Promotion statt Babypause?!

Kind und Job? Na klar! Etwas anderes erschien mir vor meiner ersten Schwangerschaft völlig undenkbar. Sicherlich war ich in meinen Vorstellungen sehr stark geprägt durch meine eigenen Erfahrungen. Meine Eltern waren immer berufstätig, beide. Ich fand das als Kind :cool: und war sehr stolz darauf. Auch fand ich es ganz spannend, an Tagen, wenn ich schulfrei hatte, mal alleine zu Hause sein zu dürfen. Doof war es, wenn ich krank war, weil ich dann eben auch alleine zu Hause war. Und es hat mir sicherlich nicht geschadet, dass schon mit 6 Jahren von mir erwartet wurde, dass ich die Kartoffeln auf dem Herd anstelle, wenn ich als erste (nie länger als 10 Minuten) zu Hause war. Meine Eltern hatten immer Zeit für mich und meine Sorgen und auch für die Purzelbäume ;) , wir haben nach wie vor ein sehr enges Verhältnis. Für mich war immer klar, dass ich das auch so schaffen will und kann.

Mein Kind wäre bei einer Tagesmutter oder in einer Kita optimal betreut, während ich arbeitete, und nach der Arbeit würde ich entspannt und ausgeglichen mit dem Kind spielen und toben. So dachte ich mir das.

Zu der Zeit stand ich ganz am Anfang meiner Promotion und hatte eine halbe Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin. Promotion statt Babypause, das hatte ich bewusst so entschieden. Leider war auch mein Mann ortsgebunden, so dass ich nicht nur offiziell Teilzeit arbeitete (wobei bei einer offiziellen 20 Stunden Woche eigentlich schon eine Anwesenheit von 40 Stunden erwartet wurde - mit meinem – sehr familienfreundlichen - Chef hatte ich vereinbart, an zwei Tagen von zu Hause aus arbeiten zu dürfen), sondern auch Teilzeit Alleinerziehend sein würde.

Gegen Ende der Schwangerschaft begann ich also, mich nach einer geeigneten Kita umzusehen. Telefonierte mir die Finger wund und wurde schlichtweg ausgelacht. Von Wartezeiten bis zu zwei Jahren für eine Betreuung von Kindern unter drei Jahren war die Rede – wohlgemerkt: nicht in irgendwelchen Traumkitas, sondern generell. Auch die Suche nach einer Tagesmutter gestaltete sich schwierig, da ich sehr ungewöhnliche Arbeitszeiten hatte – drei Tage pro Woche je 8 Stunden. Dieses Modell war / ist offenbar nicht tagesmutterkompatibel. Mit viel Glück fanden wir doch noch eine sehr nette Frau. Wir waren uns auf Anhieb gegenseitig sympathisch. Nach der Geburt meiner Tochter bin ich also relativ positiv eingestellt sofort wieder arbeiten gegangen und erst da habe ich wirklich zu schätzen gelernt, WAS meine Eltern an organisatorischer Kleinarbeit für einen Spagat hingelegt haben müssen.

