Gordon: Mehr Verständnis in der Familie

Wenn Kinder ihre Eltern nerven - Kursleiterehepaar im "DA"-Gespräch

Dingolfing. Ist es möglich, mit Hilfe eines Familientrainings mehr Harmonie in die Familie zu bringen? Diese Frage beantworteten die autorisierten Gordon-Familientrainer Dr. Ute Weisgerber-Kriegl und Peter Kriegl in einem Gespräch mit "DA"-Redakteur Winfried Walter mit einem eindeutigen "JA". Die Trainer verglichen das Familientraining mit einem Führerschein für Eltern, bei dem neben dem Erlernen der Technik auch die Erfahrung in der Praxis notwendig ist. Die Gebühr für den kompletten Kurs mit zwei mal fünf Abenden à drei Zeitstunden beträgt beim Katholischen Bildungswerk Dingolfing 150 Euro, für Paare 260 Euro plus Arbeitsmaterial. Der erste Block von fünf Abenden ist auch separat als Grundlagenkurs buchbar (80 Euro, für Paare 140 Euro plus Arbeitsmaterial). Termine und Anmeldung beim Katholischen Bildungswerk Dingolfing, Tel. 08731/74620.

Dingolfinger Anzeiger "DA": Alles fließt, das gilt in dieser Zeit wohl mehr denn je. Bislang gültige Wertmaßstäbe verändern sich, für Erwachsene wie für Kinder und Jugendliche. Eltern fühlen sich in der Erziehung unsicher. Hinzu kommt ein Einflussverlust von Eltern auf ihre Kinder durch Miterzieher wie Fernsehen oder Werbewirtschaft. Können Mütter und Väter durch eine Teilnahme am Familientraining ihre Erziehungsfähigkeit stärken?
Peter Kriegl: Wir stellen fest, dass es für jede Tätigkeit eine bestimmte Ausbildung gibt, den Führerschein um Auto zu fahren, das Abitur, um den Zugang zur Universität zu erlangen, den Pilotenschein um ein Flugzeug zu fliegen, das Architekturstudium um ein Haus zu planen und jede andere berufliche Ausbildung. Aber für Familie, Kindererziehung und Partnerschaft ist in unserer Gesellschaft jeder auf sich gestellt, eine auf seine persönlichen Fähigkeiten eingehende Ausbildung zu machen. Das vom amerikanischen Psychologen Dr. Thomas Gordon entwickelte Familientraining stärkt Eltern in ihrer Fähigkeit, den Herausforderungen in Familie und gegenüber Kindern gewachsen zu sein.
Dr. Ute Weisgerber-Kriegl: Das Gordon-Training baut auf der Win-Win-Philosophie auf. Eine der Spielregeln lautet: "Ich möchte nicht gewinnen während du verlierst und ich möchte nicht verlieren während Du gewinnst. Wenn wir einen Konflikt haben, werden wir nach Lösungen suchen die uns beide befriedigen". Dazu gibt es im Training ganz gezielte Übungen, welche die Eltern in die Lage versetzen, in Konfliktsituationen eine für beide Teile akzeptable Vereinbarung zu treffen.

"DA": Mehr Demokratie unter den Familienmitgliedern, Mitbestimmungsmöglichkeit für die Kinder. Doch dann dürften Eltern nicht mehr nach ihrer höheren Einsicht handeln. Geben Eltern mit einer Erziehung nach Gordon nicht ein Stück Autorität aus der Hand?
Peter Kriegl: Ohne Zweifel werden Eltern durch das Gordon-Training autoritäres Verhalten, das auf ihrer Position als Eltern beruht, ablegen. Jedoch gewinnen sie gegenüber ihren Kindern an Autorität, die auf dem Respekt vor ihrer Person beruht. Durch authentisches Mitteilen, was ihnen wichtig ist, werden die Eltern glaubhaft. Das Vertrauenspotenzial nimmt zu. Nur wenn die Kinder wissen, worauf es ihren Eltern ankommt, können sie sich darauf einstellen. So kommt es im Laufe der Zeit zu Veränderungen in der Beziehung, so dass weniger Konfliktpotenzial entsteht. Kinder wollen uns Eltern weder angreifen, nerven oder ähnliches. Ihr Handeln oder Verhalten ist darauf ausgerichtet, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, wie z.B. das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, dass die Eltern Zeit für sie haben, oder das Bedürfnis der Kinder für sich etwas bestimmtes zu tun.
Dr. Ute Weisgerber-Kriegl: Unsere Erfahrung in den Gruppen zeigt, dass Kinder durchaus bereit sind, die Bedürfnisse der Eltern anzuerkennen und zu respektieren, sofern ihre eigenen Bedürfnisse umgekehrt von den Eltern respektiert werden. Kinder sind das Spiegelbild von uns Eltern: laut, ruhig, aggressiv, verständnisvoll, provokativ, nachgiebig, fordernd, unruhig, rebellisch oder zuvorkommend. Andererseits, wenn Kinder sich auf eine Art verhalten, die uns Eltern wütend macht oder uns völlig unverständlich ist, so agieren sie häufig eines unserer verdrängten Persönlichkeitsanteile aus: Ein schönes Beispiel ist die Mutter die immer meint in Hetze und unter Zeitdruck zu sein, und das Kind trödelt genau dann, wenn sie es am eiligsten hat.

