Stillen – nicht immer klappt alles von Anfang an...

9. Juni

Morgens kurz vor sieben wird Vincent geboren, genau in den Schichtwechsel hinein. Vielleicht war das der Grund, weshalb in der Folgezeit keine Hebamme gekommen ist, um ihn das erst Mal bei mir anzulegen Das Baby lag zwar auf meiner Brust und hat auch ein bisschen geleckt, aber ich als unerfahrene Erstmama habe es eben nicht so „zur Brust genommen“, wie es hätte sein müssen.

Bereits mittags waren wir wieder zuhause, Susanne, meine Hebamme war gegen 16 Uhr da. Dann versuchten wir es das erste Mal mit dem Anlegen. Dabei stülpte Vincent die Lippen nach innen und hatte nur einen sehr schwachen Saugreflex. Susanne formte seinen Mund richtig, allein saugen mochte er nicht mehr. Ich versuchte es noch ein paar mal alleine, nachdem Susanne weg war – ohne Erfolg.

So ging es die nächsten drei Tage, wobei Vincent immer hungriger und ungeduldiger wurde, auch mit Stillhütchen nicht ansaugte und seine zweite und dritte Nacht durchweinte. Wenn ich ihn anlegte, streckte er den Rücken durch und schlug mit dem Kopf hin und her, so dass keine Chance bestand, ihm die Brustwarze einzuführen.

12. Juni

Nach der zweiten durchweinten Nacht und insgesamt schon über 72 Stunden ohne Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme wirkte der Kleine so apathisch, dass ich gleich morgens Susanne anrief, die auch gleich vorbei kam und ihn wog. Er hatte die kritische 10 % -Marke unterhalb des Geburtsgewichts erreicht und hatte außerdem Fieber. Daraufhin flößten wir Vincent gesüßten Tee ein und fuhren dann schleunigst zur Kinderärztin. Die schloss eine Infektion aus und verschrieb eine elektrische Milchpumpe, damit meine Milchproduktion in Gange kommen konnte. Am frühen Nachmittag hatte ich die erste Kolostralmilch für Vincent abgepumpt und Susanne zeigte mir, wie ich ihm die Milch mit einem kleinen Becherchen einflößen sollte, möglichst so, dass er sie sich mit der Zunge holen musste. Das ging gut, bis er etwas Kraft geschöpft hatte und schnell mehr haben wollte. Ab dem Zeitpunkt ging mehr von der mühsam gewonnenen Milch auf Spucktuch, Klamotten und Kissen als in das hungrige Baby-Mäulchen – jede Fütterung geriet zum Kampf mit viel Geschrei.

15. Juni

Susanne brachte uns den Finger-Feeder mit. Das ist ein dünn auslaufender Aufsatz für eine Spritze, den man neben dem kleinen Finger - vom Baby unbemerkt – in den Mund einführen kann. Das Baby saugt also am kleinen Finger (Fingernagel zeigt zur Zunge) der einen Hand, mit der anderen Hand kann man kontrollieren und halbmilliliterweise Milch in den Mund geben. Am kleinen Finger spürt man auch, ob das Kind die richtige Trinktechnik anwendet und kann so dieses richtige Verhalten belohnen. Wenn das Baby nicht saugt oder mit der falschen Technik saugt (mit umgestülpten Lippen, ohne Zungeneinsatz etc.), kommt keine Milch. So hat Vincent in den nächsten zwei Wochen die richtige Trinktechnik gelernt. Von zunächst einer Spritze (20 ml) steigerten wir uns in dieser Zeit auf 4 – 5 Spritzen pro Mahlzeit, die natürlich – wie auch das ganze Abpump-Geschirr nebst Fläschchen – regelmäßig gewaschen und sterilisiert werden mussten. Ich pumpte tagsüber alle zwei, nachts alle drei Stunden ca. 20 – 30 Min., später 15 Min. ab und stand anschließend am großen Kochtopf zum Auskochen. An Schlaf war nicht ernsthaft zu denken. Die Anschaffung eines Vaporisators und die Anwendung einer Magensonde, die am kleinen Finger mittels eines Kunststoffrings befestigt wurde, anstelle des Finger-Feeder-Aufsatzes, hat die Fütterung weiter erleichtert, da man das Kind in der Wiegehaltung und so die Hände sehr viel natürlicher halten konnte.

