Das Leben mit zwei Kindern

Beitragsseiten

Altersabstand

Der relativ kurze Abstand zwischen zwei Kindern führt dazu, dass das ältere Kind plötzlich in eine Position gedrängt wird, in der vernünftige Kooperation von ihm eingefordert wird, obgleich es altersmäßig noch nicht unbedingt reif dafür ist. Die meisten Eltern geraten spätestens 1,5 Jahre nach der Geburt des ersten Kindes zunehmend in Erklärungsdruck, ob und wann sie denn „endlich“ ein zweites wollten. Sogar kinderlose Bekannte scheuen sich nicht, mit derartigen Fragen aufzukreuzen, wobei sie selbst den Gedanken an ein einziges Kind noch weit von sich weisen. Es ist ziemlich normal, Kinder mit einem Altersabstand von etwa zwei Jahren zu haben und in Gesprächen mit anderen Eltern bekommt man maximal ein schwammiges „Na ja, die erste Zeit war schon schwierig...“ zu hören. Keiner sagt: Es war der absolute Horror, ein Gefühl ständiger Unzulänglichkeit und Erschöpfung. Ich wurde keinem der beiden Kinder gerecht, lernte mein Erstgeborenes zu hassen und hasste mich selbst dafür, war von den Bedürfnissen des Kleinen überfordert und hatte keinen ruhigen Moment für mich selbst, ohne dass um mich herum Chaos ausbrach und ich schlechtes Gewissen hatte.
Und auch ich möchte ein derartiges Resümee relativieren: Nein, es war wirklich kein Dauerhorror und ich habe nicht monatelang gelitten und meine Kinder gehasst. Aber die Tiefpunkte waren schmerzhaft und anstrengend und man - besser gesagt ich - fühlte mich wirklich allein und litt unter einer Art Kontrollverlust. Ich sage das jetzt alles bewusst hart und krass und härter, als ich es im Moment rückblickend empfinde, weil ich weiß, dass ich es immer wieder, wenn auch nur für kurze Zeit, damals so empfand.
Das Problem war in unserem Fall nie Petra, sie lief eigentlich nebenher, schlummerte im Tragetuch oder erkundete die Welt um sich herum selbstständig und souverän, sobald sie mobiler wurde. Das Problem war Carl, der nie eifersüchtig schien oder Aggressionen gegen seine Schwester an den Tag legte, aber 110%ige Aufmerksamkeit einforderte und sehr leicht den Boden unter den Füßen verlor. Und das Problem war ich, die manchmal schlicht zu müde war, diese Aufmerksamkeit zu geben und dann statt einer bewussten Auszeit für mich (die nicht immer organisierbar ist, da willige Babysitter selten zur richtigen Zeit spontan an der Tür klingeln), halbherzig und angenervt die Kinder „semi-ignorierte“ und mich dann wunderte, warum alles in Chaos mündete.
Kein Erziehungsratgeber, der mir in die Hände geraten war, schrieb jemals von Situationen, wie ich sie erlebte. Die Fallbeispiele dort waren immer sehr durchdacht, beinhalteten nur einen Problemkern auf einmal und mündeten natürlich nach der korrekten Anwendung eines genialen Erziehungstipps in wunderbar vernünftiges Kleinkindverhalten. Meine Probleme begannen damit, dass ich nicht einmal erkennen konnte, wo mir die Situationen entgleist waren, wo ich mein Verhalten hätte modifizieren können oder müssen. Ich versuchte z.B. müde und vom Tag gestresst, Abendessen zu kochen und den Tisch zu decken, während Petra just in diesem Moment gestillt werden wollte, was ich hinauszögerte, damit ich wenigstens eine Arbeit halbwegs zu Ende bekäme. Was sie natürlich mit quengeligem Verhalten quittierte. In diesem Moment hoffte ich vielleicht auf die Zusammenarbeit mit meinem schon (oder erst?) dreijährigen Sohn, der wirklich gerne Tisch deckt und auch gut darin ist. Trotz mehrmaligen Bittens keine Reaktion. Kein Interesse. Dann aber trotz wiederholter Warnung, nicht die schwere, randvoll gefüllte Schüssel mit irgendeinem flüssigen Inhalt zu nehmen, ergreift er natürlich genau diese in einem unbeachteten Moment und – klirr – lässt sie natürlich so fallen, dass nicht nur die Schüssel zu Bruch geht, sondern sich möglichst auch der Inhalt über irgendetwas ergießt, was schwer bis unmöglich zu reinigen ist. Hier gelingt es der reflektierten Mutter vielleicht noch mit einem liebevollen „Ups!“ zu reagieren und das Schlamassel zu beseitigen. Ja, noch ist sie stolz auf sich, weil sie dem Kind keine böse Absicht unterstellt. Wenn der Junge aber dann während der Aufwischaktion beginnt, der kleinen, immer noch hungrigen, immer noch quengeligen Schwester gezielt all die Gegenstände aus der Hand zu nehmen, mit denen sie einigermaßen zufrieden gewesen wäre und wenn er dann auf das zugegeben genervte Ermahnen mit „Dann spucke ich eben alle Möbel an“ reagiert, während im Hintergrund das Abendessen anbrennt oder überkocht – dann fällt meiner Meinung nach der liebevollsten und reflektiertesten Mutter nichts Intelligentes mehr ein und ich möchte wirklich diejenige sehen, die – im mildesten Fall - nicht das Geschirrtuch in die Ecke donnert und die Kinder anschreit oder sonst wie ausflippt.

