Konventionelles Sauberwerden

Wir sollten trotz des propagierungswürdigen Ansatzes von „Windelfrei von Anfang an“ nicht aus den Augen verlieren, dass der Großteil unserer Kinder noch ganz konventionell gewickelt wird und sich demzufolge irgendwann im zweiten, dritten Lebensjahr die Frage stellt, wie man sich von den Windeln trennen könnte. Das Problem mit jedem früheren „Eingreifen“ ist jedoch, dass es sehr schnell mit dem noch vor wenigen Jahrzehnten verbreiteten rigiden Töpfchentraining unter einen Hut gesteckt wird. Es herrscht große Unklarheit, was vertretbar ist, was der kindlichen Psyche schaden kann, wie man vorgehen soll und so weiter...
Den einen, idealen Weg dafür gibt es wohl nicht, aber ein paar Praxiserfahrungen können durchaus hilfreich sein.

Erfahrungsberichte:

Wie ein Kind sauber wurde, dessen Eltern viel zu spät was von „windelfrei“ gehört haben (o;

Als Emilia vor gut drei Jahren zur Welt kam, stellte sich lediglich die Frage „Stoff oder Plastik“? – von Windelfrei hatten wir noch nie was gehört, daher wurde gewickelt, und zwar mit Plastik.

Im Sommer letztes Jahr war meine Tochter zwei Jahre alt, sehr viel nackig, merkte aber niemals, wenn sie musste, und wir haben sie damit natürlich in Ruhe gelassen. Es war einfach klar, sie spürt nicht früh genug, wenn die Blase voll ist. Macht ja nix (o:, wickelten wir halt weiter.

Als sie zweieinhalb war und uns im Urlaub langsam aber sicher die Handtücher zum Aufwischen ausgingen, versuchten wir, sie ab und an mal auf die Toilette zu setzen, aber wenn es passte, war es ein Zufallstreffer. Emilia war anzumerken, dass sie noch überfordert damit ist, ihre Ausscheidungen zu kontrollieren. Macht ja auch nix (o;, haben wir halt weitergewickelt.

Wieder zuhause war es zu kalt für nackige Hintern, also wieder Windeln. Der nächste Urlaub stand im Januar an, wir flogen in die Wärme und hatten wieder ein Kind, das sehr viel nackt sein konnte – und von einem Tag auf den anderen sagte Emilia bescheid, wenn sie musste, ohne dass wir sie irgendwie dazu angeregt hätten. Wieder zuhause hatten wir noch kurz ein paar Windel-Tage, dann aber nicht mehr. Das ist jetzt vier Monate her, Emilia ist seit sie knapp drei ist zuverlässig trocken, tags wie nachts.

Und das alles ohne bitten und betteln, ohne loben und tadeln und ohne Stress. Ich bin überzeugt davon, dass alle Kinder irgendwann an diesen Punkt kommen, und je weniger wichtig es den Eltern ist, dass das Kind doch jetzt endlich trocken werden soll, desto einfacher geht’s.
Wenn Emilia nicht mit drei Jahren trocken gewesen wäre, hätten wir halt weitergewickelt – irgendwann kommt der Tag, lieber später, als mit Druck und Konditionierung. (Sandra)