Nachdem wir zunächst immer wieder versucht hatten, Vincent anzulegen, er aber zwischenzeitlich schon beim Nähern der nackten Brust schrie, holte sich Susanne Rat bei einer Stillberaterin. Die schlug vor, Vincent zunächst gar nicht mehr anzulegen, damit er seine schlechten Erfahrungen vom Anfang vergisst.

Nach ca. zwei weiteren Wochen waren die von Vincent getrunkenen Mengen mit den Spritzen kaum noch zu bewältigen. Nochmalige Versuche, Vincent anzulegen, mit und ohne Stillhütchen, mit an der Brustwarze angeklebter Magensonde, im hungrigen, im halbsatten Zustand, müde oder ausgeschlafen – nichts brachte den kleinen Kerl dazu, wenigstens ansatzweise einen Saugversuch zu unternehmen. Meistens brüllte er sofort oder nach kurzer Zeit so, als wolle man ihm ans Leben. Da blieben dann die Verzweiflungs-Tränen bei der Mutter auch nicht aus.

21. Juni

Meine Mutter hatte über eine Bekannte von Osteopatie-Behandlungen bei geburts-traumatisierten Säuglingen gehört und heute hatte Vincent einen Termin. Ich wollte nichts unversucht lassen. Obwohl die Therapeutinnen mir den Eindruck vermittelten, es müsse sofort eine Wirkung erkennbar sein, gab es nach wie vor keinen Fortschritt.

Da auch Susanne keinen Rat mehr wusste, schickte sie mir eine professionelle Stillberaterin (IBCLC) ins Haus.

24. Juni 

Die Stillberaterin kam zu uns nach Hause, um unsere Stillversuche in der gewohnten Umgebung zu beobachten. Nachdem sie uns erst zugeschaut hat, machte sie ein paar Vorschläge von Positionen (u.a. auf dem Wickeltisch) und versuchte den schnellen Wechsel zwischen dem kleinen Finger und der Brustwarze – alles ohne Erfolg. Daraufhin ließ sie uns den sogenannten „Haberman“-Sauger da, der einzige Flaschensauger, bei dem das Kind aktiv wie an der Brust saugen muss, um etwas herauszubekommen, und bei dem man beeinflussen kann, wie viel das Kind herausbekommt. Dadurch kann man das Saugen an der Brust simulieren (zunächst kommt ganz wenig, bis der Milchflussreflex aktiviert ist, dann kommt viel auf einmal). Sie schlug vor, Vincent viel an der nackten Brust zu füttern (hatte ich auch vorher schon gemacht) und ihm die Brust nur so lange anzubieten, so lange er nicht brüllt.

Mit der Flasche sind wir nach ein paar Anfangsschwierigkeiten gut zurecht gekommen. Ich einigte mich mit der Stillberaterin auf eine weitere Woche Abpumpen bis nächsten Donnerstag, wenn Vincent dann nicht die Kurve bekommen hätte, würde ich Abstillen.

1. Juli

An diesem Nachmittag war ich ganz entspannt und Vincent gnaddelte ohne erkennbaren Grund. Ich konnte ihn mit nichts trösten und auch das Windelwechseln hatte nicht geholfen. Da er nun schon mal auf dem Wickeltisch lag, bot ich ihm die Brust als Trost an. Er nahm die Warze ohne Gebrüll in den Mund und – SAUGTE!!! Ich war völlig sprachlos und überwältigt von dem Gefühl eines saugenden Kindes an meiner Brust.

