Meine Gründe für eine Hausgeburt

Hausgeburt – für mich ein persönliches und umfangreiches Thema, nicht umsonst kann man ganze Bücher damit füllen.

Die Gründe, überhaupt über eine Hausgeburt nachzudenken, sind vielfältig. Manch einer möchte sich einfach nicht der Krankenhausatmosphäre an sich aussetzen, der Routine dort oder den vorschnellen medizinischen Eingriffen. Ich möchte zudem nicht in der Situation sein, dass mir jemand Vorschriften macht: Zur Position oder Gebärhaltung - erst recht möchte ich nicht auf dem Rücken liegen und mein Kind so zur Welt bringen müssen, nur weil ein Arzt sich nicht bücken möchte -, zu meinem Ess- oder Trinkverhalten, zum Zeitpunkt und der Art des Pressens/Schiebens.

Vielleicht setzt man gedanklich das Krankenhaus auch mit Krank sein gleich. Betritt man doch normalerweise das Krankenhaus nur, um jemand zu besuchen, dort zu arbeiten oder sich von einer Krankheit heilen zu lassen. Geburt ist hier die einzige Ausnahme, in der man in gesundem Zustand ein Krankenhaus aufsucht.

Unverständlich für mich, ist doch die Geburt in meinen Augen gerade die Situation, in der man Geborgenheit am ehesten braucht. Krankenhaus bedeutet ja auch immer eine Verbindung mit unangenehmen, schicksalhaften Ereignissen und schlimmen Erkrankungen. Und doch ist es gesellschaftlich üblich im Krankenhaus zu gebären, und das nicht nur in Deutschland. Dennoch gibt es genug Frauen, die ihre Geborgenheit zu Hause brauchen, um entspannt in eine Geburt gehen zu können. Sie möchten mit sich sein und höchstens mit vertrauten Personen diese Situation erleben oder abgeschirmt alleine - wissend, dass die Hebamme im Nebenzimmer erreichbar ist.

Wie gesagt, die Gründe der jeweiligen Frauen sind genauso vielfältig wie auch persönlich. Dennoch dürften sie alle eines gemeinsam haben: Das Bedürfnis selbstbestimmt zu gebären und nicht vielleicht unnötigen medizinischen Eingriffen ausgeliefert zu sein.

Wie öffentlich eine Frau zu dieser Entscheidung stehen kann, hängt wohl stark davon ab, in welchem Umfeld sie lebt. Der Mythos der sicheren Krankenhausgeburt geistert in vielen Köpfen herum. Es ist das Bild, mit dem wir aufwachsen. Ob im Fernsehen, im Bekanntenkreis, in gängiger Literatur, Zeitschriften und im Schulunterricht – es begegnet uns in der Regel nur die „sichere“ und medizinisch unterstützte Krankenhausgeburt. Ich bin mir sicher, es gäbe mehr Hausgeburten und mehr Verständnis dafür im Umfeld, wären wir in den Medien und in der Erziehung hauptsächlich mit Hausgeburten konfrontiert.

Tatsächlich ist die „sichere“ Krankenhausgeburt ein Mythos. Sicher ist sie nur insofern, als natürlich ein OP-Saal in greifbarer Nähe ist, Ärzte da sind, die in Notsituationen, sofern sie diese frühzeitig erkennen, schnell eingreifen können. Das möchte ich auch überhaupt nicht bestreiten. Was jedoch oft unbedacht bleibt, ist die Tatsache, dass die meisten dieser Komplikationen durch Eingriffe der Ärzte in das Geburtsgeschehen überhaupt erst entstehen. Michel Odent beschreibt in „Geburt und Stillen“, dass laut seiner Erfahrung in erster Linie die Einhaltung von „privacy“ (das sich annähernd mit dem Umstand übersetzen lässt, dass sich die Frau nicht beobachtet fühlt) die Hauptvoraussetzung dafür ist, dass eine Geburt komplikationslos verlaufen kann. Dies würde bedeuten, dass eine Frau während der gesamten Geburt unbeobachtet die Positionen einnehmen kann, die sie möchte, das Verhalten an den Tag legen kann, nach dem ihr ist und sich zurückziehen kann, um in ihre „Welt der Geburt“ abtauchen zu können, um sich ihr hinzugeben. Genauer würde das in der Krankenhausgeburt bedeuten, dass die Frau ihr Zimmer abschließen kann (ganz ehrlich: welcher Arzt würde das zulassen??), nicht vaginal untersucht wird und selber entscheiden kann, wann sie und auch ihr Kind soweit sind, es aus ihrem Körper schieben zu wollen.

