Judiths Schwangerschaftsgeschichte

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Ich hatte mir schon lange gewünscht, schwanger zu werden. Ich habe mir immer vorgestellt, was das wohl für ein Gefühl sein muss, ein kleines Menschlein in seinem Bauch zu haben. Und ich habe immer schon gerätselt, wie eine Geburt so sein wird.

Lange Zeit habe ich diesem Wunsch nicht nachgegeben, weil ich noch in der Ausbildung war, dann, weil ich noch nicht verheiratet war und zuletzt, weil die bestehende Wohnsituation kein Kind vertragen hätte. Ich habe dann im Juni ’93 meine Jugendliebe geheiratet, war im Mai ’95 dann auch mit meinem Aufbaustudium fertig und war mit meinem Mann immerhin in eine 2-Zimmerwohung eingezogen. Jetzt wollte ich endlich auch ein Kind haben. Mein ursprüngliches Ziel, mit 25 das erste Kind zu bekommen, war zu diesem Zeitpunkt ja schon längst überschritten, und ich hatte schon die Befürchtung, ich müsste ewig auf eine Schwangerschaft warten und im schlimmsten Fall würde ich doch so alt wie meine Mutter mit mir werden. Und immer noch brauchte mein Mann Bedenkzeit. Doch als er sich endlich bereit erklärte, es darauf ankommen zu lassen – zu diesem Zeitpunkt unterschrieben wir gerade den Mietvertrag für eine 4-Zimmer-Wohnung - wurde ich auf Anhieb schwanger. Ich wollte es aber erst gar nicht selbst glauben. Zwar hatte ich genau den Zeitpunkt des Eisprunges gefühlt und war mir von daher sicher – aber ich dachte, als die Blutung ausblieb, ich bin bestimmt nicht schwanger, das kann ja gar nicht sein, dass das sofort funktioniert, vor allem, weil ich es mir ja soo sehr gewünscht habe. Daher habe ich mich erst gar nicht getraut, einen Schwangerschaftstest zu machen – ich hatte Angst vor einer Enttäuschung. Ich hatte auch noch keine sonstigen Beschwerden – keine Übelkeit. In Hoffen und Bangen habe ich dann 4 Wochen nach Ausbleiben der Periode einen Test gewagt. Er fiel zwar positiv aus, aber so schwach, dass für mich noch ein großer Restzweifel blieb. Ich wollte es immer noch nicht glauben. Also meldete ich mich bei meinem Frauenarzt zur Untersuchung an. Er sah schon beim Abtasten des Bauches meinen Verdacht bestätigt und der Ultraschall beseitigte die letzten Zweifel: Ich war wirklich schwanger – und sogar schon in der 8. SSW!!!

Ich bin vom Arzt weg und war glücklich. Ich schwebte wie auf Wolken, die Welt war einfach nur schön – und ich war mir sicher, dass mir jeder, dem ich begegnete, meinen Zustand doch ansehen musste! Als Erstes rief ich meinen damals besten Freund an, um ihm die frohe Nachricht mitzuteilen – er freute sich sehr mit mir. Abends teilte ich auch gleich dem Orchesterleiter die frohe Botschaft mit – mit dem Hinweis, nur noch bis zu den anstehenden Konzerten mitspielen zu können.


Mein Mann war also erst der dritte, der davon erfuhr. Ich hatte mir weiß Gott die Situation oft vorgestellt – wie ich meinem Mann davon berichten werde, dass wir ein Kind bekommen werden. Und natürlich lief alles ganz anders als geplant. Ich war so aufgeregt und viel zu hippelig, um es spannend zu machen. Ich sehe mich noch heute mit ihm auf der Couch sitzen und ihn in mein Geheimnis einweihen: Ich fragte ihn, ob er mich denn noch lieb hätte, wenn ich zu zweit sei. In seine Augen kamen erst zwei Fragezeichen, dann erwachte die Erkenntnis – und er reagierte im ersten Moment eher geschockt. In diesem Moment kam mir der Gedanke – er wollte doch (noch?) kein Kind, er hatte gehofft, dass die Schwangerschaft noch auf sich warten lassen würde – und ich war kurz sehr traurig. Aber er beeilte sich dann, mir zu sagen, dass er sich auch freue... aber sich erst mal an den Gedanken gewöhnen müsse.

Wenn ich ehrlich bin, kamen spätestens da erste Zweifel in mir auf, ob mein Mann der richtige Partner für mich ist und wie sich eine Partnerschaft gestalten wird, wenn wir Eltern sind und ich wirklich auf ihn angewiesen bin. Eine erste Angst stieg in mir hoch. In den folgenden Monaten, in denen es mir körperlich sehr gut ging – besser als in den Jahren vorher – trauerte ich jeder meiner Freizeitbeschäftigungen nach, die ich beenden musste: die 3 Orchester, in denen ich spielte, die Unterrichterei zum Mutterschutz dann; ich fühlte mich schon ohne Kind eingesperrt...

