tage später sah sie die Angelegenheit so:

„Ich kann erst jetzt sehen, was ich getan habe. Ich hätte konsequent und klar sein müssen, und hätte mich nicht von Ärger oder Schuld  leiten lassen sollen. Ich hätte mich zu ihm hinunter beugen sollen von Angesicht zu Angesicht – anstatt ihn auf den Arm zu nehmen – und ihm deutlich sagen sollen, nie wieder zu beißen. Dann hätte ich ihn alleine zurück lassen sollen, nicht im Zorn oder zur Strafe, jedoch ohne die Spur von Zweifeln, damit er kapieren kann, woran er ist. Ich sehe es jetzt ganz klar – aber in der Hitze des Gefechts, habe ich mich falsch verhalten.“

Beide ihrer Antworten – die, die sie tatsächlich gab und die, die sie wünschte, gegeben zu haben, ließen mich zurück mit schmerzlichen Fragen: Wie kann ein Elternteil seine eigenen Gefühle der Schuld oder des Ärgers einfach ignorieren? Hätte sie den Ärger über die Schmerzen durch den Biss ehrlich ausdrücken können? Wird einem weinenden Kleinkind durch die Weigerung es in die Arme zu nehmen vermittelt, dass es nur geliebt wird, wenn es brav ist? Wird es so lernen, für andere Wohlwollen und Verständnis zu haben, wenn sie „schlechte“ Gefühle äußern? Wie kann man ein Kind alleine zurück lassen, ohne es im Stich zu lassen? Verarbeitet sie ihr Verhalten, in dem sie das sagt, was sie meint, das andere für richtig hielten?  Und, am aller Wichtigsten, was hat sie aus diesem Vorfall gelernt? Und was das Kind? Das nächste Mal, wenn ihr Sohn beißt, wird sie in der Lage sein mit ihm über seine Gefühle wie Eifersucht und Ärger, die zum Beißen führten, sprechen können? Wird er daraus lernen, wie er seine Gefühle artikulieren muss, damit seine Bedürfnisse berücksichtigt werden können? Ich stimme zu, Eltern sollten konsequent sein und es vermeiden, ihre Kinder durch ihr Verhalten zu verunsichern. Aber inwiefern sollten wir konsequent sein? Welches sind die am meisten hilfreichen Mitteilungen für unsere Kinder, die wir machen können?

Eins der wichtigsten Elemente des Elternseins ist: Die Gefühle, die hinter dem kindlichen Verhalten stehen, müssen erkannt, akzeptiert, verstanden und offen behandelt werden, bevor das Verhalten sich ändern kann. Bevor das nicht geschieht, wird das unerwünschte Verhalten oder gar ein noch heftigeres Verhalten aus Sicht der Eltern anhalten. Wie sollte es sonst sein? Erwachsene verhalten sich ganz genauso. Wenn wir uns gegenüber unserem Partner „daneben benehmen“ und er oder sie macht keine Anstalten, Verständnis für uns  aufzubringen, die Gefühle dahinter zu akzeptieren und die Mitteilung zu entschlüsseln, werden wir weiter machen, die Gefühle mit bestimmten Verhaltensweisen auszudrücken, möglicherweise mit Verhaltensweisen, die noch ineffektiver und noch weniger erfolgversprechend sind. Die erste Reaktion der Mutter, ihren Sohn auf den Arm zu nehmen und ihm sanft zu erklären, dass sie nicht gebissen werden möchte, und ihre zweite Reaktion, ihm sich selbst zu überlassen, waren sicher guter Absicht, aber beide waren unvollständig und nutzlos. Disziplinieren -  dieser Begriff hat seinen Ursprung im Lateinischen und bedeutet „lernen“,   hat weder mit Loben, noch mit Strafen zu tun, sondern hilft dem Kind, neue Fähigkeiten zu erlernen. Angemessene, liebevolle und effektive Mitteilungen für ein „ungezogenes“ Kind bestehen aus 3 Punkten:

