Erste Hilfe bei Trotz

Erste Hilfe bei Trotz„Trotz“ ist eigentlich eine irreführende Bezeichnung, denn das Wort setzt voraus, dass sich das trotzende Kind absichtsvoll – trotz-dem – den Wünschen der Eltern verweigert. Es handelt sich bei der ersten Autonomiephase aber um einen wichtigen Entwicklungsschritt! Siehe dazu: Trotz.

Aber was tun, wenn das Kind gerade in diesem wichtigen Entwicklungsschritt steckt? Schuhe anziehen geht nicht, die Hose ist falsch, das noch eben gewünschte Brötchen grundsätzlich verkehrt oder durch falsches Aufschneiden ungenießbar geworden... Wenn dann noch Zeitdruck dazukommt oder Geschwister ebenfalls Aufmerksamkeit brauchen, können Eltern an ihre Grenzen kommen.

Erste-Hilfe-Regel Nr. 1: Ruhe bewahren.

Tief durchatmen, innerlich einen Schritt zurücktreten und sich erinnern: Das Kind meint es nicht persönlich. Es ist seinen Emotionen gerade ausgeliefert. Vielleicht sieht du sogar die tragikomische Seite der Situation... wobei das Kind natürlich nie ausgelacht werden darf! Das wäre demütigend. Steig nicht großartig auf den Inhalt der Auseinandersetzung ein, das hat meistens eh keinen Zweck, denn es geht beim Wutanfall z.B. schon lange nicht mehr um den blauen oder den grünen Becher... Manchmal hilft es, sich vorzustellen, du wärst in einer ganz anderen Umgebung und z.B. deine Chefin würde sich fragen, warum um alles in der Welt du so wütend werden kannst, nur weil dein Kind ein Problem mit der Becherfarbe hat.

Erste-Hilfe-Regel Nr. 2a: Die Zeit zurückdrehen

Das klappt nicht bei allen Kindern, aber bei vielen: Die Handlung, die zum Ausbruch geführt hat, rückgängig machen. Das Kind wollte die Tür öffnen? Dann mach sie halt wieder zu und lass es öffnen. Es wollte selber Kartoffeln nehmen? Dann kommen sie vom Teller eben wieder in die Schüssel. Es wollte den CD-Spieler selber anmachen? Dann mach ihn eben wieder aus... und so weiter. Ein kleiner Schritt für den Erwachsenen, eine wichtige Sache für das Kind. Häufig lassen sich beginnende Trotzanfälle damit abschwächen oder verhindern.

Erste-Hilfe-Regel Nr. 2b: Keine Angst vor dem Nachgeben haben

Du bist groß, dein Kind ist klein. Was für dich eine Kleinigkeit ist, kann für das Kind ein großes Drama sein. Es macht das Zusammenleben viel leichter, wenn man nicht stur auf Konsequenz setzt. Dein Kind wird nicht verzogen, weil du nachgibst, wichtig ist aber, dass du es freiwillig tust. Überdenke Verbote: Ist das wirklich schlimm? Wenn dir erst durch den kindlichen Protest auffällt, dass dem Kind das Gewünschte weit wichtiger ist als dir dein Verbot: Dann kannst du es natürlich zurücknehmen. Das heißt dann nicht, dass das Kind nun immer alles mit Geschrei erreichen wird, sondern nur, dass das Verbot eben in diesem Fall nicht wirklich nötig war: „Entschuldige bitte, ich habe nicht gewusst, dass es dir so wichtig ist. Du darfst... (was auch immer).“

Erste-Hilfe-Regel Nr. 3: Kind und Umgebung schützen

Wenn das Kind im Wutanfall aggressiv wird, schlägt, tritt oder Sachen wirft, nimm Opfer (z.B. andere Kinder oder dich selbst) oder gefährdete Gegenstände aus seiner Reichweite. Verurteile nicht seine Wut, sondern grenze dich nur entschieden gegen den Angriff ab.