Zusätzlich beschreibt Michel Odent, dass der Geburtsvorgang ein Hirnvorgang ist, durch den Teile des primitiven Gehirns aktiviert werden. Dadurch werden Hormone ausgeschüttet, die für wirksame Gebärmutterkontraktionen zuständig sind. Demgegenüber steht das uns zu Rationalität und Wissenschaftlichkeit befähigende neue Hirn, das Neokortex. Erleben wir Hemmungen während der Geburt, gehen diese vom Neokortex aus. Die Ausschüttung der Hormone während der Geburt bewirkt ursprünglich eine Reduzierung der Aktivität des neuen Gehirns. Allerdings kann das Neokortex auch während der Geburt jederzeit stimuliert und angeregt werden, z. B. durch Fragen, die man der Gebärenden stellt. Muss sie dabei nachdenken, entspricht dies schon einer Stimulation, die sich hemmend auf den Geburtsvorgang auswirkt. Diese Situationen erleben wir im Krankenhaus oft. Allein schon bei der Aufnahme sind Verwaltungsdinge zu erledigen, Ärzte stellen sich vor, fragen, manchmal sogar mehrmals unter der Geburt. Krankenschwestern und Hebammen tun das ebenso. Der Frau wird also auch hier das Abtauchen in ihre eigene Welt erschwert. Ihr Neokortex wird so in regelmäßigen Abständen aktiviert und stellt sich den Aktivitäten des primitiven Gehirns, also dem Ausschütten der Hormone, hemmend entgegen.

Wie schon beschrieben bewirkt das Ausschütten der Hormone wirksame Gebärmutterkontraktionen. Es lässt sich schlussfolgern, dass die Stimulation des Neokortex einen Geburtsvorgang erheblich verlängern, ihn auch zum Stillstand bringen kann. Womöglich erklärt das, warum im Krankenhaus wehenfördernde Medikamente vermehrt zum Einsatz kommen. Oder auch wehenhemmende, wenn zwar Kontraktionen vorhanden und auch schmerzhaft sind, aber durch die Anregung des Neokortex - und somit Hemmung des primitiven Gehirns - nicht wirksam sind. Die Gabe von Medikamenten stellt wiederum einen erneuten Eingriff in den Geburtsvorgang dar. Es entsteht ein Kreislauf, der nichts mehr mit der ursprünglichen Geburt zu tun hat und der letzten Endes in einem Kaiserschnitt enden kann.

Wobei hier ganz klar auch gesagt werden muss, dass der Kaiserschnitt an sich eine bahnbrechende Entwicklung ist - was den Notfall betrifft. Natürlich möchte ich den Kaiserschnittes an sich nicht schlecht reden, denn er kann Leben von Mutter und Kind retten. Ich möchte jedoch zu bedenken geben, dass es höchst wahrscheinlich wesentlich weniger Kaiserschnitte gäbe, wenn diese Notsituationen nicht erst durch die Missachtung von privacy und durch Neokortexaktivierungen hervorgerufen würde.

Das ist für mich der absurde Teil der Geburtshilfe. Der medizinische Eingriff im Krankenhaus zieht in vielen Fällen einen Kaiserschnitt nach sich, für den wir dann wiederum zu Recht dankbar sind, weil er unser und das Leben unseres Kindes gerettet hat. Das wiederum führt dazu, dem Kaiserschnitt eine Bedeutung zuzuschreiben, die er eigentlich nicht hat und verführt dazu, Hausgeburten per se als gefährlich anzusehen. Tatsächlich aber wäre der Kaiserschnitt in den meisten Fällen gar nicht nötig gewesen, wären alle Bedingungen für eine Geburt nach Odent erfüllt worden.

Für mich sind Hausgeburten die sichere Alternative zur Geburt im Krankenhaus. Ich kann mich darauf verlassen, dass sich eine gute Hausgeburtshebamme mit den Bedingungen für eine komplikationslose Geburt auseinandergesetzt hat und sie bewahren wird. Eine gute Hausgeburtshebamme kann echte Komplikationen erkennen und mich rechtzeitig in ein Krankenhaus verweisen. Man darf nicht vergessen, dass auch bei einer Krankenhausgeburt sich die Notwendigkeit eines Kaiserschnittes erkennbar anbahnt. Es vergeht auch im Krankenhaus Zeit bis die endgültige Entscheidung zur OP vorliegt. Diese Zeit hat auch eine Hausgeburtshebamme, bei der die „Antennen“ für ein rechtzeitiges Erkennen von Notsituationen aktiviert sind.