"DA": Eltern können ein Lied davon singen. Will man dem Kind einen Wunsch nicht erfüllen, kommt es leicht zu Knatsch oder aber zu Endlos-Diskussionen. Hilft Gordon geplagten Erziehern, diese Situation besser zu meistern?
Peter Kriegl: Kinder müssen Wünsche haben, sie zeigen wonach sich ein Kind sehnt. Diese Prägung erfährt bereits ein Neugeborenes. Je nachdem, wie bereits in der Wiege mit den Wünschen des Babys umgegangen wird, zieht sich diese Prägung im weiteren Leben gewöhnlich wie ein roter Faden weiter. Bei Wünschen ist zu unterscheiden, ob es sich dabei um ein Grund-Bedürfnis handelt z.B. Hunger, Durst, Wärme, Trockenheit, Nähe, Geborgenheit, Freundschaft, das Anerkennen und Einhalten von Regeln oder ähnliches. Solange Grundbedürfnisse unbefriedigt sind, können Wünsche zu endlosem Geplärre oder Diskussionen führen. Zuerst durch aufmerksames Beobachten und Reagieren, später durch aktives Zuhören besteht für Eltern in hohem Maße die Möglichkeit das Bedürfnis des Kindes zu ergründen. Dadurch gelingt es in der Regel, dass sich das Kind vom Elternteil verstanden fühlt und vom Wunsch Abstand nimmt oder dass Eltern für den Wunsch des Kindes Einsicht gewinnen.

"DA": Die Liste von Eltern, Erziehungsziele durchzusetzen, ist lang. Da gibt es Fernsehentzug, Taschengeldkürzung, Ausgehverbot oder schon mal einen Klaps. Das schlechte Gewissen folgt auf den Fuß. Verhilft Gordon zu Erziehungsmethoden ohne Reue?
Peter Kriegl: Es ist ganz natürlich, dass es im Laufe des Lebens zu Situationen kommen kann, in der sich Eltern gegenüber ihren Kindern überfordert fühlen. Familie, Beruf, Alltag fordern von den Eltern Präsenz, oft rund um die Uhr. Im Familientraining machen wir den Eltern den sogenannten "Problembesitz" bewusst und verdeutlichen, dass derjenige am Zuge ist, der im Problembesitz ist. Voller Fürsorge ziehen sich Eltern allzu gern den Schuh an, für alles verantwortlich zu sein oder regeln zu müssen. Eltern lernen im Kurs anhand von konkreten Situationen und orientiert an ihren eigenen Bedürfnisse, wann das Kind das Problem hat und wann sie selbst. Nur im letzteren Fall besteht für die Eltern Handlungsbedarf. Dadurch reduziert sich die Anzahl der Konfliktauslöser und Eltern werden gelassener im Umgang mir ihren Kindern.
Dr. Ute Weisgerber-Kriegl: In echten Konfliktsituationen, in denen die jeweiligen Bedürfnisse zunächst nicht zu vereinbaren sind, lernen Eltern, authentisch für ihre Bedürfnisse dem Kind gegenüber einzustehen, ihre Gefühle oder Befürchtungen ehrlich zu äußern, anstatt mit Verboten und Strafen oder durch Nachgiebigkeit darüber hinwegzugehen. Gleichzeitig lernen sie auch, die Bedürfnisse des Kindes ernst zu nehmen, so dass in der gemeinsamen Lösungsfindung die besagte Win-Win-Situation entsteht, die Strafen und Verbote überflüssig werden lässt. Das Gordon-Modell unterscheidet auch zwischen Bedürfniskonflikt und Wertekonflikt und gibt den Eltern unterschiedliche Möglichkeiten an die Hand, mit diesen so umzugehen, dass keiner dabei verliert.

"DA": Das Gordon-Familientraining verlangt eine komplexe Veränderung des Kommunikationsverhaltens. Doch wird die Umsetzung im Alltagsstress nicht zu schwierig? Gibt es Untersuchungen, inwieweit sich familiäre Situationen verändern, nachdem Eltern ein Gordon-Training mitgemacht haben?
Dr. Ute Weisgerber-Kriegl: Vielleicht ist diese Frage am leichtesten beantwortet, indem wir Teilnehmer unserer Kurse zitieren: "Unsere Kinder streiten weniger, sind ruhiger und ausgeglichener geworden und teilen sich mehr mit." "Mein Mann hört besser zu und unsere Familie hält besser zusammen." "Ich bin ruhiger und gelassener geworden. Ich mache mir mehr Gedanken darüber, was ich fühle und bringe das auch zum Ausdruck. Mir ist bewusst geworden, wie wichtig es ist, authentisch und 'bei sich' zu sein." "Ich muss mich jetzt nicht mehr bei jeder Kleinigkeit einmischen, weil ich erkenne, ob es meine Probleme sind oder nicht."
In unseren monatlichen Treffs für Eltern, die bereits das Gordon-Training mitgemacht haben, zeigt sich, dass es langfristig für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern von immenser Wichtigkeit, dass die Eltern für sich selbst mit ihrer Verantwortung als Eltern das leben, was sie zu leben wünschen; dass sie eine eigene Identität haben und daraus Zufriedenheit schöpfen und nicht nur gleichsam 'durch ihre Kinder leben'. Sich dessen bewusst zu werden, ist für Frauen und Mütter ganz besonders wichtig.