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Carl

Carl ist ein Sommerbaby und lag schon als Neugeborenes manchmal ohne Windeln im Garten unter einem Baum. Ich hatte ständig Panik, dass die diversen Handtücher alle nass werden und fand das ganze Szenario höchst unübersichtlich. Wenn er in seine frische Windel verpackt war, kam mir das viel praktischer vor (so viel nur als Vorgeplänkel, um zu zeigen, dass ich wirklich nicht prädestiniert war für „windelfrei“).
Mit etwa einem Jahr verbrachte er viel Zeit nackt im Garten und schaffte es ab und zu, „bewusst“ zu pinkeln, d.h. er bekam mit, was passierte. Ja, hin und wieder konnte ich ihn dafür sogar rechtzeitig auf ein Töpfchen setzen, so dass ich dachte, Sauberwerden ist ja ganz einfach. Doch sobald er Kleidung trug, konnte ich keinerlei Anzeichen erkennen und wusste auch nicht recht, wie ich mit dem Thema umgehen sollte (Ich wartete wohl darauf, dass er von selbst sagt, er muss), so dass spätestens im Frühherbst die Frage nicht mehr aktuell war.
Als er zwei Jahre alt war, wiederholte sich dasselbe Spielchen, wobei es auch sehr deutliche Situationen gab, in denen er von sich aus sagte, dass er müsse. Ich von mir aus wagte aber weiterhin nicht, in irgendeiner Form einzugreifen, sondern wartete eher ab, was er mir dazu zu sagen hatte. Und ebenso wie ein Jahr zuvor, verlor sich offenbar jegliches Bewusstsein seinerseits mit den zunehmenden Kleiderschichten, so dass wir im Herbst von der Windellosigkeit fast weiter entfernt waren als zuvor. Weiter entfernt, weil er plötzlich eine ausgeprägte Aversion dagegen entwickelte, sich die Windeln wechseln zu lassen, was insbesondere nach der Erledigung des großen Geschäfts sehr nervenaufreibend war.
Aufgefallen ist mir weiterhin, dass es ihm irgendwann wieder durchaus bewusst war, wenn er die Windeln füllte (zumindest der Stuhlgang), weil er sich dafür anfing, gezielt in eine Ecke zu verziehen. Aufforderungen meinerseits in diesen Situationen, das Töpfchen zu verwenden, lehnte er unter Protestgeschrei ab.
Was mich ins Grübeln brachte, war, dass er die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen offenbar schon gehabt hatte, dass es also nur unsere Rahmenbedingungen (Kleidung, Wohnung) waren, die diese Fähigkeit wieder unterdrückt haben.
Seine Schwester wurde geboren, als er etwa 2,5 Jahre alt war und ich war um diese Zeit heilfroh, dass er noch Windeln trug (die Kommentare von Bekannten „Du Arme, zwei! Wickelkinder“ konnte ich nicht nachvollziehen, weil ich ein Wickelkind als einfacher empfand, als eines, auf das ich achten musste, das ständig irgendwo einen Pinkelunfall hätte haben können...). Aber nach einigen Wochen war das Thema dann doch wieder aktuell, da mir bewusst wurde, dass Carl eigentlich schon seit Monaten, bestimmt schon seit einem halben Jahr nachts trocken war und die Windel erst füllte, während er nach dem Aufwachen noch im Bett herumturnte. Ich führte also das Morgenpinkelritual ein, also, dass er ziemlich direkt nach dem Aufwachen aufs Töpfchen gesetzt wurde und wir warteten, bis etwas kam (was nie besonders lange dauerte). Ich gebe an dieser Stelle mal zu, dass er das zumindest am Anfang nicht freiwillig tun wollte und einige Überredungskünste nötig waren, ihn davon zu überzeugen, dass er sich bitte auf das Töpfchen setzen sollte. Auch reagierte ich bei Anblick des gefüllten Töpfchens sehr freudig und bestätigend. Diese Verhaltensweisen werden ja durchaus auch kritisch gesehen, weil sie das Kind in gewisser Weise unter Druck setzen. Ich kann das wirklich nicht beurteilen, hatte aber nie das Gefühl, etwas Falsches oder Schädigendes zu tun.
Nach einigen Wochen war die Morgenroutine eigentlich kein Problem mehr und wir fingen an, tagsüber stundenweise die Windeln weg zu lassen. Nur für unüberschaubare Situationen verwendeten wir noch Windeln, ansonsten klappte es ziemlich zuverlässig mit Bescheid sagen. Als Zwischenlösung verwendete ich auch manchmal Damenbinden in der Unterhose, die zwar nicht alles auffangen konnten, aber zur Schadensbegrenzung beitrugen. Innerhalb von etwa 4 Monaten war Carl dann so weit, dass es nur noch sehr vereinzelt zu Unfällen kam, die meist nur durch starke Konzentration aufs Spiel oder ungeschicktes Timing oder unpraktischen Kleidung (die er nicht allein ausziehen konnte) verursacht wurden.
Erst jetzt ließen wir auch die Nachtwindel weg, obgleich diese schon lange nicht mehr nötig gewesen wäre.
Seitdem gab es lediglich beim großen Geschäft ein paar Unfallphasen, die jeweils ein paar Tage lang andauerten und meist damit zu erklären waren, dass er offenbar absolut nicht damit rechnete, „groß“ zu müssen. Ich fand es manchmal sehr störend, kam irgendwann auch zu dem laienpsychologischen Schluss, dass er es tat, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen (was neben der damals noch sehr kleinen Schwester durchaus möglich ist).
Alles in allem verlief das Sauberwerden jedoch ziemlich unproblematisch und „geradlinig“.