Die nächsten Jahre waren geprägt von Improvisation, ständiger Unruhe. Ich pendelte nicht nur zwischen zwei Heimaten sondern zwischen zwei Welten. Keine der Kolleginnen und kaum einer meiner Kollegen hatte Kinder, keiner konnte sich ansatzweise vorstellen, dass Babys eben NICHT zwangsläufig abends um 19 Uhr friedlich im Bett liegen und dann bis zum nächsten Morgen durchschlafen. Und hatten folglich auch echte Probleme zu verstehen, warum die Kollegin G. gelegentlich schlichtweg am Schreibtisch einschlief oder keinerlei Interesse für abendliche Aktivitäten mehr aufbringen mochte. Überstunden, Dienstreisen, Klausuraufsichten morgens um halb 8 am andern Ende der Stadt etc. pp., alles, was von der „üblichen“ Arbeitsnorm abwich, wurde plötzlich zum Riesenproblem. Ich musste eben um 16 Uhr nach Hause, konnte nicht mal 3 Stunden länger bleiben, um dieses oder jenes noch eben fertig zu machen. Ich hatte nicht nur meine Arbeit und mein Kind im Kopf, sondern hatte permanent zu überlegen, wie ich meine Arbeit organisiert bekommen würde. Auch die Arbeit zu Hause gestaltete sich schwierig. Meine Tochter war kein Kind von der Sorte, dass sich abends ins Bett legt und friedlich bis morgens um 8 – na gut 7 Uhr durchschläft. Zudem war ich abends so müde, dass ich meist mit ihr zusammen oder am Schreibtisch einnickte. Konzentrierte Arbeit war nicht möglich. Schwierig empfand ich es auch, längere Zeit über Sachverhalte nachzudenken, um so Lösungsansätze zu finden. Das, was ich vorher als ungemein kindkompatibel eingeschätzt hatte, eine Arbeit, bei der ich mir weitgehend selbst Ziele und Grenzen stecken konnte, erwies sich oft als unglaubliche Herausforderung an meinen Ehrgeiz und meine Disziplin, da der Kopf selten wirklich frei war. Dennoch empfand ich die Zeiten, die ich bei der Arbeit verbrachte, als sehr bereichernd und erfüllend.

Wirklich an den Rand des Nervenzusammenbruchs brachten mich uneingeplante Abwesenheitszeiten der Tagesmutter – Krankheitstage bzw. –wochen, Urlaube usw. Das ist für mich übrigens der wirkliche Vorteil einer Kita gegenüber einer Tagesmutter, die absolute garantierte Verlässlichkeit der Betreuung. Ich habe so viel Arbeitszeit damit verbracht, mir irgendwelche Notfallpläne auszudenken. Zwar hatte ich ein durchaus funktionierendes Netzwerk aus Großeltern und Verwandten, aber eben nicht vor Ort. Wie gesagt, auch der Papa war unter der Woche nicht regelmäßig verfügbar.

Schwierig fand ich es generell, entgegen der oft zitierten „Quality-Time für Kinder These“, innerhalb von ein paar Minuten zwischen Arbeitsplatz und Tagesmutter vom „Effizienzmodus“ in den langsamen Kinderrhythmus zu wechseln und plötzlich alle Zeit der Welt zu haben, um einen Regenwurm oder einen Joghurtbecher im Supermarktregal zu beobachten. (Umgekehrt war ich morgens, wenn ich endlich nach Kind wecken, anziehen, frühstücken, zur Tagesmutter bringen, verabschieden, zur Arbeit hetzen, endlich am Arbeitsplatz saß, oft schon pausenreif. Danke an meinen lieben Kollegen, der mich Tag für Tag getreulich mit einer großen Tasse Kaffee begrüßte!) Nach Feierabend Kontakte zu anderen Müttern/Eltern mit Kindern zu finden, gestaltete sich ebenfalls sehr schwierig. Krabbelgruppen, die zu einer für berufstätige Mütter passablen Zeit, also nach 16 Uhr stattfanden, gab es nicht. Der Kontakt zu Müttern in einer ähnlichen Lage ging mir sehr ab.