"DA": Was ist das Besondere an dem Training, das Sie beiden mit Eltern machen?
Peter Kriegl: Wir arbeiten mit relativ kleinen Gruppen. Dadurch kann eine intensive und individuelle Betreuung erfolgen. Auch die Tatsache, dass wir zu zweit arbeiten, ist sicher etwas Besonderes und dass durch Trainerin und Trainer sozusagen die väterliche wie die mütterliche Sichtweise repräsentiert wird. Wir arbeiten in dem Kurs auch mit meditativen Elementen und nähern uns den einzelnen Problematiken eher über den Bauch als über den Kopf.

"DA": Verwenden Sie selbst Gordon in der Familie?
Peter Kriegl: Wir haben die Gordon-Autorisierung bereits erworben, als wir noch keine Kinder hatten, weil diese Gordon-Grundprinzipien natürlich auch auf andere Beziehungen und auf die Arbeitssituation anzuwenden sind. Mit unseren Kindern (ein und drei Jahre) sind wir deshalb von Anfang an nach den Gordon-Prinzipien umgegangen. Wir stellen fest, dass es in kritischen Situation sehr hilfreich ist, dass wir uns beide gegenseitig unterstützen können. Natürlich erleben auch wir unsere Talfahrten und Krisen. Durch das Gordon Training gelingt es uns jedoch relativ schnell, uns dessen bewusst zu werden und uns selbst wieder heraus zu helfen.

"DA": Die Schule ist ein Bildungssystem, das mit den Methoden von Druck und Belohnung funktioniert, mit den damit verbundenen Nachteilen. Könnte man die Vorteile, die sich aus Gordon ergeben, auch auf schulischem Gebiet nutzen?
Peter Kriegl: Es gibt sogar spezielle Trainings für Lehrer und Erzieher. Wir kennen auch LehrerInnen, welche nach Gordon arbeiten und auf Strafe oder Belohnung verzichten und stattdessen im kooperativen Gespräch mit den Schülern schöne Erfolge erzielen. Allerdings erfordert es das Schulsystem, dass Schüler bewertet werden, sprich mittels Noten eine Bewertung erfahren. Es kann jedoch lohnenswert sein, die Schüler beispielsweise zu fragen, wie sie selbst ihre Leistung in einem konkreten Falle bewerten; oft weicht die eigene Bewertung nicht allzu sehr von der des Lehrers ab.

"DA": Gordons Familienkonferenz wurde in Deutschland in den 70er Jahren populär, zu einer Zeit, in der in Politik und Gesellschaft mehr Demokratie gewagt wurde. Partizipations- und Mitbestimmungsmöglichkeiten wurden umgesetzt. Heute ist im politischen Bereich wie auch an Arbeitsplätzen eher ein gegenläufiger Trend erkennbar. Haben unter solchen gesellschaftlichen Vorzeichen Bestrebungen, die Familie als demokratischen Raum zu gestalten, eine Chance?
Dr. Ute Weisgerber-Kriegl: Wenn man sich die Art und Weise anschaut, in der Firmen heutzutage geführt werden, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diejenigen, die es schaffen, ihre Mitarbeiter ernst zu nehmen, deren Bedürfnisse ernst zu nehmen, deren Ideen zu verwenden für neue Lösungsansätze ­ und so Verantwortungsbereitschaft und Identifikation mit dem Betrieb fördern ­ die erfolgreicheren im Markt sind. Das Gordon-Modell sieht genau diesen respektvollen Umgang miteinander vor. Daher hat das Gordon-Modell nicht nur Zugang in Familie, sondern es gibt auch spezielle Gordon-Trainings für Beziehungen, für Führungskräfte, für Lehrer, für Frauen und für Berufe in der medizinischen Versorgung und Pflege.
Peter Kriegl: Gordon wurde 1997 und 1998 auf Grund seines Erziehungskonzeptes für den Friedensnobelpreis nominiert. Sein Konzept wurde bislang als einziges Modell von der "theoretischen" Psychologie als auch von der "praktischen" Psychotherapie mit der höchsten Auszeichnung für Effektivität und Effizienz ausgezeichnet. Daher wird sich das Gordon-Modell für die Zukunft noch in sehr viel stärkerem Maße als demokratische Grundlage für Familie und Gesellschaft anbieten.

Quelle:
Dingolfinger Anzeiger vom Mittwoch, 29. Oktober 2003
Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion!

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