Die Gefahr der Halte-Therapie

Die Halte-Therapie ist eine Praxis, die im Buch „Holding Time“ von Martha Welch beschrieben und empfohlen wird. Halte-Therapie bedeutet das zwangsweise Halten des Kindes von einem Therapeuten oder Elternteil, bis das Kind seinen Widerstand aufgibt oder bis eine bestimmte Zeitspanne vorüber ist. Manchmal wird der Zwang erst gelöst, wenn Augenkontakt erfolgt ist. Obwohl diese Therapie ursprünglich für autistische Erwachsene entwickelt wurde, wird sie ebenfalls bei Teenagern und Kindern angewendet, die unter Wahrnehmungsstörungen leiden oder bei Kindern mit Spätfolgen, die aufgrund einer schweren Geburt vermutet werden. Befürworter dieser Methode verteidigen diese mit der Begründung, sie wäre nur zum Besten für das Kind - also genau die selbe Rechtfertigung, die für das Schlagen oder andere Bestrafungen angeführt wird. Die Verwendung des Begriffs „Therapie“ macht es Fachleuten, die dieses Vorgehen nicht befürworten, schwer, dagegen vorzugehen und Eltern dabei zu helfen, die Gefahren zu erkennen. Ich beurteile diese Praxis als unvereinbar mit Attachment Parenting (liebevollem Elternsein), welches vor allem eine Beziehung ist, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Es kann für ein Kind außerordentlich hart sein, sein volles und tiefes Vertrauen wiederzugewinnen, nachdem es zwangsweise gehalten wurde – unabhängig von den „guten Absichten“ seiner Eltern oder dem Resultat gedankenlosen Verhaltens.

Alice Miller schreibt dazu:

"Ich sehe die Haltetherapie als eine Form der Gewaltanwendung an. Leute mit den besten Absichten haben kein Gefühl dafür, was es bedeutet, wenn sie die Rechte einer anderen Person – des Kindes - missachten. Das Ziel ist, das Kind von verbotenen, unterdrückten Gefühlen zu befreien, aber die Gewalt dieser Methode macht es ihm absolut unmöglich, davon zu profitieren." (1) "Zwang ist nur zum Besten für das Kind und es wird für seine Toleranz, den Zwang zuzulassen, belohnt und geliebt, das ist die Botschaft dieser Methode. Es wird glauben, dass Zwang zu seinem Wohlbefinden beiträgt und letztendlich nur zu seinem Vorteil ist. Ein perfekterer Betrug und eine perfektere Verzerrung der kindlichen Wahrnehmung ist kaum möglich." (2)

