Aufklärungsarbeit

Es ist unerfreulich, aber es muss an dieser Stelle dringend gesagt werden: Falls sie mit der Sexualaufklärung ihres Kindes bis zu dem Zeitpunkt gewartet haben, wo es wirklich ernst wird, sind sie viel zu spät dran. Vielleicht haben sie es schon bemerkt. Ihr Kind will mit ihnen darüber nicht reden. Es rollt genervt die Augen, winkt ab und verzieht sich schnell in sein Zimmer, wenn es merkt, dass sie ernsthaft planen, das Gespräch mit ihm zu führen. Und auch wenn sie ihr Kind von klein auf mit Aufklärungsklassikern wie Peter, Ida und Minimum und offenen Worten zu diesem Thema begleitet haben, kann es schwierig werden. Auch wenn das Gespräch nur eines unter vielen ist und sie sich wohl genug fühlen, Sex immer mal wieder anzusprechen, statt zu versuchen, es in einer großen, beschämenden Kraftanstrengung zu erledigen, kann es passieren, dass ihr Kind nicht hören will. Und wer nicht hören will, muss bekanntlich fühlen. Schlimmer noch: Ihr Kind wird auf jeden Fall fühlen – das ist der Sinn der ganzen Sache.
Aber wie redet man denn dann über Sex und was genau steht eigentlich einem guten Gespräch darüber im Wege?

Für Jugendliche ist jedes Reden über Sex persönlich. Wenn sie mit dem ersten Aufklärungsversuch bis zur Pubertät gewartet haben, wird ihr Kind das besonders deutlich empfinden. Sie können ihm ihm nicht mehr allgemein über Sexualität reden, alles betrifft ihr Kind ganz unmittelbar. Früher wäre das möglich gewesen, aber da wollten sie es verständlicherweise nicht zu sehr auf solche Ideen bringen. Außerdem weiß ihr Kind sowieso schon alles.

Es gehört nämlich zu den vordringlichsten Aufgaben des jugendlichen Sozialstatus, so zu tun, als wüsste man in allen Erwachsenendingen Bescheid, obwohl man eigentlich keine Ahnung hat. Dies gilt insbesondere für alles, was mit Liebe und Sexualität zu tun hat. Da, jetzt ist auch das andere Wort gefallen, über das sie mit ihrem pubertierenden Kind wahrscheinlich schwer in ein Gespräch kommen: Liebe. Der Grund dafür ist so einfach zu benennen wie schwer aus dem Weg zu räumen. Für Jugendliche sind beide Themen eine todernste Sache, wohingegen es ihnen schwer fällt, eine zweimonatige Beziehung unter Fünfzehnjährigen ernst zu nehmen. Jugendliche erleben ihre Liebesbeziehung als äußerst bedeutungsschwer, ohne sich zugleich an Konsequenzen gebunden zu fühlen. Sie als Elternteil hingegen haben genug Lebenserfahrung, um zu wissen, wie banal Liebesbeziehungen manchmal sein können und welche Konsequenzen ihr Handeln haben wird.

Darüber hinaus stellt ein Aufklärungsgespräch mit ihrem Kind für sie möglicherweise einen Eingriff in ihre Privatsphäre dar. Warum? Nun, welche Art Beziehung haben sie zu ihrem Kind?
In der britischen TV-Studie der BBC "Kinder unserer Zeit" wurden Eltern von Grundschulkindern gefragt, worüber sie mit ihren Kindern sprechen. Einhellige Antwort: Über alles. Anschließend zeigte die Dokumentation Szenen aus dem Alltag der Familien, in denen sehr deutlich wurde, dass die Eltern mit ihren Kindern allzu oft nur in Aufforderungen sprechen: Tu dies nicht, mach das bitte, denk daran, vergiss das nicht! Sie müssen nicht gleich der beste Freund oder die beste Freundin ihres Kindes sein. Das brächte einige Unannehmlichkeiten mit sich. Aber wenn sie ihrem Kind nie erzählen, wer sie sind, wie sie früher waren, was sie traurig oder glücklich macht, wie sollten sie und ihr Kind sich dann bei so intimen Themen wie Liebe und Sexualität wohlfühlen können?
Sollten sie die Aufklärungsarbeit also anderen überlassen? Auch, aber nicht nur!
Sexualkundeunterricht wird heutzutage vermehrt von exzellent geschulten, externen Kräften abgehalten, weil man erkannt hat, dass sich Jugendliche nicht gerne von Lehrkräften aufklären lassen, denen sie jeden Tag begegnen müssen. In gewisser Weise sind Lehrer und Lehrerinnen auch Vorgesetzte. Sie üben Macht aus, bewerten, belohnen und bestrafen. Würden sie sich freiwillig von ihrem oder ihrer Vorgesetzten Sextipps geben lassen?

Doch selbst wenn Sexualkunde an Schulen hervorragend vermittelt wird, fällt es den Jugendlichen dort oft schwer, über das für sie Wichtigste zu reden: Wie fühlt sich das an? Wie darf es sich anfühlen, wie muss es sich anfühlen?
Helfen sie ihrem Kind, indem sie versuchen, es ernst zu nehmen. Früher oder später müssen sie eine erwachsene Beziehung zu ihrem Kind aufbauen, denn genau das geschieht: Ihr Kind, ihr Engelchen, ihr kleiner Schatz wird erwachsen. Es wäre gut, wenn sie diese erwachsene Beziehung auch damit beginnen, ihrem Kind die Spielregeln, so wie sie sie verstanden haben, zu einer Sache beizubringen, die in der Welt der Erwachsenen eine so zentrale Rolle spielt.

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