Lesen durch Schreiben

Beim "Lesen durch Schreiben" lernen Kinder zuerst, gesprochene Sprache aufzuschreiben: Wörter in Laute zu zerlegen und danach mit Hilfe einer Anlautbilder-Buchstabentafel Laut für Laut aufzuschreiben. Durch das Schreiben lernen die Kinder dann auch das Lesen. Kinder, die die Schriftsprache schneller erwerben, müssen sich nicht wochenlang mit wenigen Buchstaben begnügen, und Kinder, für die das noch nicht dran ist, verlieren nicht den Anschluss.

Ich kannte diese Methode vor der Einschulung meines ersten Sohnes nicht genauer und war gespannt, wie sich das wohl anlassen würde. Ich hatte wohl gehört, dass es Vorbehalte gegen diese Lernmethode gibt, weil die Kinder damit keine Rechtschreibung lernen würden beziehungsweise beim Einführen der Rechtschreibregeln überfordert wären und unnötige Misserfolgserlebnisse hätten. Mein eigener Eindruck ist jetzt, dass es darauf ankommt, ob an der Schule diese Methode konsequent umgesetzt wird. Man kann nicht diese Lernform einführen und zugleich zu früh richtige Rechtschreibung erwarten und benoten. Aber wenn den Kindern dazu die Zeit gelassen wird, die sie brauchen, ist das durchaus eine gute Sache. Wie bei allen anderen Lernformen steht und fällt diese natürlich auch mit der Lehrkraft. In diesem Punkt haben wir sicherlich Glück gehabt.

In der Klasse meines Sohnes arbeiten die Kinder selbständig mit der Buchstabentafel, vertiefen aber auch in der Großgruppe die einzelnen Buchstaben. Mein Sohn hat zu Weihnachten nach der Einschulung den Sprung zum Lesen geschafft und schreibt seitdem auch flüssig - es kam tatsächlich bei beidem gleichzeitig der Durchbruch. Was mir vor allem auffällt: Er schreibt alles. Ich erinnere mich daran, Wörter wie "Arzt", "Geburtstag" oder "Februar" gefürchtet zu haben, weil ich immer den Verdacht hatte, sie falsch zu schreiben. Meinem Sohn ist diese Sorge noch ganz fern, er nimmt von keinem Wort an, dass er das aus irgendeinem Grund nicht schreiben könnte.

Noch muss ich mir oft leise vorlesen, was er geschrieben hat, um es zu verstehen, aber er wird zusehends sorgfältiger beim Hören und Aufschreiben. Diese zunehmende Sorgfalt wird von der Lehrerin auch eingefordert: "lant" statt "Land" war am Anfang durchaus in Ordnung, nun lernen sie die Unterschiede zwischen weichen und harten Lauten und wie man sie durch Pluralbildung noch besser hören kann.

Die verkürzte Schreibweise - "lib" statt "li(e)be" - fiel weitgehend weg, nachdem mein Sohn den Lernschritt gemacht hatte, beim Lesen den Endlaut beim einzelnen Aussprechen von Konsonanten nicht mehr mit zu sprechen. Die übrigen Rechtschreibregeln werden von der Lehrerin nach und nach eingeführt oder von den Kindern selber beim Lesen entdeckt, der Unterschied zwischen St und Sch ebenso wie die Verwendung von Doppelkonsonanten und Dehnungslauten oder der Unterschied zwischen V und F. So hat mein Sohn etwa beim Lesen festgestellt, dass man, wenn da "bitte" steht, nicht "biete" liest, und hat dann angefangen, das auch beim Schreiben umzusetzen. Andere Aussprache-/Schreibregeln wie etwa beim Endungs-R setzt er bisher nur beim Lesen um, aber noch nicht beim Schreiben. Er liest also nicht mehr "FluRR - Mama, was bedeutet 'FluRR'?", sondern spricht das Endungs-R richtig aus, schreibt aber noch "Flua".

Ich verbessere von mir aus nicht, was er geschrieben hat. Allerdings sage ich auch nicht, dass es richtig wäre, wenn es den offiziellen Regeln nicht entspricht, sondern eher "ja, ich habe das verstanden" oder "ja, da steht genau, was du schreiben wolltest". Dass Schreibanfänger noch nicht alles so schreiben wie die Erwachsenen, bekommen die Kinder schon mit - aber sie müssen nicht erleben, dass ihre ersten selbstgeschriebenen Wörter "falsch" sind. Der Motivationsschub, der daraus folgt, dass das Kind alles schreiben kann, was es möchte, und keine Angst vor Fehlern hat, ist enorm. Ich weiß nicht, wie diese Methode an Reformschulen umgesetzt wird - ich halte es für gut möglich, dass sie noch weitaus radikaler umgesetzt werden kann und die Kinder noch mehr in ihrem eigenen Tempo lernen und sich die Rechtschreibregeln aneignen können. Für unsere ganz normale städtische Grundschule bedeutet sie die Individualisierung des Lernens in einem Maß, das ich dort nicht erwartet hätte.

Zum "Lesen durch Schreiben" haben wir übrigens auch ein Buch des Begründers dieser Lernform in der Bibliothek: Reichen, Jürgen: Hannah hat Kino im Kopf

Henrietta, Januar 2012, drei Monate nach der Einschulung meines Ältesten

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