Klar, eine Fehleranalyse ist möglich.

  1. hätte das Baby sofort gestillt werden können = ein Stressfaktor weniger.
  2. hätte die Schüssel so platziert werden können, dass sie nicht in der Reichweite des Kleinkindes ist.
  3. hätte das Abendessen in aller Ruhe zu einem anderen Zeitpunkt (Mittagsschlaf eines Kindes?) zubereitet werden können.
  4. hätte sich die Mutter nach Erkenntnis des Stresspotenzials einfach mit beiden Kindern aufs Sofa kuscheln können.
  5. hätte die Mutter jeglichen Anspruch an korrekte, ordentliche Haushaltsführung hinter die Bedürfnisse der Kinder stellen können.

Aber trotz der theoretischen Kenntnis einer Vielzahl von schlauen Überlebenstipps erwies sich der Alltag bei uns manchmal als Eiertanz. Es ist ja nicht nur unrealistischer hausfraulicher Ehrgeiz, der einen dazu nötigt, gewisse Dinge zu erledigen. Manchmal war es schlicht das Bedürfnis einer erwachsenen Frau ihr Leben noch einigermaßen selbst bestimmen zu können und zumindest in kleinen Bereichen im Griff zu haben.

Es ist auch nicht so, als wäre das niemals gelungen. Doch doch, es gab gute Phasen. Aber leider eben auch genügend Momente, auf die ich nicht stolz bin. Ich weiß übrigens nicht, woran es liegen könnte, dass es im vergangenen Jahr wirklich immer diese Tage waren, an denen ich unangekündigten Besuch von Leuten bekam, denen ich nicht dieses Bild von Mutterschaft vermitteln wollte. Die dann wohl innerlich die Augen verdrehten und sich zuhause eine doppelte Dosis der Antibabypille einwarfen.

Was mich in diesem Zusammenhang auch immer wieder erschreckte, war, dass ich trotz besseren Wissens meinem Sohn immer wieder gezielte Bosheit unterstellte. Ich war mir sicher, dass sein Tun von dem Vorhaben motiviert war, mir zu schaden, mich zu ärgern, mein Leben schwer zu machen. Meist gelang es mir schon am Abend des jeweiligen Tages die Situationen in einem anderen Licht zu sehen und spätestens, wenn beide Kinder friedlich ins Bett gekuschelt schliefen, verstand ich ohnehin nicht mehr, warum ich mich davor so aufgeregt hatte.
Wie auch immer: Ich bin oft explodiert. Ich habe auch bemerkt, dass ich in derartigen Situationen die Reaktionen, die ich aus meiner Kindheit kenne, wider besseren Wissens wiederholte. Mir kamen Sätze in den Sinn, die ich so nie sagen wollte und manchmal gelang es mir nur unter äußerster Anstrengung (und Verlassen des Schauplatzes) nicht handgreiflich zu werden, meine Machtlosigkeit in einer bestimmten Situation, die ich nicht akzeptieren konnte, nicht durch einen Klaps auf den Po zu kaschieren.