Der Entbindungstermin kam langsam immer näher – die Ungeduld einer Schwangeren ist ja doch recht groß. Leider lag das Baby nach wie vor in Beckenendlage und machte keinerlei Anstalten, sich zu drehen. Ich hatte bereits im Erstgespräch mit meinem Frauenarzt erfahren, dass bei mir ein Kaiserschnitt notwendig werden könne, da ich ein „verlängertes Becken“ mit 6 statt der sonst üblichen 5 Lendenwirbeln habe. Der Arzt meinte, dass dadurch die Geburt in der Austreibungsphase länger dauern und dann ein Kaiserschnitt notwendig werden könnte. So lief ich also schon die gesamte Zeit der Schwangerschaft mit der Befürchtung herum, einen Kaiserschnitt machen lassen zu müssen – dabei wollte ich doch unbedingt eine natürliche Geburt erleben! Und nun drehte sich das Kind nicht mal herum und nahm mir die letzte Hoffnung auf eine normale Geburt. Denn der Arzt weigerte sich einerseits, eine äußere Drehung vorzunehmen, da das bei einer Erstgebärenden zu schlimmen Komplikationen, z.B. einer Plazentaablösung führen könne, bestimmte aber im gleichen Zug, dass bei mir dann auf jeden Fall ein Kaiserschnitt notwendig sei - Erstgebärende. Die Hebammen aus dem Geburtsvorbereitungskurs nach Alternativen zu fragen habe ich mich nicht mehr getraut....

So hoffte ich trotzdem noch auf das Wunder einer späten Drehung. Der errechnete Entbindungstermin sollte der 25.2.97 sein, daher schlug mein Frauenarzt vor, den Kaiserschnitt am 21.2., einem Freitag, vorzunehmen, da er an Freitagen in der Klinik sei. Da ich mir sicher war, Babys Kopf unterhalb meiner Rippen zu spüren, war ich jeden Morgen umso enttäuschter, je näher der Termin kam. Am 13.2. hatte ich dann einen regulären Voruntersuchungstermin. Beim Abtasten meinte dann mein Arzt, dass das Kind sich gedreht habe!... Ich war völlig verblüfft und im ersten Moment fast erschrocken – war ich doch inzwischen fast schon auf einen Kaiserschnitt am 21.2. eingestellt. Daher meinte ich zu meinem Arzt, das könne nicht sein, der Kopf meines Babys sei ganz sicher noch oben. Mein Arzt glaubte mir nicht, und meinte nur, ich wolle mich doch nicht etwa vor einer normalen Entbindung drücken – dabei war doch genau das mein größter Wunsch!!! Beim anschließenden Ultraschall aber musste mein Arzt zugeben, dass ich recht und er sich getäuscht hatte. Er tat es dann ab mit den Worten, dass mein Kind dann aber einen ungewöhnlich harten „Podex“ habe. Und meinte gleich darauf: „Ja, dann müssen wir das Kind holen. Wann? Morgen!“

Ich lag da und dachte, die Welt bricht gleich zusammen. Das letzte Fünkchen Hoffnung erstarb angesichts des Ultraschallbildes und der Ankündigung, den Kaiserschnitt bereits am nächsten Tag zu machen. Ich stotterte noch etwas herum, sagte noch, wir hatten doch immer den 21.2. anvisiert, aber da kam als Antwort, die „Gefahr“ bestünde, dass bis dahin bereits Wehen eingesetzt haben könnten und dann alles schnell gehen müsse, außerdem er ab Samstag im Urlaub sei und sein mir noch unbekannter Kollege dann den Eingriff vornehmen müsse – aber ich könne ja gerne abwarten.....

Irgendwie fühlte ich mich da schon betrogen – um den einzigen Vorteil eines „geplanten“ Kaiserschnittes, dass man den Zeitpunkt nämlich planen kann, da ich mehrere Termine noch in der Folgewoche nicht mehr wahrnehmen konnte (vor allem einen Friseurtermin, was mich ganz besonders ärgerte). Der Arzt meinte dazu auch noch, ich solle es positiv sehen, denn da bleibe doch noch ein Rest natürlichen Geburtserlebnisses: Es komme unerwartet....

Mein Mann, der bei dieser Untersuchung dabei war, war auch ziemlich sprachlos. Wir sagten dann den Kaiserschnitt für den nächsten Morgen zu. Ich sollte dann um 7.30.Uhr im Krankenhaus erscheinen.

Den Rest des Tages habe ich dann mit allen möglichen Vorbereitungen verbracht – Einkaufen, Telefonieren, Packen. Am Abend sind mein Mann und ich noch mal schön Essen gegangen – Fasten brauchte ich interessanterweise nicht. Zuhause haben wir noch ein Foto von meinem Bauch gemacht – nun war ja klar, dass er nicht mehr wachsen würde. In der Nacht habe ich fast nicht geschlafen vor Aufregung.


