Triple P – Kritisch betrachtet

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Schon seit einiger Zeit bemängeln Erziehungsexperten, dass vielen Eltern die Kompetenz fehle, ihre Kinder richtig und gut zu erziehen. Verantwortlich dafür könnte sein, dass die meisten Erwachsenen Alltag mit Kindern kaum kennen – erst dann, wenn sie selbst Kinder haben, ändert sich das. Früher wuchsen die Kinder im Rahmen von Großfamilien auf. Ältere Geschwister, jüngere Onkel und Tanten übernahmen Erziehungs- und Betreuungsaufgaben und wuchsen so allmählich in die Rolle der späteren Eltern hinein. Manche fordern gar einen "Elternführerschein", ohne den es keine finanzielle Unterstützung vom Staat geben solle. Aber auch viele Eltern fühlen sich überfordert: Sie wollen anders erziehen als die ältere Generation, antiautoritär soll es aber auch nicht sein. Den goldenen Mittelweg zu finden, erweist sich aber im Familienalltag oft als schwer. So ist es also kein Wunder, dass Elternkurse immer beliebter werden. Sie werden angeboten von den Kirchen, Volkshochschulen, Familienbildungsstätten.
Bekannt sind hierbei der Kurs "Starke Eltern – starke Kinder" des Deutschen Kinderschutzbundes und Triple P (das steht für "Positive Parenting Program"). Um letzteren soll es hier gehen, denn die dort vermittelten Methoden sind nicht unumstritten.


Was ist Triple P?

Ursprünge

"'Triple P' wurde von einem Team an der Universität Queensland (Australien) um den Psychologie-Professor Matthew R. Saunders entwickelt und richtete sich ursprünglich an Eltern von schwer verhaltensauffälligen Kindern. In Deutschland wird „Triple P“ vom Institut für Psychologie AG in Münster vertrieben und von der Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie in Marburg unter­stützt. Wissenschaftlicher Leiter der deutschen 'Triple P'-Sektion ist der Braunschweiger Psychologie-Professor Dr. Kurt Hahlweg."

Triple P versteht sich als wissenschaftlich begleitet, die Trainer müssen sich regel­mäßig lizensieren lassen. Die Sitzungen mit den Eltern werden wissenschaftlich ausgewertet, auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist daran beteiligt.1

 

Inhalte

Bei dem Kurs geht es weniger um theoretische Grundlagen zu Entwicklung und Psychologie. Vielmehr ist der Kurs sehr pragmatisch angelegt und lehnt sich sehr stark an die Verhaltenstherapie an. Diese will nicht in lang­wie­rigen Sitzungen die Ursachen psychischer Probleme ergründen, sondern versucht so schnell wie möglich ein Problemverhalten durch ein erwünschtes zu ersetzen. Die Eltern bekommen also ganz konkrete Mittel an die Hand, mit denen sie auf das Verhalten ihrer Kinder reagieren sollen. Das sind zum einen recht einfache, aber wirksame Methoden, z.B.:

  • sich auf  Augenhöhe des Kindes begeben und den Augenkontakt herstellen;
  • wenige konkrete Anweisungen geben anstatt mehrere unklare;
  • auf Missachtung von Anweisungen sofort reagieren;
  • erwünschtes Verhalten loben.

Vielen Eltern kommt diese Vorgehensweise sicher entgegen: Sie haben Probleme im Alltag mit ihren Kindern und wollen diese meistern. Da sind konkrete Handlungsanweisungen für Stress- und Streitsituationen angesagt. Die Eltern müssen nicht lange überlegen, sondern gehen nach Schema F vor, der Erfolg ist garantiert, so jedenfalls die Befürworter.
In den "Kleinen Helfern", den Begleitheften zum Kurs, können die Eltern dann noch einmal ganz genau nachlesen, wie sie auf welches Verhalten zu reagieren haben.