Worauf ich trotz alledem relativ stolz bin, ist, dass ich diese Situationen der Überforderung zumindest nachträglich mit meinem Sohn besprochen habe. Es ist mir gelungen, nicht ihm den Vorwurf zu machen, böse zu sein, sondern ihm zu erklären, dass ich diejenige bin, die sich falsch verhalten hat, die übermüdet ist, die sauer ist, die schlecht gelaunt und erschöpft ist und deshalb so ungeduldig reagiert und geschrieen hat. Außerdem haben wir uns gemeinsam eine „De-eskalationsstrategie“ überlegt: Immer, wenn uns Konflikte zu entgleisen drohen, wenn wir anfangen, uns gegenseitig anzugiften und die Luft nach Aggression riecht, kann einer von beiden sagen: „Sollen wir uns einfach wieder vertragen?“ Der Vorschlag kam übrigens von ihm :-). Das klingt platt und lächerlich simpel, ist aber in der Anwendung höchst effektiv und hat mir immer wieder gezeigt, dass viele Konflikte eigentlich nur Kettenreaktionen und Selbstläufer sind. Mit unserer Zauberformel haben wir das schon oft gestoppt und waren nach dem Aussprechen beide dankbar, dass sie dem anderen gerade noch rechtzeitig eingefallen ist. Meist enden diese Konflikte dann mit einer Umarmung (Klingt jetzt fast so kitschig, als wäre es aus einem der uneffektiven Erziehungsratgeber...).

Ich plädiere mit meinen Ausführungen übrigens nicht für einen Mindestaltersabstand von sechs Jahren. Im Gegenteil: Ich halte den Altersabstand zwischen meinen beiden Kindern immer noch für recht ideal und würde ihn wieder so wählen. Ich denke nur, dass ich mittlerweile einige Dinge anders machen würde:

  1. Ich würde viel öfter Hilfe holen. Seien es andere Mütter zum Kaffeeklatsch oder Großmütter zum Spazierengehen. Es kann einfach nicht von der Natur so gedacht sein, dass eine Mutter sich allein um mehrere kleine Kinder mit solch unterschiedlichen Bedürfnissen kümmert. Auf Dauer geht das meiner Meinung nach auf die Kosten von mindestens einem der Beteiligten.
  2. Ich würde versuchen, noch bewusster im Blick zu behalten, dass das große Kind nicht wirklich „groß“ ist, sondern immer noch ein Kleinkind, dem ich irrationales Verhalten zugestehen kann, selbst wenn es zum ungünstigsten Zeitpunkt aus ihm herausbricht.
  3. Ich habe gelernt, dass das Vorhaben, eine Arbeit mit quengelnden, unglücklichen Kindern im Hintergrund zu Ende zu führen, von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Der Genuss beim Anblick einer blitzeblanken Küche wird durch Dauergezeter im Wohnzimmer dermaßen getrübt, dass ich lieber gleich darauf verzichte. Und ein Abendessen, das erst eine halbe Stunde später fertig ist, kann immer noch gegessen werden. Im Regelfall sogar eher, als eines, dass zwar pünktlich auf dem Tisch steht, aber kalt wird, da beide Elternteile mit dem Trösten von jeweils einem Kind beschäftigt sind und selbst schon am Rande ihrer Geduld angelangt sind.

Weitere Informationen

Diese Website verwendet Cookies, um Ihren Besuch möglichst benutzerfreundlich zu gestalten. Durch die weitere Nutzung stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.