Im Krankenhaus am nächsten Morgen durften wir erst mal warten – auf ein freies Bett. Dann auf den Arzt, der mich allerdings lieb in den Arm nahm und scherzte, ich hätte doch schon heute Nacht kommen können, er sei sowieso vor Ort gewesen. Ich meinte nur, wenn ich das gewusst hätte, wäre ich gekommen, ich hätte eh nicht mehr schlafen können. Er lachte und meinte, dass er das schon befürchtet habe und versuchte, mich aufzumuntern. Die OP-Vorbereitungen wurden dann endlich getroffen. Ich sollte noch meine Ringe ausziehen – aber meine Finger waren so geschwollen, dass es nicht zu klappen schien. Eine Schwester wurde ganz ungeduldig und meinte, ob sie mir den Finger amputieren solle. Ich habe dann mit Hilfe von viel Seife und kaltem Wasser (und einer Schürfwunde) wenigstens einen der beiden Ringe abbekommen – der Anästhesist hat dann doch den Arm mit der beringten Hand für die Infusion ausgewählt. Die Schwester, die beim Legen der PDA bei mir war, war sehr lieb – immerhin. Mein Mann kam dann auch in den OP mit – der Arzt hatte ihn mit einer Chirugenmütze mit Hasenohren, die sie wohl auf Kinderstationen verwenden, versehen – es war ein eher lächerlicher Anblick. Die Narkose wirkte gut und schnell, ich wurde zwar zu Beginn etwas panisch bei der Vorstellung, dass der Arzt gleich meinen Bauch aufschneiden wird – ich dachte, es tut bestimmt weh, aber der Anästhesist beruhigte mich schnell wieder. Nach ganz kurzer Zeit, in der mir der Anästhesist z.T. erklärte, was gerade geschah, ruckelte es ganz dolle an (oder in?) meinem Bauch – sie zerrten mein Kind heraus.... ein furchtbares Gefühl. Ich war mir auch sicher, dass es bis vor der OP geschlafen hatte und stellte mir dieses schreckliche Erwachen vor, das solch ein Erlebnis für ein Baby darstellen muss. Dann hörte ich kurz gurgelnde Geräusche und ein Schrei – mein Baby war da!

Es schien mir noch eine Ewigkeit zu dauern, bis die Schwester endlich meinte, ob ich denn wissen wolle, welches Geschlecht mein Kind habe. Ich konnte gar nicht antworten und sie meinte nach einer Weile – ein Mädchen. Da fragte ich gleich nach, ob es gesund sei, das wurde mir bestätigt. Im tiefsten Inneren hatte ich mir auch ein Mädchen gewünscht und freute mich nun umso mehr. Mein Kind wurde mir gebracht und ich durfte es noch kurz halten – völlig fassungslos angesichts dieses Wunders, dann ging die Kinderschwester mit meinem Mann zusammen ins Kinderzimmer, da es ihr im OP zu kalt für das Baby schien. Ich wurde dann fertig versorgt und kam aufs Zimmer.

Kaum war ich dort, kam mein Mann auch schon mit dem fertig gewaschenen und angezogenen Kind. War das wirklich mein Kind? Mein Bauch war noch taub, aber ich glaubte, mein Baby darin noch zu spüren. Nein, es war doch nicht mehr dort. Aber war es wirklich das Kind in dem Bettchen neben mir? Ein Kaiserschnitt mag eine medizinische Bereicherung sein – ich hatte erst mal gar keinen Bezug zu diesem Bündel neben mir. Auf meine Nachfrage wegen des Stillens wurde mir gesagt, dass ich das in den ersten 24 Stunden noch nicht machen solle, das Kind brauche noch nichts, und wenn doch stünde für sie ein Glukosefläschchen bereit. Ich war zwar unsicher wegen dieser Aussage – ich hatte doch in meinem Stillbuch etwas anderes gelesen! Aber das Buch war zuhause und ich fühlte mich zu schwach um zu protestieren.

Als ich am nächsten Tag endlich mein Baby anlegen durfte, war ich immer noch sehr schwach und mein Bauch tat gemein weh. Ich war völlig unsicher im Halten des Kindes und erstaunt über das kräftige Saugen! Erst nach einigen Tagen zeigte mir eine versiertere Kinderschwester, wie ich das Baby seitlich liegend bequem anlegen konnte – welch eine Erleichterung! Sie schlief sehr viel – vor allem nachts, da meldete sie sich von Anfang an maximal 2 mal. Ich hatte daher viel Zeit zum Ausruhen und beobachtete mein Kind viel. Dabei entdeckte ich Bewegungen, die ich mit Bewegungen in meinem Bauch in Zusammenhang bringen konnte – es war tatsächlich das Wesen, das in meinem Bauch gewesen war! Inzwischen staunte ich aber, wie dieses eigentlich doch relativ große Baby in meinem Bauch Platz gehabt haben soll. So wuchsen mein Kind und ich langsam aber stetig zusammen. Das Stillen klappte meiner Meinung nach gut. Dann kam die Nacht, in der ich wieder ins Wanken kam: Die Nachtschwester brachte mir mein weinendes Kind zum Stillen. Als ich fertig mit Stillen war, holte sie es wieder ins Kinderzimmer, wo die Babys in der Nacht standen. Nach einer Weile tauchte sie wieder auf und erklärte mir, mein Kind habe nur 60 g getrunken und hätte noch Hunger gehabt (ich hatte sie ihr schlafend mitgegeben!) und sie habe ihr ein Fläschchen mit nochmal so viel nachgefüttert. Sie habe die Milch zwar mit Tee verdünnt, aber ich hätte ja wohl zuwenig Milch. Jetzt sei mein Kind wenigstens satt.

Ich war so platt, dass ich gar nichts sagen konnte. Hatte mir doch gerade in der Nacht davor eine Schwester erklärt, meine Tochter habe 40 g getrunken, das sei ganz prima! Und jetzt kam dieser Drache und meinte, 60 g sind zuwenig und hatte die Frechheit, ungefragt nachzufüttern! Erst am nächsten Vormittag hatte ich bei der Stationsschwester, eine ganz liebe Kinderschwester, den Mut, mich über diese Aktion zu beschweren. Sie hörte sich auch ganz bestürzt den Vorfall an und versprach mir, mit dieser Schwester zu reden.