  • dem Kind liebevoll und mit ungeteilter Aufmerksamkeit versichern, dass seine Gefühle wichtig sind, gehört und ernst genommen werden. Ohne diese Aussage wird es sich zurückgestoßen und  missverstanden fühlen, und seine Gefühle werden zu weiterem unerwünschtem Verhalten führen.
  • das Kind darüber informieren, dass sein Verhalten nicht der geeignete Weg ist, um seine Bedürfnisse befriedigt zu bekommen. Ohne diese Aussage wird versäumt, dem Kind begreiflich zu machen,  dass andere Menschen auch Bedürfnisse haben.
  • dem Kind das gewünschte Verhalten veranschaulichen, um zu zeigen, welche Möglichkeiten es hat, um in Zukunft besser, einfacher und leichter zum „Ziel“ zu kommen. Ohne diese Aussage wird es in seinen Möglichkeiten begrenzt bleiben und wenig wird sich ändern.

Mit allen diesen 3 Punkten im Hinterkopf, hätte die Mutter in unserem Beispiel ihren Sohn auf den Arm nehmen und sagen können:

„Autsch! Nicht beißen – das tut weh! Ich sehe, dass du unglücklich bist, aber ich möchte, dass du sagst, was los ist, statt zu beißen: – Mami, ich möchte  auch umarmt werden!“

Selbst wenn das Kind noch zu klein ist, die Worte nach zu sprechen oder sie beim nächsten Mal zu erinnern, stetige Wiederholungen wie diese werden ihm schließlich neue und bessere Möglichkeiten geben, sein Verhalten zu ändern und seine Bedürfnisse befriedigt zu bekommen.  Wenn wir auf diese Weise reagieren, alle 3 Punkte gleichzeitig berücksichtigend, unterstreichen wir folgende Mitteilung:

„Alle Menschen haben Gefühle. Gefühle sind weder gut, noch schlecht, sondern normal, berechtigt und wichtig. Ich liebe dich und widme mich deinem Anliegen mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Ich akzeptiere, dass du dich im Moment so gut verhältst, wie es dir nach deinem Alter und unter diesen Umständen möglich ist. Ich mag nicht einfach von dir gebissen werden. Aber ich verstehe, dass du das nicht getan hättest, wenn du nicht ärgerlich/traurig/unglücklich/besorgt/verstört gewesen wärst. Ich nehme deine Bedürfnisse und Gefühle ernst, und ich werde dir dabei helfen zu lernen, sie besser auszudrücken, damit sowohl deine, als auch meine Bedürfnisse befriedigt werden.“

Dieses Herangehen ist am effektivsten und tatsächlich der einzige Weg, der verspricht, dass unerwünschtes Verhalten sich zum Guten ändert, langfristig.

Um zum Anfang der Geschichte zurückzukommen, Beißen war offensichtlich das einzige Mittel, welches das Kind in diesem Moment  zur Verfügung hatte, in Anbetracht seiner bisherigen Erfahrungen und seiner aktuellen Gefühle und Bedürfnisse, der Versuch also, seiner Mutter etwas Wichtiges mitzuteilen. Einzig und allein auf sein Verhalten zu reagieren, während die Gefühle, die dazu führten ignoriert werden, ist eine allgemein übliche Erwiderung von Eltern, die ihrerseits auf diese Weise in der Kindheit erzogen wurden. Es ist an der Zeit, dies zu ändern.

Eine unserer Natural Child Project Parenting Cards© bringt es auf den Punkt: „Schaue hinter das Verhalten ... was fühlt dein Kind?“ Wenn wir uns auf die Bedürfnisse und Gefühle konzentrieren, statt auf ein bestimmtes Verhalten, das wir ändern wollen, dann können wir unserem Kind wirklich mit Liebe  begegnen. Das Verhalten wird sich daraufhin praktisch wie von selbst ändern. Wie Mozart schon schrieb: „Liebe, Liebe, Liebe ist die Seele des Genies.“ Sie ist ebenso die Seele des Elternseins.

 

Veröffentlicht bei Rabeneltern.org mit freundlicher Erlaubnis der Autorin Jan Hunt.

Der Artikel ist im Original mit dem Titel –Looking Past the Behavior- unter www.naturalchild.org nachzulesen.

übersetzt aus dem Englischen von eulalie für Rabeneltern.org

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