Geburt in Rußland (stationäre KH-Geburt)

Wo soll ich denn anfangen???? Vielleicht mit einer kleinen Anmerkung: meine große Tochter wurde im Januar 1994 geboren, in einer kleinen Provinzstadt. Es hat sich seitdem vieles geändert. Es gibt jetzt in Russland viele private Kliniken, wo ganz andere Bedingungen herrschen, aber im Großen und Ganzen sieht es noch ziemlich ähnlich aus. Dazu muss ich noch sagen, dass ich wirklich Glück hatte und habe relativ nette Ärztinnen, Hebammen und Schwestern erwischt.  

Ich war damals 20 Jahre alt. In Russland muss eine Schwangere am Anfang der Schwangerschaft alle zwei Wochen und in den letzten Monaten jede Woche zur Frauenärztin (da gibt es fast keine Frauenärzte/Männer), auch muss die Frau von sehr vielen Fachärzten eine Bescheinigung bei der Frauenärztin vorlegen, dass bei ihr gesundheitlich alles in Ordnung ist. Da fing schon mein Abenteuer an: Ich kam zur Allgemeinärztin und erzählte ihr von all meinen Krankheiten und auch davon, dass meine rechte Niere von Geburt an missgebildet ist (kleiner als normal, aber keine Schmerzen o.Ä.). Sie fing sofort an zu schreien von wegen ich sei eine Selbstmörderin und die Mörderin meines Kindes, sie rät sofort zur Abtreibung (ich war schon in der 16. SSW), sonst übernimmt sie keine Verantwortung und ich soll zur Oberärztin. Auf dem Weg nach Hause hab ich nur geheult, wollte mich am liebsten unter die Straßenbahn legen :(( Dann am Nachmittag hat mich die Oberärztin an einen Urologen überwiesen. Sie war schon viel freundlicher, wollte sich aber nicht festlegen, bevor die Ergebnisse da sind. Der Urologe hat einen Ultraschall gemacht und meinte, es wäre eigentlich alles in Ordnung, ich dürfte (!!!) mein Kind bekommen, nur Urin müsste man oft kontrollieren. So kam ich an meine Bescheinigung. Dann in der 25.SSW stellte man fest, dass ich Anämie und schlechte Urinwerte habe. Ich wurde sofort ins Krankenhaus überwiesen und blieb da sage und schreibe 4 Wochen. In Russland darf man das Krankenhaus auch für ein paar Stunden nicht verlassen, es gibt da keine Duschen und Katzenwäsche haben wir über der Kloschüssel gemacht, die Haare im Waschbecken gewaschen, Besuch darf nicht auf die Zimmer, aber ich lag in einem "progressiven" Krankenhaus: Wir empfingen unseren Besuch im Treppenhaus. Mir ist es gelungen, ein paar Mal heimlich nach Hause zu fliehen, ich musste nur sehr vorsichtig wieder rein kommen, damit es keiner merkte. Dass das Essen mir meine Mutter jeden Tag kochte und ins Krankenhaus brachte, muss ich nicht unbedingt erzählen oder :)) Na ja wie auch immer, nach 4 Wochen durfte ich nach Hause.