Trotzdem war eines passiert: Mein Vertrauen in meine Stillfähigkeit war angeknackst. In den noch folgenden Nächten habe ich dann immer nur gehofft, dieser Schwester nicht mehr begegnen zu müssen. Nach 10 Tagen bin ich dann endlich nach Hause.


Die Schwangerschaft mit meinem Sohn begann eigentlich wie die mit meiner Tochter – sofort nach dem ersten Versuch. Diesmal aber allerdings mit meinem jetzigen Mann...

Wir hatten gerade auf dem Standesamt unsere geplante Eheschließung angemeldet – ein blöder Ausdruck, aber so sind die Ämter nun mal. Und dachten, nun kann auch ein Kind kommen – und prompt kam es auch. Diesmal habe ich die Schwangerschaft aber viel früher bemerkt – genau einen Tag nach Wegbleiben der Regel. Ich hatte so ein Bitzeln in den Brustwarzen, als wenn Kohlensäure darin wäre. Trotzdem wollte ich wieder nicht gleich daran glauben. Aber auch hier war der Schwangerschaftstest leicht positiv. Danach aber war ich mir sofort sicher, schwanger zu sein. Jetzt grübelte ich erst mal darüber nach, zu welchem Arzt ich gehen wollte. Meinem früheren hatte ich den Kaiserschnitt immer noch nicht verziehen, zumal das Ganze noch ein Nachspiel gehabt hatte: Ich ging im Frühjahr 2000 immer noch zu Kontrollen zu ihm hin. Dabei erwähnte ich bereits meinen erwachenden Kinderwunsch. Mein Arzt meinte darauf hin zu mir, dass dem nichts im Wege stünde. Allerdings sollte ich mir doch gleich klar machen, dass es nach meinem letzten Kaiserschnitt bei meiner Tochter bei einer neuen Schwangerschaft wieder zu einem Kaiserschnitt kommen würde. Auf mein entsetztes Nachfragen warum dem so sei erklärte er mir, dass beim Kaiserschnitt meine Gebärmutter leicht eingerissen sei und dies sei eine potentielle Schwachstelle bei natürlichen Wehen. Ich müsse damit rechnen, dass es zum Gebärmutterbruch kommen könne, wenn auch nicht unbedingt müsse. Aber ich wolle ja sicherlich kein Risiko eingehen.

Ich verließ die Praxis als hätte mir jemand mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen. Im Fahrstuhl dann liefen die Tränen los – ich heulte wie ein kleines Kind. Alle meine Hoffnungen, meine Träume auf eine natürliche Geburt bei einer nächsten Schwangerschaft sollten nun zu Ende sein, nur weil so ein supermotivierter Schnippler meinen Kaiserschnitt versaubeutelt hatte? Ich war am Boden zerstört. Als ich nun wirklich schwanger war, wollte ich mir diesen Arzt nun wirklich nicht mehr antun. Daher ging ich auf den Tipp einer Bekannten zu einem Arzt in meiner Nähe. Dieser bestätigte dann die Schwangerschaft, behandelte mich aber ansonsten nur wie eine Nummer, quasi Schwangerschaft Nr. 1493 im laufenden Jahr, und machte mich noch blöd an, dass ich in der ersten Schwangerschaft zuviel zugenommen habe und mir das bei ihm aber nicht erlauben dürfe. Dieser Arzt hat mich verständlicherweise auch nur einmal gesehen.

In meiner Hilflosigkeit rief ich die Hebamme an, die die Nachsorge bei meiner Tochter gemacht hatte. Wir waren in der Zwischenzeit sowieso lose im Kontakt geblieben und sie kannte auch meine neuen Familienverhältnisse. Sie war sehr bestürzt über die Art meines früheren Arztes und  riet mir zu einem Arzt, der auch im gleichen Krankenhaus Belegbetten hat, in dem meine Tochter geboren wurde. Da ich bis auf das Erlebnis mit der Nachtschwester dort keine schlechte Erfahrungen gemacht hatte – es ist ein kleines, von Nonnen geleitetes Krankenhaus – willigte ich ein. Um mir die Sache noch leichter zu machen, meldete mich die Hebamme auch gleich zu einem Untersuchungstermin bei diesem Arzt an. Sie warnte mich allerdings noch vor den langen Wartezeiten, die mir dort blühen könnten.

Ich ging also mit sehr gemischten Gefühlen hin – aber ich wurde mehr als positiv überrascht. Dieser Arzt war so herzlich und von einer so ruhigen, liebenswerten Ausstrahlung, dass ich mich sofort gut aufgehoben fühlte. Er wollte wissen, wie ich an ihn gekommen sei und so erzählte ich ihm die ganze Geschichte. Und nach einem ausführlichen Gespräch und einer ersten Untersuchung durch ihn versicherte er mir, dass ich keinen Bruch der Gebärmutter zu befürchten habe und auch eine Beckenendlage kein unbedingtes Hindernis für eine normale Geburt darstellen würden. Ich solle mich einfach entspannen und das kommende Jahr gut verbringen – denn es würde ja doch noch ein paar Monate dauern, bis der Geburtstermin komme.

