Freches Grinsen?

Wenn Kinder zurechtgewiesen werden und dann plötzlich lächeln, denken Erwachsene oft, die Seiten frech oder unbeeindruckt. Aber ist es wirklich frech?
 
Der Verhaltensforscher Vitus Dröscher hat eine andere Erklärung:
 
“Jeder Gesichtsausdruck hat bei Tieren seinen besonderen Sinn. So kann ein Halbaffe schon folgendes damit 'sagen': Er kann einem Rivalen drohen, indem er sein Maul weit aufreißt, aber dabei die Zähne bedeckt lässt. Zieht er aber bei nur etwas geöffnetem Maul, die Mundwinkel zurück und fletscht die Zähne, so bedeutet dies merkwürdigerweise das Gegenteil einer Drohung, nämlich die Versicherung, unter gar keinen Umständen beißen zu wollen, etwa in dem Sinne: Sieh, ich habe Zähne, mit denen ich beißen könnte, aber ich tue es nicht!
 
Der Ausdruck des Lächelns ist bei den Lemuren und Altweltaffen weiter verfeinert und ritualisiert worden. Es wurde zur Demutsgebärde. Wenn zum Beispiel ein schwacher Rhesusaffe die Prügelei mit einem stärkeren vermeiden oder nach einer Beißerei weiterer Verfolgung durch den Überlegenen entgehen will, grinst er ihn breit an und stoppt dadurch den Angriff...
 
Psychologisch ist das auch für den Menschen sehr aufschlussreich. Oft lächeln Kinder unvermittelt, wenn Lehrer oder Eltern sie scharf zurechtweisen. Leider gibt es viele Erwachsene, die diese Reaktion als Höhepunkt der Frechheit missdeuten. In Wirklichkeit aber ist das „Verlegenheitslächeln“ der Kinder ein Zeichen dafür, dass sie sich im Innersten getroffen fühlen und dadurch ein Verhaltensrelikt aus grauer Vorzeit ausgelöst wird: eine im Instinktgefüge verankerte Demutsgebärde.“
 
Aus: Vitus Dröscher, Aus Beißen wurde Lächeln, in: Die Zeit, 17.09.1965.

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