Auch beim Stillen verlief vieles anders, als ich mir das vorgestellt hatte. In den ersten Monaten stillte unsere Tochter sehr häufig, mindestens alle 1,5 Stunden, gerne auch dauernd ;) . Ich hatte die Schwierigkeiten unterschätzt, die mir das Abpumpen bereiten würde. Ich verbrachte oft buchstäblich Stunden (wertvoller Arbeitszeit) damit und hatte am Ende nur Minimengen abgepumpt. Manchmal fragte ich mich mittags, was ich meinem Kind am nächsten Tag mitgeben könnte. So verfiel ich sehr schnell darauf, beim Stillen zu Hause an der freien Seite die raustropfende (bzw. oft eher raussprudelnde) Milch aufzufangen. Ich war erstaunt, welche Mengen dabei zusammenkamen. So hangelten wir uns milchtechnisch von Woche zu Woche. Nach einem guten halben Jahr hatte ich die Nase voll. Ich kaufte eine Packung Pulvermilch, fest entschlossen, mich nicht mehr stundenlang von meiner Arbeit abhalten zu lassen durch die nervige Pumperei. Entweder würde ich beim Pumpen sofort ausreichende Mengen zusammenbekommen oder das Kind würde eben Fertigmilch bekommen. Nach einem halben Jahr hielt ich das zwar für akzeptabel, dennoch hatte ich große Bauchschmerzen. Aber der Trick funktionierte, der Druck, den ich mir gemacht hatte, war raus. Die Packung schmiss ich irgendwann Monate später feierlich und vor allem ungeöffnet in den Müll, denn von Stund an hatte ich überhaupt keine Probleme mehr beim Pumpen bzw. Ausstreichen, bekam innerhalb von Minuten Mengen um die 150 ml zusammen. Die Milch konnte ich gut im Gemeinschaftskühlschrank lagern – und ja. Einmal kam es tatsächlich vor, dass ein Kollege sie sich versehentlich in den Kaffee kippte... Nach ca. 2,5 Jahren kam es immer öfter vor, dass meine Tochter bei der Tagesmutter gar keine Milch mehr trank, obwohl sie zu Hause unverändert viel und gerne stillte. Ich fand es sehr erleichternd, die blöde Pumperei endgültig einstellen zu können. Was noch bis zum Abstillen blieb, war unser morgendliches und nachmittägliches Ritual, bei der Tagesmutter zu stillen, sobald ich dort ankam. Insgesamt stillten wir ungefähr drei Jahre lang.

Rückblickend muss ich sagen, dass wir unglaublich viel Glück hatten, dass das Stillen so ohne wesentliche Probleme ablief. Das Wort Saugverwirrung kannte ich zu Beginn unserer Stillbeziehung noch nicht einmal, die Frage nach der Fläschchensorte beschränkte sich auf „Plastik oder Glas“ – verschiedene Marken kannte ich gar nicht, von alternativen Fütterungsmethoden ganz zu schweigen.

Zwei oder drei Mal in der Zeit kam es vor, dass ich eine mehrtägige Dienstreise unternehmen musste – abgesehen davon, dass ich meine Tochter jedes Mal unheimlich vermisste, kam ich auch jedes Mal mit einem dicken fetten Milchstau zurück, voller Sorge, ob sie sich nun abgestillt haben würde. Zum Glück war dem nie so.

Nach knapp drei Jahren war ich wieder schwanger. Für mich stand fest, dass mit dem Kiga-Start unserer Tochter am Heimatort diese Lebensweise nicht mehr vertretbar sein würde. Nach drei Jahren war ich überdies körperlich und psychisch ziemlich am Limit - dauernd krank, dauernd unausgeschlafen, dauernd gereizt und HB-Männchen. Auch vermisste unsere Tochter nun zunehmend unter der Woche ihren Vater und ihre Freunde, am Wochenende die Tagesmutter und anderen Kinder. Mein Arbeitsvertrag lief im Mutterschutz mit dem zweiten Kind aus. Seit der Geburt unseres zweiten Kindes bin ich also zu Hause. Ein Jahr lang habe ich von dort aus sporadisch gearbeitet, da das Projekt, an dem ich beschäftigt war, noch weiterlief. Seit ungefähr einem halben Jahr erlebe ich nun die andere Seite der Medaille, das Nur-Mutter-Modell ;) Im Moment genieße ich die langen Ferien, doch weiß ich auch, dass ich „irgendwann“ wieder arbeiten möchte. Mein Traum wäre es, ungefähr nächstes Jahr hier in der Gegend eine Teilzeitstelle in dem Bereich zu bekommen, über den ich promoviert habe. Leider ist das sehr illusorisch. Ich werde berichten, wie es weiterging ;)


Gundula für Rabeneltern.org im Februar 2006

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