Das Kind hat geklaut - und jetzt?

Mein damals achtjähriger Sohn kam wochen- bis monatelang immer mal wieder abends nochmal zu mir, weil er an "was Blödes" denken musste und nicht einschlafen konnte. Aber was es war, damit wollte er nicht herausrücken. Mit der Zeit habe ich recht routiniert auf diese "blöden Gedanken" reagiert, wie das halt so sein kann abends, wenn hier noch Wäsche wartet und dort ein Kind aus dem Bett kräht und dann noch eines blöde Gedanken hat, die es nicht näher erklären kann oder will...

Was es tatsächlich war, damit rückte er dann schließlich an einem Morgen nach einem Abend mit blöden Gedanken raus, weinend bei mir auf dem Schoß: Er hatte geklaut. Bei seinen Geschwistern, und bei seinen Freunden. Schöne Kleinigkeiten, die er so gerne hatte haben wollen. Bei einigen konnte ich es einordnen - das früheste war drei Jahre her, das letzte ein paar Monate. Ganz schön viele Schätze waren das. Als ich ihn ein gutes Jahr zuvor einmal ertappt hatte, hatte er noch kein schlechtes Gewissen gehabt, er war nur verlegen gewesen, weil erwischt. Damals hatte ich mit ihm  gesprochen, über Klauen und warum das nicht geht, und ihn das Teil zurückbringen lassen. Das hatte er so akzeptiert, aber er selbst hatte von sich aus kein Unrechtsbewusstsein gehabt. Das war nun deutlich anders.

Meine erste Reaktion war vor allem Mitgefühl. Er hatte so lange Not deswegen gehabt, er brauchte Trost. Dann haben wir überlegt, wie es weitergehen konnte. Die Sachen von seinen Geschwistern habe ich zurückverteilt und ihm war die Erleichterung anzusehen, als seine Schwester sich sichtbar gefreut hatte, dass ihr Polizei-Anstecker wieder aufgetaucht war. Bei seinem Freund hat dessen Mutter die Sachen wieder ins Spielzeug eingespeist. Bei anderen habe ich ihm geholfen, die Sachen zurückzugeben. Ich habe ihn nicht aufgefordert, sich den Betroffenen gegenüber zu outen, weil ich die zu erwartenden Sanktionen seitens der anderen Kinder als zu hart eingeschätzt habe. Diese hätten seine Gewissensnot vermutlich nicht sehen können, und auch nicht, dass er mit seinen Sachen oft sehr großzügig ist. Und dann habe ich ihm so ein kleines Spielzeug gekauft, wie er seinen Geschwistern jeweils gemopst hatte. Meiner Einschätzung nach hat er dadurch, dass er so lange unter dem Bewusstsein, geklaut zu haben, gelitten hat, deutlich mehr gelernt als durch eine Strafe oder durch Bloßstellen.

Er hat gelernt, dass er falsch gehandelt hatte. Dass er sich damit aber auch anvertrauen konnte und dass er dafür nicht verurteilt wurde, sondern dass wir gemeinsam Wege der Wiedergutmachung gesucht haben. Ich habe an meiner Reaktion noch manchmal gezweifelt, als er im Nachhinein noch mit weiteren Geständnissen ankam, wo er noch überall etwas mitgehen hatte lassen. Aber letztlich sind wir gut aus dem Prozess herausgekommen. Ich habe ihm weiterhin Vertrauen entgegengebracht, zum Beispiel wenn er sich aus meinem Portemonnaie Geld für den Einkauf beim Bäcker selber herausnehmen durfte (und sollte). Und er hat schon lange nichts mehr geklaut, überhaupt nichts mehr seit dem Geständnis, und achtet sehr darauf, ob er eventuell jemanden versehentlich benachteiligt. Ich habe daraus mitgenommen, dass Erklärungen, die beim Thema sicher sinnvoll sind, erst wirklich fruchten können, wenn das Kind in seiner Entwicklung an den Punkt kommt, ein Unrechtsbewusstsein auszubilden. Die Erfahrung, unter dem eigenen Gewissen zu leiden, kann man dem Kind dann nicht ersparen, aber man kann ihm die Erfahrung ermöglichen, weiterhin angenommen zu sein und sein Verhalten dann ändern zu können.

 

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