Meine Schwangerschaft

Da saß ich nun morgens um sechs auf der Toilette mit dem Teststreifen in der Hand, der wirklich mehr als rosa war. Ich war schwanger. Mein Kinderwunsch war mir immer klar, und es war auch klar, dass es ein Kind mit diesem Mann werden sollte. Wir waren seit elf Jahren ein Paar. Im Beruf war ich seit Jahren sehr unglücklich. Ausnahmsweise war ich gerade so richtig mit mir im Reinen. Es passte alles.

Vor Jahren hatte ich schon einmal aus einer Laune heraus Baby-Söckchen gekauft, die ich im Falle eines positiven Schwangerschaftstests im Rahmen eines romantischen Candle-light-Dinners liebevoll verpackt meinem Mann überreichen würde. Dann würde ich den letzten Tropfen Prosecco für Monate andächtig über meine Zunge rollen lassen. Tatsächlich aber saß ich auf dem Klodeckel und heulte. Ich heulte so laut, dass mein Mann davon geweckt wurde und in der festen Überzeugung, es sei wohl jemand gestorben, aus dem Bett schoss. „Ich bin schwanger“, heulte ich ihm entgegen. Sehr romantisch.

Dabei hatte ich es eigentlich genau gewusst. Und trotzdem nicht in mein Bewusstsein gelassen. Seit zwei Wochen „litt“ ich unter heftigen PMS-Beschwerden, wie ich dachte. Mein Zyklus war immer sehr unregelmäßig. Wir waren in den Wochen vor dem Test häufig eingeladen und hatten reichlich dem Wein zugesprochen. Noch einen Abend vor dem Test hatte ich eine Weinprobe besucht. Keine Ahnung, was in der Zeit los war, aber ich habe wohl unbewusst gedacht, dass ich ja schlecht schwanger sein kann, wenn ich doch gerade in einer Weinprobe sitze. Nun hatte ich panische Angst, dass dem kleinen Wesen etwas passiert sein könnte durch meine Ignoranz.

Gleichzeitig befand ich mich im totalen Gefühlschaos. Klar, ich wollte ein Kind, aber können wir bitte noch mal kurz zurückspulen? Hatte ich es wirklich so ernst gemeint? Am selben Tag ging ich zur Frauenärztin und saß den Tränen nahe im Büro. Ich dachte, jeder sieht mir an, dass ich schwanger bin und muss doch auch sehen, wie furchtbar schwer diese Nachricht zu tragen ist! Von rosaroten Wolken, auf denen ich eigentlich schwanger schweben wollte, war ich weit entfernt; stattdessen versank ich gründlich in Selbstmitleid. Mein Gefühlskarussell blieb mir gute drei Monate erhalten. Im vierten Monat, wir machten gerade eine Italien-Rundreise mit dem Auto, dachte ich beim Anblick von türkisblauem Wasser in Apulien „Wow, ich bekomme ein Baby“ und strahlte auf einmal vor Glück.

Körperlich lief alles bestens. Ich hatte ein wenig Ausschlag im Gesicht (was sehr untypisch für mich ist), der irgendwann verschwand. Leider war ich drei Monate lang stehend k.o.. Zu jeder Zeit konnte ich mich sofort hinlegen und schlafen. Dabei hatte Schlaf aber keinerlei Erholungseffekt. Übel war mir eigentlich nicht, aber ich war enorm geruchsempfindlich. Kaffee, eines meiner Lieblingsgetränke, konnte ich gar nicht riechen. Wenn mein Mann mich morgens aus zwei Metern Entfernung mit seinem Kaffee-Atem ansprach, wechselte ich die Farbe. Mit Käse und Schinken überbackenes Laugengebäck in der U-Bahn gab mir den Rest. Übergeben musste ich mich deswegen aber nie. Die größte „Schwierigkeit“ bestand darin herauszufinden, auf was ich Appetit hatte. Luxusprobleme. Meine Gewichtszunahme war übersichtlich, obwohl ich mehr aß als je zuvor.

Unmittelbar nach dem Urlaub, ab Beginn des fünften Monats, überkam mich der Nestbautrieb. Sobald ich unser noch völlig auszumistendes Arbeitszimmer sah, bekam ich zuviel. Natürlich fand ich, dass mein Mann zu wenig daran änderte, zu wenig las über das, was auf uns zukam, usw. Ich weiß nicht, ob es was geändert hätte zu wissen, dass ein Kind ganz lange wirklich andere Dinge braucht als ein eigenes Zimmer.