Allgemein sollen die Eltern in folgender Reihenfolge vorgehen:

  1. Ziele formulieren abhängig vom Entwicklungsstand des Kindes;
  2. Beobachtung des Kindes mit Hilfe eines Tagebuchs. Dabei sollen Umstände und Häufigkeit des problematischen Verhaltens genau festgehalten werden;

  3. Testen der neuen Erziehungsmethode für 7-10 Tage, danach die Entscheidung, wie fortgefahren werden soll.

 


Zentrale  Aspekte von Triple P

Was Triple P vor allem in die Diskussion gebracht hat, sind folgende Stichworte:

  • Konsequenz
  • Logische Konsequenzen
  • Stiller Stuhl
  • Auszeit

Ich möchte diese zunächst einmal von ihrer Funktionsweise her darstellen.2

 

Konsequenz

Dies ist ein sehr wichtiges Stichwort: Eltern sollen immer konsequent handeln, d.h. immer sofort auf Fehlverhalten reagieren. Dabei sollen sie betont ruhig sein, das Kind z.B. mit ruhiger Stimme an die Regeln erinnern, diese vom Kind z.T. auch abfragen. Das Verhalten der Eltern soll damit für das Kind vorhersehbar werden.

 

Logische Konsequenzen

Falls ein Kind nach einer ersten Ermahnung nicht tut, worum die Eltern es gebeten haben, soll eine logische Konsequenz folgen. "Logisch" ist die Konsequenz insofern, als dass sie im inhaltlichen Zusammenhang mit dem Verhalten steht. Setzt ein Kind beispielsweise trotz Aufforderung nicht den Fahrradhelm auf, dann sollen die Eltern für 5-30 min. das Fahrrad wegstellen. Wichtig ist dabei, dass nicht über den Sinn und Zweck der Regel diskutiert wird: Die Eltern stellen die Regel auf "Fahrradfahren nur mit Helm", das Kind wird daran erinnert. Fährt es trotzdem ohne Helm, muss es für gewisse Zeit auf sein Fahrrad verzichten. Dasselbe lässt sich auch mit Fernsehen, Streit um Spielzeug etc. durchführen.

 

 Stiller Stuhl

Der "Stille Stuhl" soll dann angewandt werden, wenn die logische Konsequenz  versagt, also wenn das Problemverhalten nach der Wartezeit von 5-30 min. erneut auftritt. Dabei soll das Kind seine Beschäftigung unterbrechen und ruhig für kurze Zeit in dem Raum, in dem das Problem aufgetreten ist, in der Nähe der Eltern sitzen. Die Eltern sollen es in dieser Zeit nicht beachten, der Zeitraum sollte 1 bis 5 min. betragen. Wenn das Kind in der festgesetzten Zeit ruhig bleibt, darf es danach mit seiner Beschäftigung fortfahren, ansonsten soll der Stille Stuhl erneut angewandt werden.

 

 Auszeit

Sie soll dann angewandt werden, wenn das Problemverhalten "schwerwiegend" ist oder das Kind beim Stillen Stuhl nicht ruhig bleibt. Das Verfahren ähnelt dem beim Stillen Stuhl, mit dem Unterschied, dass das Kind in einen anderen Raum gebracht wird. Dieser soll keinerlei Anregungen bieten, aber sicher, hell und gut durchlüftet sein. Auch hier soll die Dauer vom Alter abhängig zwischen 1 und 5 min. liegen. Bleibt das Kind nicht im Zimmer, soll die Tür geschlossen werden.


Kritische Anmerkungen

Ich bezweifle nicht, dass man mit der Triple P-Methode "Erfolg" hat. Wenn man unter "Erfolg" versteht, dass die Kinder sich an die formulierten Regeln halten. Ob das Familienklima (und damit meine ich die Zufriedenheit und das Glück aller Familienmitglieder) sich damit steigern lässt, steht auf einem anderen Blatt.
Einzelne Aspekte, die besonders kritikwürdig erscheinen, möchte ich im Folgenden darstellen.

 

Verhaltentstherapeutischer Ansatz

Auch wenn sich die Verhaltenstherapie großer Beliebtheit erfreut, so kann man diesen Ansatz doch auch kritisch sehen. Da die Ursachen des unerwünschten Verhaltens unberücksichtigt bleiben, kann es zu einer sogenannten Symptomverschiebung kommen – ein Phänomen, dass von ehemaligen Rauchern bekannt ist, die nun zu Süßigkeiten anstatt zu Zigaretten greifen. Dies kann natürlich auch bei Kindern vorkommen. Vielleicht ist das unerwünschte Verhalten ein Ruf nach mehr Aufmerksamkeit oder weist auf Probleme in Kindergarten, Schule oder Freundeskreis hin. Solange die Eltern das Verhalten nur als störend klassifizieren, können sie nicht auf die tatsächlichen Sorgen des Kindes eingehen.
Zudem handelt es sich um Methoden, die so wirksam sind, dass sie in die Hand erfahrener Therapeuten gehören. Diese wenden sie auch erst bei schwerwiegenden seelischen Störungen an. Ob Eltern sich als Therapeuten ihrer Kinder aufspielen sollten, wage ich zu bezweifeln.