Zusätzlich zu diesen zwei wichtigen Umständen – der Achtung der privacy und der Nicht-Stimulation des Neokortex – gibt es noch einen weiteren wichtigen Umstand, der über eine komplikationslose Geburt entscheidet: Der Ort, an dem Frauen gebären. Menschen sind Säugetiere, die Urinstinkte zur Gefahrenwitterung besitzen, und somit in der Lage, eine Geburt zu stoppen oder zu beschleunigen. Wir brauchen einen Ort, an dem wir uns sicher im Sinne der privacy fühlen, um gebären zu können. Fühlen wir uns unsicher, sind wir in der Lage, den Muttermund wieder zu schließen, um uns und unser Kind zu beschützen. Das kann eine Geburt immens verzögern und verlängern. Ebenso sind wir in der Lage, den Muttermund in kürzester Zeit komplett zu öffnen, um unser Kind zu gebären, wenn wir „Gefahr wittern“ und die Geburt zu fortgeschritten ist, um sie zu stoppen. Michel Odent spricht hier vom „Fötus–Ausscheide-Reflex“, der z. B. in Kraft tritt, wenn wir uns am Ende der Geburt erschrecken oder ängstigen. Ich selber habe ihn bei meiner ersten, abgebrochenen Hausgeburt im Krankenhaus erlebt, als mein Muttermund bei 6 cm war und der Arzt eine PDA legen wollte für den Kaiserschnitt. Da ich diesen überhaupt nicht wollte, rutschte ich, soweit es mir möglich war, ständig vom Arzt weg und schrie mehr, als dass ich sagte, ich krieg jetzt mein Kind so. Es war ihm unmöglich, die PDA zu setzen und tatsächlich ging mein Muttermund schlagartig auf und fünf Minuten später kam meine Tochter sehr rasant zur Welt. Der „Fötus–Ausscheide-Reflex“ kann die Frau vor medizinischen Einfgriffen regelrecht bewahren, wenn sie sich schon nichts mehr sehnlicher wünscht, als das Kind zu gebären. Umgekehrt ist die Schließung des Muttermundes, wenn es zu früh für die Geburt ist, eine verzögernde Angelegenheit sein, die im Krankenhaus medizinische Eingriffe zur Folge haben kann. Meiner Meinung nach ist der Ort, an dem wir uns am sichersten fühlen unser Zuhause, sofern wir uns ungestört zurückziehen und uns der Geburt hingeben können.

Für mich ist aus Erfahrung mit meinen Geburten wichtig geworden, mich mit mir und meinen Hemmungen auseinander zu setzen. Wir alle sind gesellschaftlich geprägt. Keiner von uns würde öffentlich urinieren oder Kot ausscheiden, einfach so während andere zuschauen. Unser vom Gehirn gelenkte Schließmuskel würde im Normalfall eine ausreichende Entspannung gar nicht zulassen. Übrigens ist auch diese Lenkung des Schließmuskels dem Neokortex zuzuordnen, da die vollständige Kontrolle darüber erst später nach der Geburt ausgereift ist. Somit ist auch ein Nicht-Öffnen des Schließmuskels eine Stimulation des Neokortex und somit ein Hemmnis einer komplikationslosen Geburt.

Ich kann mich gut an meine zweite Geburt (eine Hausgeburt) erinnern, während der sich die Austreibungsphase hinzog, weil ich genau wusste, dass ich eigentlich Kot ausscheiden muss. Ich habe mich geschämt! Infolgedessen hab ich den Beckenboden angespannt, was dem Gebären entgegenwirkte. Erst als ich es akzeptiert habe, konnte ich mein Kind gebären. Wäre ich wirklich allein gewesen, hätte ich keinen Grund gehabt, mich zu schämen. Wäre ich nicht zu Hause gewesen, sondern im Krankenhaus, hätte sich die Geburt sicherlich noch weiter hinausgezögert. Es ist nun mal etwas anderes, ob der Partner und eine seit Jahren befreundete Hebamme anwesend sind oder ein mir fremdes Klinikteam. Gerade hier gewinnt für mich privacy an Bedeutung.

Wir alle erleben unsere gesellschaftlich geprägten Hemmungen. Um eine komplikationslose Hausgeburt erleben zu können, kommen wir meiner Meinung nach nicht umhin, uns mit unseren Hemmungen auseinander zu setzen. Es sei denn, wir möchten völlig alleine entbinden und somit unseren Bedürfnissen freien Lauf lassen können.

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