Gewalt ist Gewalt

Integrität und Selbstgefühl hängen zusammen. Je besser es den Eltern geglückt ist, für die Integrität des Kindes Sorge zu tragen, um so größer sind die Möglichkeiten des Kindes, ein gesundes Selbstgefühl zu entwickeln. Gewalt ist ein Angriff auf die Integrität der Kinder und damit schädlich für ihr Selbstgefühl.

Die Tatsache, dass nur grobe körperliche Gewalt, die wir Kindesmisshandlung nennen, gesetzlich belangt wird, heißt nicht, dass andere Formen von Gewalt nicht schädlich sind. Wir haben nur beschlossen, sie nicht als kriminell anzusehen.

Im Laufe der Zeit haben wir viele Synonyme für körperliche Gewalt gebildet. Wir nennen es „Körperstrafe“, „Schlag“, „Klaps“, „Haue“, „Dresche“, „Abreibung“, „Disziplinierung“ und so weiter. Die meisten Kulturen haben eigene, rechtfertigende Kosenamen für das Phänomen. Aber das kann nicht länger die Tatsache verdecken, dass Gewaltanwendung Gewalt ist und dass Gewalt für Selbstgefühl und Menschlichkeit beider Partner zerstörend wirkt, egal, wie viele Euphemismen wir benutzen, und egal, wie wir sie begründen.

Nach meiner Erfahrung verteilen sich Eltern, die ihren Kindern gegenüber Gewalt anwenden, auf zwei Gruppen. In der einen Gruppe ist Gewaltanwendung eine Haltung oder schlicht eine Ideologie. Die, zu deren Haltung Gewalt gehört, sagen: „Na ja, ich glaube aber nun nicht, dass dieser Klaps auf den Po Kindern schadet, wenn sie ihn verdient haben.“ Wenn man bei dieser Gruppe etwas näher hinschaut, zeigt sich häufig, dass diese Menschen, bevor sie Kinder bekamen, eigentlich eine andere Haltung vertraten und ihre jetzige Haltung meist ein Ausdruck dafür ist, etwas zur Tugend erklärt zu haben aus Not.

Die Eltern, für die Gewaltanwendung Ideologie ist und die meinen, Gewalt sei ganz einfach ein notwendiges Mittel einer verantwortlichen Kindererziehung, kommen oft aus einem Milieu oder einer Gesellschaft, die von totalitären religiösen oder politischen Ideologien beherrscht wird. In diesen Gruppen spielen das Leben und die Lebensqualität eines einzelnen Individuums nur eine untergeordnete Rolle, und die Tatsache, dass Gewalt zerstörerisch für das Individuum ist, macht deshalb keinen Eindruck.

Eine zweite Gruppe von Eltern, in vielem typisch für die skandinavischen Gesellschaften, schlägt ihre Kinder ab und zu, die Eltern haben aber jedesmal, wenn sie es tun, ein schlechtes Gewissen.

Unabhängig von der Einstellung der Eltern hat eine jede Form der Gewaltanwendung Kindern gegenüber genau die gleiche Konsequenz wie die Gewaltanwendung gegenüber Erwachsenen: Sie schafft kurzfristig Angst, Misstrauen und Schuldgefühl, und langfristig sorgt sie für ein geringes Selbstgefühl, für Zorn und Gewalt. Diese Folgeerscheinungen der Gewalt stehen nicht notwendigerweise im Verhältnis dazu, wie häufig ein Kind geschlagen wird. Mir sind Menschen bekannt, die von ihren Eltern ein einziges Mal im Laufe ihres Aufwachsens gewaltsam behandelt wurden und die den Schmerz niemals verwunden haben. Mir sind auch andere Menschen begegnet, die zehn- bis zwanzigmal geschlagen wurden, ohne dass das nachhaltige Spuren hinterlassen hätte. Vieles deutet darauf, wie bedeutsam es ist, ob die Eltern die Verantwortung für die Gewaltanwendung übernehmen oder den Kindern die Schuld geben.

 

Quelle:
Auszug aus dem Buch – Das kompetente Kind

veröffentlicht bei Rabeneltern.org mit freundlicher Genehmigung des Autors Jesper Juul

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