In der 39.SSW bekam ich leichte Panik: Ich war den ganzen Tag alleine zu Hause, die nächste Telefonzelle (und das Telefon überhaupt) ca. 300m weit weg und es war Winter! Vereiste Straßen, das Eis macht niemand weg, es gibt keinen Hausmeister oder Straßendienst. Deswegen wollte ich wieder in die Geburtsklinik, aber diesmal musste ich die Ärztin schmieren wegen der Überweisung, aber "zum Glück" waren auch meine Eisenwerte wieder nicht besonders gut. So kam ich wieder ins Krankenhaus. Oben lagen Frauen, denen eine Fehlgeburt drohte, oder deren Werte (wie bei mir) nicht in Ordnung waren und unten war die Geburtsstation. Am 26. Januar vor dem Schlafen spürte ich Ziehen im Rücken, zuerst unregelmäßig, dann immer öfters, aber ich konnte sogar schlafen. Am Morgen des 27. Januar erzählte ich das der Ärztin, die für unser Zimmer zuständig war. Sie hat mich auf dem Stuhl untersucht und meinte, ich würde mein Kind auch an dem Tag bekommen, aber sie war sich mit der SSW nicht sicher und deswegen, und nur deswegen, durfte ich zum Ultraschall. Hab ich mich gefreut!!!!!!! Da wollte ich natürlich wissen, was wir bekommen, aber die Schwester meinte, es solle mich nicht interessieren und hat immer den Monitor von mir weggedreht. ICH DURFTE ES NICHT SEHEN!!!! Aber dann war sie gnädig und versuchte was rauszufinden, aber Gabi mochte sie anscheinend nicht und hat nur den Po gezeigt :)) Um 15.00 Uhr hat man mich nach unten auf die Geburtstation geschickt, obwohl ich keine richtigen Schmerzen hatte und der Muttermund nur 3 cm geöffnet war. Da hat mir eine Krankenschwester (1,80m groß und ca. 100 kg schwer, oder kam sie mir so nur vor?) befohlen: "So jetzt die Unterhose runter, das Nachhemd ausziehen und auf die Liege". Da wurde ich rasiert (Gott sei dank hab ich da vorgesorgt, war dann nicht soooo schlimm) mit einer uralten Rasierklinge, mit der sie da alle Frauen rasieren und dann einfach mit Spiritus abwischen. Nach dem Rasieren bekam ich einen Einlauf, den ich (ein sehr braves Mädchen) auch richtig durchgeführt hatte, es blieb bei einem. Dann in einem knielangen Nachthemd vom KH, ohne Unterwäsche (nur den BH durfte ich behalten) erschien ich vor der Frauenärztin von der Geburtsstation. Sie hat mich im Wehenzimmer untersucht und meinte (nach dem allen!!!), heute würde nichts passieren und ich würde bestimmt wieder oben schlafen. Und so lag ich alleine, mit unregelmäßigen Wehen von 15.45 Uhr da. Irgendwo hat eine Frau geschrieen, irgendwo war das Geburtsstationspersonal, ich hatte Hunger und Durst, aber niemand schaute nach mir. Nach ca. 2 Std. kam eine Schwester, brachte mir eine Tasse Tee, essen durfte ich nicht, lesen durfte ich auch nicht, ich durfte nur liegen oder im Zimmer laufen, aber nicht rausgehen, nur auf die Toilette. Dann hat endlich die schreiende Frau entbunden und die Ärztin kam wieder mich untersuchen. MM noch 1 cm geöffnet, Wehen stärker geworden, aber zu ertragen, ich sollte weiter liegen. Und dann um viertel vor sieben passierte etwas Schreckliches, Unerwartetes: Mein Fruchtwasser floss raus. Das war das einzige Mal, wo ich geschrieen hatte. Dann kamen sie alle zu mir: 1 Frauenärztin, 1 Hebamme, 3 Krankenschwestern und 1 Praktikantin. Die Bettwäsche wurde gewechselt, ich wurde umgezogen und dann von der FÄ untersucht: der MuMu immer noch 4 cm, Wehen schon regelmäßig, aber nicht stark genug. Ich wurde an den Tropf gehängt und schon nach 20 min. kamen starke Wehen, die immer schlimmer wurden, ABER ich durfte jetzt nur noch liegen, und die Hebamme sagte noch zu mir: "Pass auf und beweg dich ganz vorsichtig, ich weiß nicht was passieren wird, falls die Nadel die VENE DURCHSTICHT" (ich habe sehr dünne Venen). Und jetzt stellt euch mal vor: Ich lag auf dem Rücken, in der linken Handoberfläche die Nadel, tierische Schmerzen und ich darf mich nicht bewegen :(( Das war das erste und das letzte Mal in meinem Leben, wo ich laut gesungen hatte, um nicht zu schreien. Es wäre mir zu peinlich gewesen. Ich durfte nur ab und zu ein bisschen trinken und die Hebamme blieb, nach meiner sehr eindringlichen Bitte, die ganzen 20 min. bei mir sitzen, dann war sie wieder weg :( Zwischendurch kam immer wieder die FÄ und guckte nach, aber am meisten hab ich die Praktikantin gesehen, die war noch neu und deswegen neugierig. Um 21.30 Uhr hatten sie mich endlich in den Kreissaal gebracht, ich hatte höllische Schmerzen, verbat mir aber zu schreien und dann durfte ich endlich pressen und um 21.45 Uhr war Gabi da. Sie legten sie mir ganz kurz auf den Bauch, ich konnte sie noch gar nicht richtig sehen, ich konnte es noch gar nicht begreifen, dass es MEIN Kind ist, gerade aus meinem Bauch gekommen und schon wurde sie von der Kinderärztin abgeholt :(( Sie wurde im Kinderzimmer gewaschen, gewogen und gemessen, ich hörte sie die ganze Zeit schreien und dachte, dass sie sie mir gleich bringen würden, aber da kam nur die Kinderärztin und fragte mich, ob wir in der Familie Herzkrankheiten hätten. Nach meinem Nein und Frage wieso, meinte sie nur, ah, ich höre Geräusche im Herzen ihrer Kleinen, kann sein, dass das Herz Missbildungen hat. Und ist WEGGEGANGEN. Ich dachte, dass ich sofort sterben würde, ich wurde kurz ohnmächtig, dann kam ich zu mir und das ganze Team stand um mich herum und versuchte mich zu beruhigen. Nach der Geburt waren sie alle sehr nett zu mir, weil ich nicht geschrieen hatte und während der Geburt alles machte, was sie mir sagten. Dann hat die FÄ Gabi noch mal heimlich(!!!!) abgehorcht und sagte, dass sie zwar auch Geräusche hört, was aber nicht unbedingt schlimm sein sollte. Dann lag ich mit Eis auf dem Unterleib noch 2 Std. im Kreissaal, Gabi wurde weggebracht (ich merkte das, weil es still wurde), durfte dann heißen Tee bekommen und eine Tasse Kefir (ich hab danach in den Wehen gefragt, aber er war nur fürs Personal da). Alle kamen immer wieder zu mir und sagten immer was Gutes, aber ich dachte nur an mein Mädchen und dass sie womöglich sehr krank ist :(( Dann wurde ich aufs 6 Frauen-Zimmer gebracht. Wir alle haben am 27.-28. Januar entbunden. Am nächsten Morgen um 6.00 Uhr brachten die Kinderschwestern die Babies zum Stillen, nur nicht meins. Da ich Rhesus Negativ habe, mussten sie sie beobachten. Ich musste (!!!) die Milch ausstreichen, bekam ein Extraglas dafür und musste es dann der Dienstschwester zeigen. Erst am 29. Januar um 11.13 Uhr (hab auf die Uhr geguckt) hat man mich ins Kinderzimmer gebeten und die Kinderschwester zeigte mir Gabi: aus dem Bettchen raus - ausziehen - hochnehmen - zu mir "Na sehen Sie, ein Mädchen" gesagt - wieder eingewickelt - ins Bettchen gelegt - "um 12.00 bringe ich sie zum Stillen" gesagt und mich rausgeschoben. Und dann war sie da!!! Mein Mädchen, mein Baby. Ich konnte sie mir ansehen!!!! Dann hab ich sie angelegt und sie schlief ein. Ich wurde ganz nervös, wir hatten nur 20 Min., 5 waren schon zum Angucken verbraucht und jetzt schlief sie :((( Meine Nachbarin hat mir geraten ihre Nase zuzudrücken, dann machte sie den Mund auf und es ging los mit dem Stillen. Trotz allen Hindernissen - ich konnte sie erst 38 Stunden nach der Geburt anlegen, in der Zwischenzeit bekam sie regelmäßig Glukoselösung - klappte das Stillen sofort und lief bis zum Ende problemlos.