Es liegt in der menschlichen Natur, die Anwendung von Zwang abzulehnen und sich gegen sie aufzulehnen. Die Anwendung von Halten unter Zwang durch ein Elternteil, wird auf jeden Fall starke Gefühle von Angst, Verwirrung, Hilflosigkeit, Ärger und Verrat beim Kind hervorrufen, weil die natürlichen Versuche des Kindes, sich aus der Umklammerung zu lösen, missachtet werden, von denjenigen, die es liebt und denen es vertraut. Durch das zwangsweise Halten, lernt das Kind, dass Freiheit nur erreichbar ist, wenn es der von außen auferlegten Kontrolle nachgibt – eine gefährliche Lektion, die einem kleinen Kind damit erteilt wird. Der Wille kann gebrochen werden, aber das ist nicht, was ich unter psychischer Gesundheit verstehe. Es ist verantwortungslos, ein Kind, das nicht in der Lage ist, sich frei zu entscheiden, irgendeinem Zwang auszusetzen. Auch wenn ein emotionaler Durchbruch erreicht scheint, wäre der Preis zu hoch, denn es gibt keinen Weg, die kindlichen Gefühle wie Ärger, Frustration, Ablehnung und Verrat, zu vermeiden. Diese intensiven Gefühle können weder momentan, noch ihre Auswirkung in Zukunft eingeschätzt werden. Wie nach Schlägen oder anderen Arten der Bestrafung, das Kind scheint zu gehorchen, während seine tatsächlichen Gefühle verdrängt werden und erst dann zum Ausbruch kommen, wenn es sich stark genug dafür fühlt. Weiterhin ist der echte „Erfolg“, wo Zwang angewendet wird, für immer mit Zweifel versehen. Wenn ein Kind nicht „nein“ sagen darf, was hat sein „ja“ dann wirklich noch für einen Wert? Ein Kind, das gezwungen wird, lernt gutes Benehmen vorzutäuschen. Diese Art der Unaufrichtigkeit ist die Wurzel einer asozialen Persönlichkeit. Die Anwendung von Zwang bei einem Kind ist immer ein Risikofaktor und niemals gerechtfertigt, außer es handelt sich um die Abwendung einer unmittelbaren Gefahr für Leben und Gesundheit und es gibt keine bessere Alternative. Es gibt aber Alternativen – sogar unzählige – für nahezu alle zwangsweisen Maßnahmen von Eltern. Für das unglückliche und aus der Kontrolle geratene Kind ist die beste Alternative vorzubeugen, indem die Grundbedürfnisse des Kindes gestillt werden (ungeteilte Aufmerksamkeit, Nahrung, Schlaf, Beachtung möglicher Allergien, Beseitigung familiärer Stressfaktoren, etc.). Wo Zwang einfach unvermeidbar ist (das Kleinkind rennt auf die Straße), sollte dieser so gering wie möglich sein und es sollten sanfte Erklärungen und Entschuldigungen des Elternteils folgen. Halten unter Zwang, ohne unmittelbare Gefahr, sollten aus humanitären Gründen – die für mich selbstredend sind –  in Frage gestellt werden. Und über die angeblichen, von den Befürwortern gesehenen gesundheitliche Vorteile hinaus, kann Zwang eine schwerwiegende psychologische Gefahr darstellen, wie Michel Odent in The Scientification of Love (1999) zitiert:

"... einer unserer wichtigsten Fortschritte beim Verständnis von Gesundheit und Krankheit in den vergangenen Jahrzehnten [...] ist die Identifizierung von typisch krankmachenden Situationen gewesen – in die Falle gelockt werden oder in bedrohliche Umstände und nicht in der Lage sein, weder zu kämpfen, noch zu fliehen. Wenn wir uns nur passiv abfinden können, tendiert unser Gesundheitszustand dazu, sich zu verschlechtern (3). Auf der anderen Seite, wenn wir selbst die Initiative ergreifen können, verbessert er sich."

Es gibt noch einen weiteren zwingenden Grund der Haltetherapie den Rücken zu kehren: Wie können wir diese Methode in einer Gesellschaft rechtfertigen, in der Kinder – aus gutem Grund – dazu angehalten werden, „nein“ zu sagen, wenn sie sich durch Berührung Erwachsener belästigt fühlen? Ob nun ein Elternteil, Therapeut oder Fremder, physische Gewaltanwendung ist falsch. Dies zu rechtfertigen, indem Begriffe wie Liebe oder Therapie verwendet werden, ist eine Verletzung des kindlichen Vertrauens und Selbstverständnisses. Wie alle anderen Formen zwangsweisen Gehorsams, verbindet „Halten unter Zwang“ Liebe mit Unterwerfung. Täuschungsmanöver durch das Kind sind wahrscheinlich, weil das Kind versucht etwas zu begreifen, was sein Herz als falsch empfindet, nämlich was es eigentlich unter Liebe versteht. Sanfte, mitfühlende Annäherungen sind mit viel weniger Stress für alle Beteiligten verbunden, als Halten unter Zwang, sind auf lange Sicht wesentlich effektiver und respektvoller dem Kind gegenüber, das vor allem anderen unsere Liebe und Zuneigung verdient. Wie traurig, wenn unser geliebtes Kind in den Armen zu halten – vorausgesetzt der Wunsch beruht auf Gegenseitigkeit – pervertiert würde in eine solche herzlose Praxis.

Quellen:
1 Miller, Alice. Personal communication.
2 Miller, Alice. Breaking Down the Wall of Silence
. New York: Penguin USA, new edition 1997.
3 Maier, S. F. and Seligman, M.E.P. "Learned Helplessness: Theory and Evidence." J. Exp. Psychol. General 1976; 105:3-46.

Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis der Autorin Jan Hunt

übersetzt aus dem Englischen von eulalie für Rabeneltern.org

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