2. Juli

Auch beim Termin bei der Stillberaterin klappte es mit dem Saugen auf dem Wickeltisch liegend, kein Vorführeffekt! Also doch noch kein Abstillen morgen, der Junge bekommt eine weitere Woche, um die Kurve zu bekommen. Dabei sollte er erst die Muttermilch aus der Flasche bekommen, dann aus der Brust.

Diese Woche war fürchterlich. Mit der Hoffnung im Herzen, dass es mit dem Stillen doch noch klappt, ging es einen Schritt vor und zwei zurück. Weder durfte das Kind zu hungrig oder zu müde sein, wenn ich von der Flasche auf die Brust wechselte, noch durfte ihn sonst etwas ablenken. Die Fütterungen gerieten wieder zum Kampf mit viel Geschrei. Meistens klappte es Nachts ganz gut mit dem Nachschlag aus der Brust, tagsüber endeten die Mahlzeiten häufig damit, dass er nach Flasche, lautem Gebrüll an der Brust, erst wieder eine halbe Stunde zum Beruhigen brauchte, bevor er überhaupt wieder aus der Flasche trinken konnte. Meine Nerven waren kaum noch vorhanden.

7. Juli

Von einer zweiten Ostheopatie-Behandlung erhoffte ich mir einen nochmaligen Fortschritt. War ja nicht auszuschließen, dass die erste Behandlung das Saugen unterstützt hatte. Aber leider schien die Behandlung gar nicht anzuschlagen – Vincent brüllte wieder bei fast jedem Versuch, ihn anzulegen.

8. Juli

Nachdem jede Mahlzeit des Tages ein Kampf gewesen war und ich das Gefühl hatte, meinem Kind Gewalt anzutun, rief ich die Stillberaterin an. Ich mochte nicht mehr abpumpen, lieber wollte ich die Zeit mit meinem Kind verbringen, statt es nur mit dem Fuß im Stubenwagen zu schaukeln, wenn es brüllte und ich an der Pumpe hing. Wir besprachen die Umstellung auf Flaschenmilch und die Stillberaterin meinte, die HA-Nahrung, die ich im Haus hatte, würde manchen Kindern nicht besonders schmecken, so dass Probleme auftauchen könnte. Ich sollte zunächst die noch vorhandene Muttermilch im Wechsel mit der Flaschenmilch verfüttern. Ich beobachtete, dass Vincent die Muttermilch tatsächlich viel zügiger und fröhlicher trank als die HA-Milch. Daraufhin bot ich ihm aus der Flasche nur noch HA-Milch an, wenn er Muttermilch haben wollte, sollte er sie sich aus der Brust holen. Und siehe da, das tat er auch! Mit dem Pumpen hörte ich aber sofort auf. Es ging mir gleich viel besser und ich hatte auf einmal so viel Zeit!

So hangelten wir uns wieder eine Woche weiter, zunächst bekam er erst die Flasche, dann die Brust, später dann umgekehrt. Er trank immer weniger aus der Flasche, immer mehr aus der Brust und hatte immer weniger Schreianfälle dabei. Es ging also zwei Schritte vor und einen zurück.

15. Juli

Bei einem erneuten Termin mit der Stillberaterin beschloss ich, erst einmal so weiter zu machen. Die Pumperei war ich los, Fläschchen waschen und sterilisieren müsste ich ja auch, wenn ich abgestillt hätte, und so bekam der Kleine wenigstens noch einen Teil Muttermilch. Da es sehr heiß war, bekam Vincent nachmittags Tee aus dem Fläschchen, nachdem er Flasche und Brust geleert hatte. Da kam mir die Idee, ihm von nun ab aus dem Fläschchen keine HA-Milch, sondern nur noch Tee anzubieten, was ich in der Folge auch tat. Wenn er sättigende Milch wollte, musste er eben an der Brust bleiben. Und wieder trickste ich ihn über den Geschmack aus: in den folgenden 24 Stunden trank er ausschließlich von der Brust! Wir hatten es geschafft! An Vincents 37. Lebenstag wurde er zum Stillkind, nachdem die Hebamme, die Stillberaterin und ich schon jegliche Hoffnung aufgegeben hatten!

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