Mollys Stillgeschichte

Eine Nachbarin hat mich während der Schwangerschaft in vertraulichem Ton gefragt, ob ich stillen wolle. Ich fand die Frage fast überflüssig (klar, wollte ich stillen!), aber noch alberner fand ich, als sie mit ihrem Stillbuch auftauchte und es mir in die Hand schob, als wär’s die heilige Schrift. Es war das Buch von Hannah Lothrop, das mich durch seine „Du“ – Formulierung auch etwas abschreckte. Diese ganze Stillerei erschien mir wie eine Religion, die mir mit zu viel Trala verkauft wurde.

Und so intensiv ich mich mit allen Fragen der Schwangerschaft und Geburt auseinander setzte, so eisern ignorierte ich den Anhang in allen meinen Schwangerschaftsbüchern, in denen es ums Baby ging. Alles, was ich wusste, war, dass man das Kind so bald wie möglich anlegen sollte. Der Rest ist Natur.

Aber irgendwie kam dieser Natur einiges in die Quere, und meist trug dies weiße Kittel. Die Kinderschwestern in der Entbindungsklinik erklärten mir als erstes, dass ein Neugeborenes nicht öfter als zweistündlich stillen dürfte. Dazu bekam ich noch diverse Zeitangaben an die Hand und konkrete Anweisungen für die rechte und linke Seite (wobei sich die einzelnen Schwestern widersprachen). Wenn man dazu noch weiß, dass ich eine ausgeprägte Rechts- /Linksschwäche habe, wundert es wohl keinen mehr, dass ich am zweiten Tag mit dem Wecker im Bett saß und akribisch notierte, wann mein Sohn auf welcher Seite wie lange getrunken hat.

Schon kamen die ersten mathematischen Hürden: Rechne ich den Stillabstand ab dem ersten Schluck oder ab dem letzten? Wenn eine Stillmahlzeit eine halbe Stunde dauert, dann ergibt sich da immerhin ein recht langer Spielraum, eine Grauzone im Legalitätsbereich des Stillens sozusagen.

Ha, ertappt! Eine Stillmahlzeit darf nur 20 Minuten dauern.

Wenn ich ihn länger nuckeln ließe, bräuchte ich mich nicht zu wundern, dass meine Brust wund wurde.

Wenn der Stillabstand kürzer als zwei Stunden war, würde das Kind natürlich schreien, weil es Bauchschmerzen bekäme von der neuen Milch, die auf die alte trifft. (Aber ich stillte doch nur deshalb in kürzeren Abständen, WEIL er schrie?! Wahrscheinlich waren das die Schmerzen vom vorherigen Stillen...)

Wenn das Kind so oft trinken wolle, hätte ich wohl recht dünne Milch, meinte eine Bekannte, die zu Besuch war, und bei der es selbst so war.

Den Obstkorb von meinem Mann schenkte ich der Bettnachbarin, die nicht stillte, denn ich wagte es weder Pflaumen noch Zitrusfrüchte noch irgendetwas zu essen, da alles in Verdacht stand, beim Kind Blähungen zu verursachen.

Nun denn, am dritten Tag hatte ich unerträgliche Schmerzen in den Brüsten, die sich anfühlten, als wären sie mit heißem Teer gefüllt. Leider waren die Hebammen und Schwestern etwas überfordert auf der personalmäßig unterbelegten Station, so dass ich nicht wagte, ständig nach Quarkwickeln zu fragen (von denen ich zuvor nie gehört hatte, die mir aber als Lösung angeboten wurden). Ich hatte auch nicht damit gerechnet, harte Knoten in der Brust zu bekommen, die der Chefarzt betastete und zu denen er meinte: „Das ist noch in Ordnung!“ Noch??? Und was soll ich tun, damit es in Ordnung bleibt?

Es war so weit: Ich packte das Buch meiner Nachbarin aus der Tasche und fing an, nach Informationen zum Stillen zu suchen. Und erst da wurde mir bewusst, dass ich bereits in die Mühlen geraten war, dass jeder etwas Anderes wusste und offenbar keiner etwas Genaues.

Zum Abschied nach 4 Tagen Klinik redete mir der Chefarzt noch einmal ins Gewissen, so bald wie möglich den 4-Stunden-Rhythmus einzuführen.

Zuhause waren es die Kinderärzte, die Nachsorgehebamme, meine Mutter. Jeder hatte eine andere These, weshalb mein Sohn schrie. Denn da er ein normalgewichtiges Baby war, fanden es alle höchst verwunderlich, dass er „wie ein Frühchen“ öfter als vierstündlich trinken wollte.

Es sollte gut sechs Wochen und zwei Brustentzündungen (eine davon mit Antibiotika) dauern, bis ich ALLE tollen Tipps in den Wind schießen konnte. Davor dachte ich noch, ich müsste, sollte, hätte sollen... . Erst als ich anfing, gezielt nach Informationen zu suchen und auf die Internetseite mit meiner Lieblingsstillberaterin stieß, erblickte ich so etwas wie einen Lichtstrahl. Die ganze Stillerei erschien plötzlich nicht mehr als mathematische Geheimwissenschaft von Weißkitteln, sondern als etwas, bei dem ich auf mein Kind hören durfte. Und das fand ich relativ unkompliziert.

Ab dann klappte es! Ich stillte sechs Monate voll, fing dann an, zuzufüttern, wobei mein Sohn erst mit etwa 9 Monaten einigermaßen Interesse daran zeigte. Langsam wurden alle Kinder aus unserer Krabbelgruppe abgestillt. Bekannte fragten immer wieder: Na, wann stillst du ab? - Mal schauen...

Jetzt wird mein Sohn 2 Jahre alt. Hätte mir vor zwei Jahren jemand erzählt, dass es Mütter gibt, die so lange stillen, ich hätte diese Mütter wohl für - gelinde gesagt – komisch gehalten. Und eh man sich versieht... !

Ich erwarte im Herbst mein zweites Kind. Der Gedanke, das erste so langsam abzustillen, kommt mir immer wieder. Tagsüber stillt er so gut wie gar nicht mehr. Aber wenn er darum bittet (vor allem nachts noch), dann mit solch einer Vehemenz und Ernsthaftigkeit, dass ein Abstillen im Moment noch unwahrscheinlich ist. Denn mit Gewalt will ich es nicht erzwingen.

Wir werden sehen, was daraus wird...

Die Moral von der Geschicht: Es geht doch nichts über die richtigen Informationen zur richtigen Zeit. Was für mich vielleicht noch verhängnisvoll war, war die Tatsache, dass die Klinik zur Entbindung so genial gut war. Dadurch hatte auch die Wochenstation einen Vertrauensbonus bekommen, den sie leider nicht verdient hat... In einem anderen Krankenhaus hätte ich vielleicht von vornherein mehr hinterfragt.





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