 

Regeln

In den Begleitheften, den "Kleinen Helfern", findet sich kein Hinweis darauf, wie sinnvolle Regeln im Familienalltag gemeinsam erarbeitet werden. Vielmehr geben die Eltern die Regeln vor, die Kinder haben diese zu befolgen. Natürlich kann man nicht immer und überall Regeln diskutieren. Das Kinder nicht einfach so auf die Straße laufen dürfen, ist nun mal eine Frage das Überlebens im heutigen Straßenverkehr.
Doch je älter die Kinder werden, desto stärker sollte man sie auch einbeziehen, wenn es um Regeln geht, die für die ganze Familie gelten. Und Kinder ändern sich: Regeln die gestern noch aktuell waren, sind morgen vielleicht schon out.

Des weiteren sind die Beispiele für sinnvolle Regeln doch recht eng. Unter dem Stichwort "Gäste" wird z.B. eine Szene beschrieben:

"'Wenn du mit Mama und Papa reden möchtest, sag ‘Entschuldigung’ und warte, bis wir zu Ende geredet haben'; dann das Kind vor dem Besuch nochmals abzufragen: 'So, was waren noch einmal die Regeln, wenn Gäste da sind?'; im Falle früherer Probleme bei Besuch von Gästen dem Kind auch nochmals zu sagen: 'Das letzte Mal als wir Gäste hatten, hast du die Regel vergessen, ...'; um schließlich nach dem Besuch dem Kind 'kurz und mit ruhiger Stimme' nochmals die Regel zu sagen, an die es sich nicht gehalten hat: 'Du hast vergessen ‘Entschuldigung’ zu sagen, als du mich sprechen wolltest'."3

Ist es wirklich notwendig, Kindergartenkinder mit derartiger Ausführlichkeit bei einem solchen Anlass zu belehren, oder werden hier nicht aus Mücken Elefanten gemacht?

 

Konsequenz

Ein Verhalten, auf das sich die Kinder verlassen können, ist bestimmt sehr wichtig für die kindliche Entwicklung. Aber muss ich immer gleich auf eine Regelverletzung reagieren? Vieles ist doch auch abhängig von der Tagesform. Und wenn man selbst dem Kind mit Verständnis begegnet, so bringt auch das Kind diese auf. Warum nicht einfach sagen: "Ich bin heute wirklich total gestresst von der Arbeit, ich möchte mich erst ausruhen, bevor ich mich um dich kümmere." An anderen Tagen wiederum kann man vielleicht auch mal Fünfe gerade sein lassen. Kinder sind da flexibler als man denkt. Meine Tochter kann auch mit ihren zwei Jahren schon sehr rücksichtsvoll sein.

 

Stiller Stuhl und Auszeit

Sicher ist es nicht schlecht, Abstand zu wahren, wenn eine Situation zu eskalieren droht. Besser kurz raus, tief Luft holen, und dann wieder zum Kind. Oder der Partner übernimmt mit frischer Energie einmal die Regie, wenn man sich selbst gerade überfordert fühlt.

Aber hier geht es ja gerade darum, dass wir den Kindern die "Auszeit" verordnen. Das Kind muss mit seinen Gefühlen, von denen es vielleicht selbst auch total überrumpelt wird, ganz allein fertig werden.

"Wie man es allerdings zuwege bringt, ein aufgebrachtes, schreiendes, widerborstiges Kind in einen anderen Raum zu bugsieren, ohne dass es sofort wieder angerannt kommt und der ganze Zirkus von vorne losgeht - hier schweigt der Kleine Helfer. Soll man es einschließen? Wegtragen? Oder doch wieder niederbrüllen, wenn nicht gar Schlimmeres? 'Das ist nichts als Drill', schnaubt Georg Kohaupt, Therapeut im Kinderschutzzentrum Berlin verächtlich. 'Triple P ist faszinierend, weil es hochwirksam ist', sagt er, 'aber von Personen und Persönlichkeit ist diese Strategie abgespalten.' So funktioniere die Methode nur deshalb, weil die Eltern aus der Beziehung herausgingen und sich vom Kind distanzieren, ohne Zorn und Eifer, ohne Gefühl. Das Kind müsse so den Konflikt allein lösen, die Eltern nähmen nicht teil. 'Der Machtkampf wird durch Dressur entschieden', sagt er, 'sonst nichts.'"4