Ich ging sehr glücklich aus dieser Praxis heraus – war ich nun doch wieder optimistisch.


Die nächsten Wochen gingen wieder mit leichter Übelkeit einher – vor allem Brot konnte ich nicht sehen oder riechen, das war auch schon in der ersten Schwangerschaft so gewesen. Diesmal zog sich die Morgenübelkeit allerdings mehr über den ganzen Tag. Aber es war noch erträglich, hatte ich doch keinen Brechreiz. Nur die Müdigkeit war diesmal schwerer zu ertragen, denn ich hatte ja schon ein Kind, dass Ansprüche an mich stellte. Alles lief aber soweit gut und ich wollte schon aufatmen – als ich eines Morgens in der 11. Woche dann plötzlich leichte Blutungen bekam. Der Schock fuhr mir in alle Glieder. Eigentlich war ich gerade auf dem Weg zum Sport und voller Elan – nach dieser Entdeckung fühlte ich mich mit einem Mal richtig schwach. Ich griff zum Telefon, um meinen Arzt anzurufen – aber immer nur Besetztzeichen. In meiner Verzweiflung rief ich wieder einmal bei meiner Hebamme an. Leider war sie selbst nicht da, sondern nur ihre Kollegin, mit der sie sich die Wohnung teilt und mit der ich nie so richtig warm geworden war. Aber sie schaffte es erst mal, mich etwas zu beruhigen. Dann erreichte ich endlich den Arzt und bekam einen Termin. Ich bestellte meine Eltern, damit sie meine Tochter vom Kindergarten abholen sollten – auch eine Sache, um die ich mich nun kümmern musste – und fuhr los. Leider war es mal wieder recht voll beim Arzt und trotz der bestehenden Dringlichkeit musste ich sehr lange im Wartezimmer warten. Ich versuchte ständig in mich hineinzuhören – zu meinem Baby: Lebte es noch?? Ich war voller Angst und die Zeit wollte nicht weitergehen. Endlich kam ich dran. Und die große Erleichterung: Auf dem Ultraschall war der Herzschlag ganz deutlich zu sehen. Die Blutung war nur eine leichte Gewebsverletztung am Rand und nicht gefährlich für den Embryo. Dennoch verordnete mir mein Arzt 1 Woche Liegen. Mit Hilfe meiner Eltern, die ständig als Babysitter kamen, klappte das auch ganz gut. Als ich nach dieser einen Woche wieder aufstehen wollte – langsam, so wie es mir der Arzt gesagt hatte, kam es zu einer weiteren Blutung. Aber auch hier stellte sich nach dem ersten Schreck heraus, dass es vermutlich nur noch mal ein Rest war, der sich erst durch die vermehrte Bewegung gelöst hatte. Allerdings sollte ich nun noch mal eine Woche liegen. Es waren lange 2 Wochen. Danach war ich noch 3 Wochen krank geschrieben – und fühlte mich auch schrecklich schwach. Bei einem Besuch beim Arzt kippte ich fast in der Fussgängerzone um, weil mein Kreislauf gar nicht mehr wollte, aber ein Glas Wasser einer aufmerksamen Verkäuferin konnte mich glücklicherweise wieder aufpäppeln.

Nach dieser Episode verlief die Schwangerschaft aber komplikationslos weiter. Das Baby wuchs sehr gut – es war meist größer als erwartet und mein Arzt war sich schon sicher, dass es schon Ende Juli kommen müsse – ET war der 9.8..

Im Mai habe ich meinen lieben Mann geheiratet – da war das Bäuchlein doch schon recht groß. Wer hätte das an unserer Anmeldung zur Eheschließung gedacht? Dann kam der Sommer 2001. Es war ein unheimlich heißer, schwüler Sommer. Ich hing in den letzten Wochen sehr in den Seilen, mein Bauch war unheimlich groß und ich fühlte mich schon früh sehr schwerfällig. Dabei nahm ich diesmal gar nicht so zu wie in der ersten Schwangerschaft. Vielleicht war es aber auch wirklich die Belastung der Schwangerschaft mit einem Kind. Wenn mir danach war, konnte ich mich ja in der ersten Schwangerschaft hinlegen und schlafen – das war nicht mehr möglich. Und die Spätschwangerschaft war damals im Winter – wie angenehm! Ich hatte nie kalte Hände und Füße wie sonst. Aber jetzt im Sommer... sehr oft lag ich im Sessel, die Beine hochgelegt unter dem Deckenventilator, unfähig, irgendetwas zu tun. Und das Baby in meinem Bauch war ja soooo agil – so etwas hatte ich in der ersten Schwangerschaft auch nicht erlebt. Schön war aber: Es lag mit seinem Kopf schon früh nach unten und blieb auch so liegen.