Ich stellte mir eine ambulante Entbindung mit Beleghebamme vor. Leider war in meiner 17. SSW keine Beleghebamme für die mich in Frage kommenden Kliniken mehr frei. Meine Schwangerschaftsvorsorge ließ ich nur bei meiner Frauenärztin durchführen. Mit der war ich zufrieden, aber beim nächsten Mal würde ich dennoch eine Hebamme mit einbeziehen.

Gute Freunde hatten uns begeistert von ihrem Großen Ultraschall erzählt, da sie ihre Tochter dabei so toll gesehen hätten. Wir waren auch heiß auf jedes Ultraschallbild. Eine medizinische Notwendigkeit gab es bei mir zum Glück nicht, und wir wollten eigentlich auch keine andere Pränataldiagnostik durchführen lassen. Aber Babyfernsehen wollten wir auch! Dabei habe ich nicht eine Sekunde richtig nachgedacht. Einen Tag vor dem Termin wurde mir mulmig. Was würde ich denn tun, wenn man bei der Untersuchung etwas sähe, was ich gar nicht wissen wollte? Auf einmal bekam das Babyfernsehen seinen eigentlich richtigen Platz. Ich war einfach nur froh, als es endlich vorbei war und wir einen Zettel in der Hand hatten, auf dem ein „intakter weiblicher Einling“ vermerkt war. Unsere Tochter hatte uns die ganze Zeit den Rücken zugekehrt, und wir hatten nun ein tolles 3-Bild ihrer Wirbelsäule. Kluges Kind. Nun schwebte ich wirklich auf rosaroten Wolken, denn ich hatte immer ein Mädchen erträumt (und, wie ich mir einbilde, auch erspürt).

Sehr früh, in der 18. oder 19. SSW, spürte ich die erste Bewegung und konnte es kaum glauben. Nun begann wirklich die schönste Zeit der Schwangerschaft. Im Gegensatz zu den ersten drei Monaten (Erwähnte ich schon meine MÜDIGKEIT?) sah ich blendend aus und war stolz und rund und froh. Mir fehlte wirklich nichts. Bis der Bauch so groß war, dass er ein wenig lästig wurde, dauerte bis fast ganz zum Schluss.

Wir entschieden uns für einen Geburtsvorbereitungskurs, den wir Frauen halb alleine und halb mit Männern besuchen, und diese Entscheidung war goldrichtig. Die Atmosphäre war an den Abenden ohne Männer entspannter und netter, aber dennoch war es mir wichtig, dass mein Mann auch mit im Boot war. Die Hebamme machte ihre Sache wirklich gut und ließ keinen Mann unsinnige Übungen machen.

In der Schutzfrist hatte ich einfach zuviel Zeit, um mich nur mit mir zu beschäftigen, und alle erdenklichen Ratschläge aus der „Hebammensprechstunde“ zu befolgen. Ich trank Schwangerschafts- und Himbeerblättertee, ich dampfte über Heublumen und massierte Bauch und Damm, ließ mir Beine und Zehen akupunktieren zur Verkürzung der Eröffnungsphase. Ich las im Internet Geburtsberichte. Ich ließ wirklich nichts aus. Ansonsten konnte ich mich kaum auf irgendetwas richtig konzentrieren. Meine extra für die Schutzfrist gekauften Englisch-Bücher bliebe ebenso liegen, wie viele andere Bücher. Dabei wollte ich diese herrlichen sechs Wochen so richtig nutzen, denn es war klar, dass das die einzige Schutzfrist in meinem Leben sein würde, die ihren Namen verdient. Schon beim zweiten Kind ist alles anders.

Das einzig wirklich Lästige war die Tatsache, dass ich nicht mehr schlafen konnte, weder ein noch durch. Ängste hatte ich so gut wie keine; der Geburt sah ich gelassener entgegen als der Zeit danach. Was mich nervte, waren die Arzttermine alle zwei Tage. Meine Tochter nahm noch eine Extra-Runde und kündigte sich erst sechs Tage nach dem Termin am frühen Morgen an. Und dann ging es mit der Geburt los.

Für die nächsten Schwangerschaften wünsche ich mir wieder genau so eine unkomplizierte Zeit, nur diesmal MIT Candle-light-Dinner!


Bianca, August 2003

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