Erste-Hilfe-Regel Nr. 4: Den Naturgewalten ihren Lauf lassen

Das Kind braucht Zeit, um seine Gefühle auszuleben und dann unter Kontrolle zu bekommen. Ein „Nun wein doch nicht“ ist sicher nicht hilfreich. Wie du weiter vorgehst, hängt vom Charakter des Kindes ab: Manche brauchen Trost und Nähe, andere Abstand und Zeit. Wenn äußere Umstände unabwendbar drängen: Sei möglichst klar, tu, was erledigt werden muss, und halte den Protest des Kindes aus (siehe Erste-Hilfe-Regel Nr. 1). Leg dir ein dickes Fell für die Trotzanfälle in der Öffentlichkeit zu, dein Kind ist in einer wichtigen Entwicklungsphase, das hat mit deiner Erziehung nur wenig zu tun und ist nicht deine Schuld.

Erste-Hilfe-Regel Nr. 5: Trösten, Liebhaben und was schönes zusammen machen

Das Kind wütet nicht aus Spaß und nicht aus bösem Willen. Es ist nach einem Wutanfall genauso geschafft wie du – oder mehr. Es braucht jetzt keine Fortführung des Streits. Nimm es in den Arm und sag ihm, dass du es lieb hast. Vielleicht hilft es, wenn du dich an den kleinen Säugling erinnerst, den du mal auf dem Arm hattest und der so ein wunderbarer großer Mensch geworden ist – auch wenn Großwerden eben manchmal anstrengend ist.

Trotzprophylaxe: Vorbeugen ist besser!

Wenn ein „Trotzanfall“ vermeidbar ist, sollte er vermieden werden. Das Kind wird nicht verzogen, grenzenlos oder verwöhnt, nur weil die Eltern typische Klippen vorsorglich umschiffen.

  • Sag öfter ja als nein und verbiete möglichst wenig.
  • Nimm das Kind ernst und begründe die wenigen wirklich nötigen Verbote schlüssig, verständlich und überzeugt, äußere Verständnis für Frust: „Ja, du möchtest gern rennen. Aber hier an der Straße geht das nicht, es ist gefährlich. Das ist schade, da hast du recht.“
  • Wo das Kind eine Wahl hat oder etwas selber machen kann: Lass es wählen und machen. Solange Kinder mit zuviel Möglichkeiten überfordert sind, sollten die Eltern diese entsprechend einschränken. Beispielsweise ist das Kind vor dem gesamten Kleiderschrank überfordert mit der Auswahl. Die eine herausgelegte Hose führt aber zum Wutanfall. Dann können zwei herausgelegte Hosen, zwischen denen es wählen kann, ein guter Mittelweg sein.
  • Erkläre, beziehe das Kind ein, gehe auf das Kind ein.
  • Gib dem Kind die Chance, sich auf eine neue Situation einzustellen, etwa das Haus zu verlassen. Kündige aber auch nicht zu früh an, ein Zeitabschnitt wie "zehn Minuten" ist für kleine Kinder noch zu abstrakt.
  • Typische Fallen: Hunger, Müdigkeit, Überreizung. Um Trotzanfälle zu vermeiden, solltest du hier ansetzen: Das Kind nicht durch zuviel Aktivitäten oder Medienkonsum überfordern, bei Hunger und Müdigkeit rechtzeitig gegensteuern und Ansprüche an das Kind zurückschrauben.
  • Gib dem Kind Zeit, sich umzuentscheiden: „Nein“ heißt oft nicht für immer „nein“, sondern: „Moment, noch nicht, ich muss erst darüber nachdenken“. Das Kind braucht manchmal Zeit, um eine Frage oder Wahlmöglichkeit zu überblicken, und will erst einmal ein „Ja“ vermeiden, weil das ja schon eine Entscheidung wäre. Ein „Nein“ schafft Aufschub. Wenn das Kind sich dann also umentscheidet, geh darauf ein und nimm nicht sein erstes „Nein“ als letztes Wort.

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