Der Juli kam und ging, dann der errechnete Entbindungstermin – aber mein Baby schien sich bei mir sehr wohl zu fühlen. Es wollte noch nicht kommen – und ich wartete doch schon voller Ungeduld, zumal ich mich in den letzten Wochen wirklich kaum noch rühren konnte. Die Terminabstände beim Arzt, die durch die Anfangskomplikation bedingt nie länger als 3 Wochen auseinander gelegen hatten, wurden immer kürzer: erst im 2 -, dann im 1 - Wochenabstand und ab dem errechneten Termin zweitägig. Zum Glück konnte ich öfters zu den bei ihm beschäftigten Hebammen zur Kontrolle und musste nicht immer auf ihn warten – die Wartezeiten waren wirklich lang bei ihm. Mein einziger Trost in den langsam vergehenden Tagen bis zur Geburt war meine beste Freundin: Sie war nämlich mit ihrem 3. Kind schwanger und hatte ihren errechneten Entbindungstermin gerade 1 Tag vor mir – und war auch noch schwanger. Letztlich haben wir beide den Tag Abstand ordentlich eingehalten. Trotzdem wartete ich auf die ersten Geburtswehen. Lange schon vorher hatte ich abends oft schon Übungswehen gehabt, auch recht regelmäßige, aber im Bett gingen sie immer wieder weg. Ich wachte oft nachts sehr enttäuscht auf, dass es wohl immer noch nicht soweit war. Auch kein Gewitter wollte die Geburt auslösen. Wenn ich meine Tochter in den Kindergarten brachte, fingen die ersten Mütter dort schon an zu frotzeln, ich solle doch mal zu ihnen nach Hause zum Fensterputzen kommen, das würde sicher helfen.

Durch die vielen Untersuchungen war ich mir aber wenigstens sicher, dass es meinem Baby gut ging. Dennoch meinte eines Tages mein Arzt, dass das Kind viel zu klein sei... dabei war es doch immer zu groß gewesen! Er bestellte mich ins Krankenhaus zu einem Dopplerultraschall. Ich machte mich nicht weiter verrückt, war ich mir doch inzwischen wirklich sicher, dass alles ordnungsgemäß verlief. Und siehe da, der Doppler bestätigte mein Gefühl. Trotzdem wollte es mein Arzt genau wissen und ließ mich einen Wehenbelastungstest machen – mit dem Hinweis, dass dieser auch zur Geburt führen könne. Der Test lief problemlos, mein Baby ließ sich nicht beeindrucken, und erst recht nicht herauslocken. Fast wollte mein Arzt die Geburt schon einleiten – es war inzwischen 9 Tage über Termin und er gab mir noch eine Gnadenfrist von 3 Tagen - da schien es endlich loszugehen. Die Hebamme, die mich an diesem Morgen, ein Sonntag, im Krankenhaus untersuchte, stellte fest, dass der Muttermund fingerdurchlässig war. Und auch ich hatte zum ersten Mal Wehen, die sich anders als die bisherigen Übungswehen anfühlten. Die Hebamme versicherte mir, dass es bald losginge, vielleicht noch an diesem Tage, spätestens aber wohl in der Nacht.


Dem war dann auch so. Gegen 1.30 Uhr wurde ich von den stärker werdenden Wehen geweckt. Schlafen konnte ich nicht mehr, daher ging ich ins Wohnzimmer. Ich setzte mich auf den Pezziball und veratmete die Wehen, die allerdings erst alle 7-8 Minuten kamen. Gegen 3.30 Uhr weckte ich meinen Mann. Meine Tochter war an diesem Morgen glücklicherweise noch bei ihrem Papa, so dass ich mich nicht sofort um sie kümmern musste. Ich rief dann die diensthabende Hebamme im Krankenhaus an – und freute mich sehr, denn es war die, die mir den Arzt vermittelt hatte. Sie riet mir, solange wie möglich zuhause zu bleiben, aber wenn mir danach wäre, dürfe ich auch kommen. Gegen 6 Uhr fuhren wir dann auch ein erstes Mal hin. Aber trotz schon deutlicher Wehen und einem Abstand von 4-5 Minuten war noch nichts Entscheidendes passiert. Sie meinte, wir sollten doch so gegen 10 Uhr wieder kommen. Bis dahin gingen wir erst noch mal nach Hause. Dort rief mich just meine Exschwägerin an, mit der ich fast keinen Kontakt mehr hatte und wollte wissen, wie es mir geht. Ich hatte in den Wehen schon Probleme, mit ihr zu sprechen, und wir beendeten das Gespräch auch bald wieder. Dann benachrichtigten wir meine Eltern, damit sie meine Tochter vom Kindergarten abholen würden. Mein Exmann bringt sie nach seinen Wochenenden noch hin, so dass man sie erst zum Mittag holen musste.

Um 10 Uhr gingen wir also wieder ins Krankenhaus – am Muttermund tat sich nichts. Dabei hatte ich doch jetzt schon seit ein paar Stunden Wehen! Und sie wurden immer kräftiger. Wenn sie jetzt kamen, hatte ich das Gefühl, mich unter keinen Umständen mehr bewegen zu dürfen, weil jede Bewegung die Schmerzen zu verstärken schienen. Meine Hebamme verabreichte mir ein krampflösendes Mittel und einen Wehencocktail aus verschiedenen Globuli gemixt, den ich nach jeder Wehe nehmen sollte. Wir spazierten durch die Flure und den Klinikgarten und kamen in regelmäßigen Abständen zu Untersuchungen wieder. Gegen 12.30 Uhr platzte dann die Fruchtblase, just, als ich mich für eine weitere Untersuchung aufs Kreißsaalbett legen wollte. Der Muttermund war inzwischen auf lächerlichen zwei Zentimetern und ich fürchtete schon wieder um eine normale Geburt.

