Triple P – Kritisch betrachtet

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Kritische Anmerkungen

Ich bezweifle nicht, dass man mit der Triple P-Methode "Erfolg" hat. Wenn man unter "Erfolg" versteht, dass die Kinder sich an die formulierten Regeln halten. Ob das Familienklima (und damit meine ich die Zufriedenheit und das Glück aller Familienmitglieder) sich damit steigern lässt, steht auf einem anderen Blatt.
Einzelne Aspekte, die besonders kritikwürdig erscheinen, möchte ich im Folgenden darstellen.

 

Verhaltentstherapeutischer Ansatz

Auch wenn sich die Verhaltenstherapie großer Beliebtheit erfreut, so kann man diesen Ansatz doch auch kritisch sehen. Da die Ursachen des unerwünschten Verhaltens unberücksichtigt bleiben, kann es zu einer sogenannten Symptomverschiebung kommen – ein Phänomen, dass von ehemaligen Rauchern bekannt ist, die nun zu Süßigkeiten anstatt zu Zigaretten greifen. Dies kann natürlich auch bei Kindern vorkommen. Vielleicht ist das unerwünschte Verhalten ein Ruf nach mehr Aufmerksamkeit oder weist auf Probleme in Kindergarten, Schule oder Freundeskreis hin. Solange die Eltern das Verhalten nur als störend klassifizieren, können sie nicht auf die tatsächlichen Sorgen des Kindes eingehen.
Zudem handelt es sich um Methoden, die so wirksam sind, dass sie in die Hand erfahrener Therapeuten gehören. Diese wenden sie auch erst bei schwerwiegenden seelischen Störungen an. Ob Eltern sich als Therapeuten ihrer Kinder aufspielen sollten, wage ich zu bezweifeln.

 

Regeln

In den Begleitheften, den "Kleinen Helfern", findet sich kein Hinweis darauf, wie sinnvolle Regeln im Familienalltag gemeinsam erarbeitet werden. Vielmehr geben die Eltern die Regeln vor, die Kinder haben diese zu befolgen. Natürlich kann man nicht immer und überall Regeln diskutieren. Das Kinder nicht einfach so auf die Straße laufen dürfen, ist nun mal eine Frage das Überlebens im heutigen Straßenverkehr.
Doch je älter die Kinder werden, desto stärker sollte man sie auch einbeziehen, wenn es um Regeln geht, die für die ganze Familie gelten. Und Kinder ändern sich: Regeln die gestern noch aktuell waren, sind morgen vielleicht schon out.

Des weiteren sind die Beispiele für sinnvolle Regeln doch recht eng. Unter dem Stichwort "Gäste" wird z.B. eine Szene beschrieben:

"'Wenn du mit Mama und Papa reden möchtest, sag ‘Entschuldigung’ und warte, bis wir zu Ende geredet haben'; dann das Kind vor dem Besuch nochmals abzufragen: 'So, was waren noch einmal die Regeln, wenn Gäste da sind?'; im Falle früherer Probleme bei Besuch von Gästen dem Kind auch nochmals zu sagen: 'Das letzte Mal als wir Gäste hatten, hast du die Regel vergessen, ...'; um schließlich nach dem Besuch dem Kind 'kurz und mit ruhiger Stimme' nochmals die Regel zu sagen, an die es sich nicht gehalten hat: 'Du hast vergessen ‘Entschuldigung’ zu sagen, als du mich sprechen wolltest'."3

Ist es wirklich notwendig, Kindergartenkinder mit derartiger Ausführlichkeit bei einem solchen Anlass zu belehren, oder werden hier nicht aus Mücken Elefanten gemacht?

 

Konsequenz

Ein Verhalten, auf das sich die Kinder verlassen können, ist bestimmt sehr wichtig für die kindliche Entwicklung. Aber muss ich immer gleich auf eine Regelverletzung reagieren? Vieles ist doch auch abhängig von der Tagesform. Und wenn man selbst dem Kind mit Verständnis begegnet, so bringt auch das Kind diese auf. Warum nicht einfach sagen: "Ich bin heute wirklich total gestresst von der Arbeit, ich möchte mich erst ausruhen, bevor ich mich um dich kümmere." An anderen Tagen wiederum kann man vielleicht auch mal Fünfe gerade sein lassen. Kinder sind da flexibler als man denkt. Meine Tochter kann auch mit ihren zwei Jahren schon sehr rücksichtsvoll sein.