Am 5. Tag durften wir nach Hause.

So war meine Geburt. Ich muss noch sagen, dass der Geburtsvorbereitungskurs 45 Min dauerte, niemand hat mir beim Stillen geholfen, es gibt da keine Nachsorge von den Hebammen und trotzdem kommen fast alle Frauen zurecht. In der Geburtsklinik wird nur darauf geachtet, dass die Frauen Milch ausstreichen, wenn sie ihre Babies noch nicht zum Stillen bekommen. Babies sind da im geschlossenen Kinderzimmer und werden nur alle 3 Std. zum Stillen gebracht, in der Nacht bekommen alle Babies Glukose und die Mütter schlafen. Haus- und Ambulantgeburten gab es damals gar nicht, jetzt ist es eine Seltenheit. In der Geburtsklinik laufen die Frauen wegen der Hygiene ohne Unterhose, als Unterlage bekommen sie uralte sehr harte Wickeltücher, die Frau hat Glück, wenn das Nachthemd kein Loch hat und besonders wenn die Größe passt. Die Frauen dürfen keinen Besuch haben und die Väter sehen ihre Kinder bei der Entlassung zum ersten Mal.

Vielleicht versteht ihr jetzt, warum ich so leicht mit dem Stillen umgehe. Für mich ist es einfach ein Teil vom Schwanger-Geburt-Stillen-Erziehen-Prozess.

Ach ja, Gabi hatte keinen Herzfehler, aber das ist eine andere Geschichte.

Danke für die Geduld!!!! Hätte selber nicht gedachte, dass es so lang wird.

Margarita, September 03

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