An diesem Morgen hatte ich eine werdende Mutter auf der Treppe getroffen – als ich jetzt in mein Zimmer kam, sah ich sie wieder: Sie hatte inzwischen per Notkaiserschnitt entbunden. So schnell konnte es also gehen! Auch andere werdende Mütter kamen an diesem Tag und bekamen ihre Babys – nur ich wartete noch. Inzwischen war die Schicht meiner Hebamme zu Ende und ihre Nachfolgerin kam – es war ausgerechnet die, die ich am wenigsten mochte. Da es nur ein kleines Krankenhaus ist, gibt es auch pro Schicht nur eine einzige Hebamme. Anscheinend schien dieser Tag vielen Babys zu gefallen – insgesamt wurden 4 Babys an diesem Tag geboren, eines wie schon erwähnt mit Kaiserschnitt. Die anderen Mütter kamen viel später als ich – und verließen den Kreißsaal mit ihren geborenen Babys. Es war frustrierend. Zumal die Wehen bei mir bis zum Nachmittag eine schier unerträgliche Stärke erreicht hatten: Ich schrie inzwischen genauso laut, wie eine weitere Mutter, die gerade in den Presswehen lag. Und ich dachte nur, die hat´s gut, die hat es bald geschafft. Mein Muttermund war inzwischen auf knapp 4 Zentimetern offen – und ich hatte das Gefühl, nur noch aus Schmerz zu bestehen. Noch aber lehnte ich Medikamente oder gar eine PDA ab. Da beide Kreißsäle besetzt waren, quälte ich mich mit der Unterstützung meines Mannes im Vorraum herum. Dort gab es zwar eine nette Salzkristalllampe, aber nur eine ganz furchtbare, harte Untersuchungsliege. Ich konnte es nicht ertragen, darauf zu sitzen oder gar zu liegen und wusste nicht mehr, was ich tun konnte. Auch war nicht sehr viel Platz zum Bewegen. Die Hebamme war beschäftigt und ich fühlte mich sehr hilflos. Zwischendurch kamen Schwestern und Ärzte herein – auf dem Weg in den Kreißsaal und machten zum Teil irgendwelche Bemerkungen. Unter anderem kam auch mein früherer Arzt und versuchte anscheinend irgendeinen Witz zu machen. Ich kann mich nicht mehr an das erinnern, was er sagte, ich bin aber innerlich sehr wütend geworden.

Die Stunden schleppten sich so dahin – wäre mein Mann nicht gewesen, ich wäre vermutlich durchgedreht. Er versuchte immer wieder, mich aufzubauen und mich so gut er konnte zu stützen. Das Gefühl vom Vormittag, dass ich mich in den Wehen nicht bewegen dürfe, verstärkte sich immer mehr. Selbst ein Toilettengang war eine einzige Qual. Die Wehen kamen in sehr kurzen Abständen, und dennoch wollte der Muttermund kaum weiter aufgehen. Ich verkrampfte wohl immer mehr. Gegen 17.30 Uhr kam die Hebamme wieder zu mir und riet mir nun doch sehr dringend zu einer PDA. Da willigte ich ein, weil ich einfach nicht mehr konnte. Meinem Baby allerdings schien es trotz andauernder Wehen gut zu gehen – es blieb weiterhin völlig unbeeindruckt. Die Hebamme meinte zu mir, sie würde meinen Arzt verständigen, der sei allerdings noch bei einer anderen Geburt, aber sobald er könne, würde er mir die PDA legen.


Bis es soweit war, war es dann doch schon 19.00 Uhr. Ich war völlig fertig. Nun hatte ich ja doch schon seit 18 Stunden Wehen – und immer noch kein Baby. Die Angst, dass es wieder keine normale Geburt werden würde, übermannte mich immer mehr. Als der Arzt die PDA legen wollte, stach er beim ersten Mal auch noch daneben – es war ein schreckliches Pieksen in meinem Rücken, und ich schrie ganz schrill – ich hörte mich selbst wie eine fremde Person. Mein Mann berichtete mir später, dass er in diesem Moment ganz schreckliche Angst bekommen hätte. Danach traf der Arzt aber die richtige Stelle und die Betäubung wirkte zu meiner Erleichterung sehr schnell. Ich konnte mich endlich wieder entspannen und sagte auch meinem Mann, dass er sich ausruhen solle, mir ginge es ja jetzt gut. Mein Mann ging zögernd, aber dann doch wohl sehr erleichtert, und ich schlief sogar für eine halbe – oder war es sogar eine ganze? - Stunde ein.

Als ich wieder erwachte, musste ich dringend auf Toilette. Aber die Hebamme vertröstete mich, ich solle noch ein wenig Geduld haben, sie wolle erst das CTG fertig schreiben. Ich hoffte auf das Verständnis meiner Blase, aber lange konnte ich nicht den Druck ertragen. Angeschlossen an das CTG und die PDA konnte ich leider nicht einfach losgehen. Ich wiederholte daher mein Bedürfnis, auf Toilette gehen zu müssen mehrfach, bis sich die Hebamme endlich erbarmte. Nach dem Toilettengang kontrollierte sie wieder einmal den Muttermund – er war durch die Entspannung in der Betäubung bereits auf 6 Zentimeter aufgegangen, jetzt aber nachdem die Blase kein Polster mehr bilden konnte, war er schlagartig auf 8 Zentimeter offen. Ich höre sie noch heute sagen: „Ach, wenn ich das geahnt hätte, dass uns das so hilft, wenn du auf Toilette gehst, dann hätten wir das doch schon längst gemacht“..... Ich hätte sie in diesem Moment am liebsten erwürgt.