 

Stiller Stuhl und Auszeit

Sicher ist es nicht schlecht, Abstand zu wahren, wenn eine Situation zu eskalieren droht. Besser kurz raus, tief Luft holen, und dann wieder zum Kind. Oder der Partner übernimmt mit frischer Energie einmal die Regie, wenn man sich selbst gerade überfordert fühlt.

Aber hier geht es ja gerade darum, dass wir den Kindern die "Auszeit" verordnen. Das Kind muss mit seinen Gefühlen, von denen es vielleicht selbst auch total überrumpelt wird, ganz allein fertig werden.

"Wie man es allerdings zuwege bringt, ein aufgebrachtes, schreiendes, widerborstiges Kind in einen anderen Raum zu bugsieren, ohne dass es sofort wieder angerannt kommt und der ganze Zirkus von vorne losgeht - hier schweigt der Kleine Helfer. Soll man es einschließen? Wegtragen? Oder doch wieder niederbrüllen, wenn nicht gar Schlimmeres? 'Das ist nichts als Drill', schnaubt Georg Kohaupt, Therapeut im Kinderschutzzentrum Berlin verächtlich. 'Triple P ist faszinierend, weil es hochwirksam ist', sagt er, 'aber von Personen und Persönlichkeit ist diese Strategie abgespalten.' So funktioniere die Methode nur deshalb, weil die Eltern aus der Beziehung herausgingen und sich vom Kind distanzieren, ohne Zorn und Eifer, ohne Gefühl. Das Kind müsse so den Konflikt allein lösen, die Eltern nähmen nicht teil. 'Der Machtkampf wird durch Dressur entschieden', sagt er, 'sonst nichts.'"4

 

Zudem besteht die Gefahr einer inflationären Anwendung, und dies gerade auch bei Verhaltensweisen, die als alterstypisch und reifeentsprechend anzusehen sind.5 Kleinkinder z.B. müssen eben auch lernen, auf die sofortige Erfüllung eines Wunsches verzichten zu können. Aber das gleich zu erwarten, wenn sie gerade erst begriffen haben, dass sie einen eigenen Willen haben, ist doch schon sehr viel verlangt. Gerade in solchen Situationen bedürfen Kinder eben auch der Begleitung und der Hilfe durch die Eltern. Wenn ein Wunsch nicht erfüllt werden kann, warum nicht das Kind trösten, in den Arm nehmen und sagen: "Ich weiß, dass dir das jetzt schwer fällt, aber es geht nun mal nicht anders."  Deegener und Hurrelmann ziehen daher in Bezug auf Stillen Stuhl und Auszeit auch das Fazit: "Es ist also fraglich, ob Kinder durch (gehäufte und solcherart angewendete) Auszeiten wirklich 'lernen mit Frustrationen und Ärger umzugehen', wie es Triple P behauptet."6

 

Schlafen

Triple P macht auch Vorschläge, wie man mit kindlichen "Schlafstörungen" umgehen kann. Diese Vorschläge ähneln sehr denen des Buches "Jedes Kind kann schlafen lernen" von Kast-Zahn/Morgenroth, ja sind zum Teil noch rabiater. Auch hier besteht die Gefahr - wie auch sonst bei Triple P - dass völlig normale Verhaltensweisen als Störung klassifiziert werden:

"Wenn, wie behauptet, ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren Probleme beim Schlafen und Schlafengehen hat, so ist zu diskutieren, in wieweit die genannten Verhaltensweisen wie Trödeln, nicht ins Bett gehen wollen, im Bett weinen, mitten in der Nacht aufwachen, aus dem Bett klettern und bei den Eltern schlafen wollen noch als 'normal' für diese Altersstufe angesehen werden können oder aber bereits als Probleme bezeichnet/etikettiert werden müssen.7

Wer sich darüber hinaus zum Thema Schlafen informieren möchte, dem empfehle ich unsere Textsammlungen unter der Rubrik Schlafen oder die Rote Bücherliste in unserer Bibliothek.

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