 

Zudem besteht die Gefahr einer inflationären Anwendung, und dies gerade auch bei Verhaltensweisen, die als alterstypisch und reifeentsprechend anzusehen sind.5 Kleinkinder z.B. müssen eben auch lernen, auf die sofortige Erfüllung eines Wunsches verzichten zu können. Aber das gleich zu erwarten, wenn sie gerade erst begriffen haben, dass sie einen eigenen Willen haben, ist doch schon sehr viel verlangt. Gerade in solchen Situationen bedürfen Kinder eben auch der Begleitung und der Hilfe durch die Eltern. Wenn ein Wunsch nicht erfüllt werden kann, warum nicht das Kind trösten, in den Arm nehmen und sagen: "Ich weiß, dass dir das jetzt schwer fällt, aber es geht nun mal nicht anders."  Deegener und Hurrelmann ziehen daher in Bezug auf Stillen Stuhl und Auszeit auch das Fazit: "Es ist also fraglich, ob Kinder durch (gehäufte und solcherart angewendete) Auszeiten wirklich 'lernen mit Frustrationen und Ärger umzugehen', wie es Triple P behauptet."6

 

Schlafen

Triple P macht auch Vorschläge, wie man mit kindlichen "Schlafstörungen" umgehen kann. Diese Vorschläge ähneln sehr denen des Buches "Jedes Kind kann schlafen lernen" von Kast-Zahn/Morgenroth, ja sind zum Teil noch rabiater. Auch hier besteht die Gefahr - wie auch sonst bei Triple P - dass völlig normale Verhaltensweisen als Störung klassifiziert werden:

"Wenn, wie behauptet, ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren Probleme beim Schlafen und Schlafengehen hat, so ist zu diskutieren, in wieweit die genannten Verhaltensweisen wie Trödeln, nicht ins Bett gehen wollen, im Bett weinen, mitten in der Nacht aufwachen, aus dem Bett klettern und bei den Eltern schlafen wollen noch als 'normal' für diese Altersstufe angesehen werden können oder aber bereits als Probleme bezeichnet/etikettiert werden müssen.7

Wer sich darüber hinaus zum Thema Schlafen informieren möchte, dem empfehle ich unsere Textsammlungen unter der Rubrik Schlafen oder die Rote Bücherliste in unserer Bibliothek.


Fazit

Triple P enthält sicher einige positive Elemente (z. B. Augenkontakt halten, positiv formulieren). Aber die zukunftsorientierte, demokratische und humane Dimension in der Erziehung wird stark vernachlässigt. Dazu gehören z. B. alters- und reifegerechte Mitsprache-, Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten, Partnerschaftlichkeit, Respekt und Achtung vor dem Kind, Zuhören und ernst nehmen. Stattdessen werden Anpassung und Gehorsam überbetont.8

Es gibt qualitativ (und auch finanziell, denn ein Triple P-Kurs geht ordentlich ins Geld) wesentlich bessere Alternativen zu Triple P.

Zu empfehlen sind z. b.

  • Elternkurs "Starke Eltern – starke Kinder" vom Deutschen Kinderschutzbund;
  • Elternkurse nach Thomas Gordons "Familienkonferenz".

In unserer Bibliothek unter der Rubrik Elternsein sind die Bücher zu den genannten Elternkursen von uns rezensiert.


Literatur und Anmerkungen

Deegener, Günther/ Hurrelmann, Klaus (2002): Kritische Stellungnahme zum Triple P. http://www.kinderschutzbund-bayern.de/fileadmin/user_upload/veroeffentlichungen/stellungnahmen/kritische_stellungnahme_triplep.pdf

Kucklick, Christoph: Die hohe Kunst des Helfens. In: GEO 04/2002 (S. 127-154).

Unverzagt, Gerlinde: Müssen Eltern in die Elternschule In: Psychologie Heute, Februar 2001, S. 64-69.

 

1Vgl. Kucklick, S. 132.

2Deegener, Hurrelmann, S.12-15.

3Deegener, Hurrelmann, S. 31.

4Unverzagt, S. 67.

5Vgl. Deegener, Hurrelmann, S. 30.

6Deegener, Hurrelmann, S. 37.

7Deegener, Hurrelmann, S. 21.

8Vgl. Deegener, Hurrelmann, S. 38.


Elly für Rabeneltern.org, Januar 2004

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