Jetzt begannen auch die ersten Presswehen, und die Hebamme telefonierte nach dem Arzt. Sie wollte aber noch, dass ich nicht mitpressen sollte. Allmählich wurde ich panisch, ich hatte Angst, dem Druck der Wehen nicht mehr standzuhalten. Mein Mann, der nach seiner Pause auch wieder da war, hatte viel Mühe, mich zu beruhigen. Irgendwann kam von der Hebamme die Anweisung, doch „ein wenig mitzupressen“. Was das wohl wieder bedeuten sollte? Ich verkrampfte wieder, wollte ich doch nicht „zuviel“ mitpressen. Dann ging aber alles auf einmal ganz schnell. Der Arzt kam und allein dadurch ging es mir schlagartig wieder besser. Dabei erfuhr mehr nebenher, dass man den Kopf schon gut sehen könne. Auch das gab mir neue Energie. Ich sollte bei der nächsten Wehe nun „richtig“ mitpressen. Aber durch das vorhergehende „etwas pressen“ war ich doch noch zu vorsichtig. Ich sah es am Gesichtsausdruck des Arztes, der wohl schon Bedenken hatte, ob ich überhaupt noch die Kraft für die Geburt hätte. Er meinte noch zu mir, dass der 20. August doch ein schönes Geburtsdatum sei, aber ich hätte dafür nur noch eine halbe Stunde Zeit. Aber der 21. sei ja auch schön...  Er erklärte mir ein wenig, wie ich denn nun pressen solle – ich weiß nicht mehr, was er mir erklärt hat, aber es muss wohl geholfen haben. Jedenfalls war nach der nächsten Wehe der Kopf bereits ein Stück weit draußen. Der Arzt war jedenfalls sehr beeindruckt. Bei der nächsten Wehe sah ich dann allerdings, wie er in Absprache mit der Hebamme nach der Schere griff. Ich erinnerte mich sofort an den Geburtsvorbereitungskurs, in dem uns mehrfach versichert wurde, dass wir davon gar nichts mitbekämen und dachte nur, für wie blöd halten die einen eigentlich? Und natürlich hatte ich auch eine Wahnsinnsangst, dass der Schnitt entgegen der allgemeinen Aussagen weh tun würde – ich schrie deshalb bei der nächsten Wehe meine ganze Angst mit hinaus. Aber es tat nicht mehr weh, weswegen ich mich dann doch wieder entspannte. Eine Wehe später war mein Sohn geboren – mit stolzen 4050 g, 53 cm und einem Kopfumfang von 36,5 cm und außerdem noch genau 8 Minuten vor Mitternacht. Ich fand mich richtig gut.

Diesmal durfte ich noch im Kreißsaal anlegen, und nach ein paar Ansaugproblemen klappte es auch gleich. Auch gab es in der ersten Zeit immer wieder Probleme beim ersten Anlegen – mein Sohn war aber sehr lernfähig und das Stillen funktionierte bald gut. Nach dem Nähen durfte ich zusammen mit meinem Mann unsere kleine Familie noch eine Weile genießen und gegen 2.30 Uhr kam ich dann in mein Zimmer.

 

Interessant ist noch die Begegnung mit der schrecklichen Nachtschwester von der Geburt meiner Tochter: Sie war inzwischen nach mehreren Beschwerden in den Tagdienst verlegt worden – da war sie nicht alleinverantwortlich und konnte wohl nicht mehr so viel Unheil anrichten. Als mein Sohn mal wieder gewogen wurde und ich mich über seine Zunahme freute, meinte sie nur: „Ja, klar, dass dein Kind so gut zunimmt – so gut, wie du ihn fütterst. Du hast doch soo viel Milch“.... Ich grinste bloß in mich hinein und dachte, wenn du wüsstest, was du mir vor 4 ½ Jahren noch erzählt hast!

Ich blieb noch eine Woche im Krankenhaus, obwohl ich auch schon früher hätte gehen können. Aber meine Tochter war am folgenden Wochenende bei ihrem Papa und ich wollte unter keinen Umständen heimkommen, wenn sie nicht dabei sein konnte. Meinem Mann tat das freie Wochenende sicher auch noch mal gut – der Geburtstag unseres Sohnes war auch für ihn sehr anstrengend gewesen, und ich bin immer noch heilfroh, dass er bei mir gewesen ist. Alleine hätte ich diesen doch fast 23-stündigen Marathon nicht so gut überstanden. Doch trotz all der Widrigkeiten, unter denen die Geburt verlaufen ist,  war ich mir bereits am nächsten Morgen darüber klar, dass wenn ich vor die Wahl gestellt würde, diese Geburt noch einmal zu erleben oder doch einen Kaiserschnitt machen zu lassen – ich würde mich in jedem Fall wieder für die erste Möglichkeit entscheiden!

Judith

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