Ellys Stillgeschichte

Henrike war ein Wunschkind. Ganz jung waren wir nicht, aber auch nicht alt mit 32 und 33 Jahren. Die Schwangerschaft verlief vollkommen normal. Ich genoss sie und blühte auf. Bei Henrikes ersten Bewegungen stellte ich mir vor, was sie wohl für ein Kind sein würde.

Auf jeden Fall gefiel es ihr so gut, dass ich schon eine Einweisung ins Krankenhaus hatte für die Einleitung. Die Geburt fing dann aber doch von selbst an. Auch hier sah zunächst alles nach einer Bilderbuchgeburt aus. Aber als ich schon auf dem Gebärhocker saß, hörten die Wehen auf. Danach begann dann das medizinische Programm: Seitenlage im Kreißbett, Wehentropf, aber Henrike wollte einfach nicht. Nachdem ihre Herztöne absackten und ihr Köpfchen schon mehrmals zu sehen war, aber jedes Mal wieder verschwand, fiel dann die Entscheidung: Zangengeburt! Mein Mann, der mich bis dahin ganz toll unterstützt hatte, wurde rausgeschickt. Um mich herum versammelten sich fünf Weißkittel (Hebamme, Ärztin, Oberarzt. Kinderarzt, Krankenschwester). In diesem Moment fehlte mir mein Mann so, und ich fühlte mich nur noch allein und ausgeliefert.


Doch endlich war es so weit: Henrike war da, blau und rot, verschrumpelt, laut schreiend – und doch das süßeste Mädchen der Welt!

Angelegt habe ich sie noch im Kreißsaal. Unser kleines Mädchen saugte so kräftig. Dass in so einem kleinen Menschen so viel Kraft sein konnte…

Im Krankenhaus blieb ich fünf Tage. Die Hebammen und Schwestern auf der Wöchnerinnen-Station waren ganz unterschiedlich: Von der Ziege a là Oberschwester Hildegard bis hin zur Hebamme, die mir auch menschlich gute Tipps gab, war alles vertreten.

Mir fehlte jedoch die einheitliche Linie: Jede sagte etwas anderes und vor allem die Konservativen rümpften die Nase über die Vorschläge ihrer Kollegin zu alternativen Fütterungsmethoden. Denn Henrike bekam im Krankenhaus ein oder zwei Fläschchen HA-Nahrung, obwohl ich es eigentlich nicht wollte – hatte ich doch in der Schwangerschaft Hannah Lothrop gelesen. Aber das ständige Gerede: „Sie war übertragen und braucht Flüssigkeit. Sehen Sie doch mal wie trocken ihre Haut ist.“ machte mich ganz hilflos und unsicher.

Als wir zu Hause waren, klappte alles viel besser. Henrike war ruhiger, schrie nicht mehr so viel. Meine größere Ruhe übertrug sich auch auf das Kind. Ich konnte richtig anfangen, unsere kleine Tochter zu genießen. Da unsere Verwandtschaft weit weg wohnt, konnten wir uns den Tag so gestalten, wie wir wollten. Und blieben auch von mehr oder weniger klugen Kommentaren verschont.


Dazu gehörte für mich auch das Stillen – ganz selbstverständlich. Ein Stück weit war es sicher auch der Ehrgeiz, der mich packte: Waren doch drei meiner vier Neffen ca. ein Jahr gestillt worden. „Was meine beiden großen Schwestern schaffen, das schaffe ich auch!!“, war meine Devise. Und alles in allem verlief unsere Stillbeziehung auch problemlos.

Nur im letzten Sommer – ich war bei meinen Eltern zu Besuch und Henrike in der totalen Fremdelphase – kam es zu einem fiebrigen Milchstau. Die Ärzte in der gynäkologischen Ambulanz hatten wenig bis keine Ahnung vom Stillen. Der Professor schien auch der Meinung zu sein, dass Abstillen jetzt wohl doch angebracht sei. Zum Glück holte ich mir Rat bei einer Stillberaterin, die mir den Rücken stärkte. Ihre Tipps halfen auch: Ruhe. Stillen, Stillen, Stillen.

Und jetzt: Henrike wird in der Regel immer noch dreimal täglich gestillt. Vor allem zum Einschlafen braucht sie es noch. Für mich ist das kein Problem. Vielmehr genieße ich den ruhigen Tagesabschluss, das dämmrige Licht, die Nähe zu unserem kleinen Schatz.

Was wir nicht (mehr) machen: Stillen in der Öffentlichkeit. Ich gebe zu, dass ich da für mich eine persönliche Grenze erreicht habe. Vielleicht wäre es anders, wenn Henrike es einfordern würde, aber tagsüber lässt sie sich meist auch anders trösten.

Das letzte Mal haben wir im Trubel auf ihrer Geburtsfeier gestillt, das war vor drei Monaten.


Das Ende? Es könnte fast lauten wie im Märchen: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stillen sie noch heute…



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