Im Nachhinein würde ich schon viel eher (also durchaus schon mit 1-2 Jahren) auf seine Rhythmen achten und ihn schon eher dazu ermutigen, ins Töpfchen zu machen. Ich habe den Eindruck, dass mein Verhalten in diesem Bereich von einer Art tatenloser Scheu geprägt war, da ich in den ersten Jahren dachte, das Thema sei sozusagen tabu.
Mittlerweile habe ich Erfahrungen mit „Windelfrei von Anfang an“ und kann aus dieser Erfahrung sagen, dass die Geschichte vom unkontrollierbaren Schließmuskel zumindest bei meiner Tochter nicht stimmt. Es ist eher eine Übungs- und Gewohnheitssache, so dass ich denke, dass man ein Kind schon ermutigen kann, in ein Töpfchen zu machen, genauso, wie man es ermutigt, bei Tisch mitzuessen oder sich in anderen Bereichen unseren Gepflogenheiten anzupassen. Das ganze natürlich im Rahmen seiner Möglichkeiten. Hat ein kleines Kind absolut keinen Bock, am Abendbrottisch auszuharren, werde ich es nicht in den Kindersitz binden und mit Gewalt füttern, sondern es darf natürlich aufstehen und spielen. Aber es ist andererseits nicht verboten, ihm zu vermitteln, dass ich es schön finde, wenn wir alle bei Tisch zusammensitzen.
Und ähnlich sehe ich es mit dem „Töpfchentraining“. Kein Zwang, keine Strafen, kein übertriebenes Loben. Sondern ein spielerisches Kennenlernen, Ausprobieren, Rückfälle inbegriffen. Wenig sinnvoll wäre es allerdings, dieses „Training“ völlig losgelöst von den kindlichen Rhythmen und Signalen anzufangen, nach dem Motto „Jetzt passt es mir gerade, jetzt solltest du müssen!“. Das kann nichts werden und Frust und Enttäuschung werden sich wohl auf beiden Seiten hochschaukeln, so dass das Töpfchen schnell mit all den negativen Dingen behaftet ist, die es ohnehin schon lange umgeben.

Noch ein Nachtrag: Sehr verpönt ist ja das „verordnete Pinkeln“, wenn Mütter vor Unternehmungen die ganze Familie auf Toilette schicken. Hmm. Ich gestehe, ich tue das auch. Einfach aus der Erfahrung heraus, dass Kinder grundsätzlich „Ich muss mal“ schreien, wenn sie endlich im Autositz angeschnallt sind oder endlich der Skioverall angezogen ist. Aber ich sage nicht „Du gehst jetzt auf’s Klo und machst!“, sondern ich sage: „Geh doch mal aufs Klo und schau, ob etwas kommt. Wenn nicht, dann komm zurück und ich ziehe dir deinen Overall an!“  (Molly)

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