Gewalt in der Familie - ein Erfahrungsbericht

Mir haben die Schläge meines Vaters geschadet (der im übrigen eine üble Kindheit hatte ... blabla ...). Es waren nicht viele, vielleicht ist es nur drei Mal vorgekommen, das weiß ich nicht mehr, aber es ist vorgekommen. Es hat gar nicht mal so sehr dem Verhältnis zu meinem Vater geschadet (Opfer empfinden sich immer selbst als schuldig, oder wie war das?). Aber es hat mir und meinem Verhältnis zu mir selbst geschadet. Ich habe Ewigkeiten gebraucht, um mich so zeigen zu lernen, wie ich bin. Ich habe den falschen Beruf studiert, um meinem Vater einen Gefallen zu tun (indirekt). Ich habe einen Mann geheiratet, der ein wunderbarer Mann ist und den ich auch sehr liebe - aber der an vielen Stellen eine wesentlich andere Einstellung hat als ich - weil ich mich damals noch nicht traute, mich zu zeigen. Und so weiter. Viele subtile Sachen, die Tausenden von Menschen passieren, aber die vermeidbar wären.

Was genauso schwer wiegt: Es hat das Verhältnis zu meiner Mutter belastet - was ich erst heute nach vielen Jahren überhaupt sehe. Meine Mutter ist sehr klug (würde fast sagen weise), und wir stehen uns sehr nahe. Aber manchmal bin ich unglaublich ungeduldig mit ihr und behandele sie total von oben herab - für das Kind in mir ist sie inkompetent, sie hat nicht geschafft, mich zu beschützen. Ich habe sie schon oft gefragt, wieso sie nicht gegangen ist. Ihre Antwort: sie zeigte auf meinen Sohn, wie glücklich er sei, wenn Papa nach Hause kommt und fragte: Sollte ich das zerstören?
Natürlich nicht...

Und trotzdem frage ich sie immer und immer wieder: WIE KONNTEST DU ZULASSEN, DASS JEMAND DEIN KIND SCHLÄGT??? Warum hast du mich nicht verteidigt? Ja, auch eine Ohrfeige ist Misshandlung. "Nimm mal die Brille ab." - Das IST Misshandlung.

Nun, mein Vater, in 99% der Zeit ein unglaublich guter Mensch, konnte nicht aufhören zu schlagen. Nicht oft, so vielleicht alle zwei Jahre mal, ist er durchgeknallt - und als meine Eltern über 60 waren, haben sie sich getrennt. Für uns ist das nicht weniger schlimm, als wäre es früher geschehen. Ich trauere um all die Jahre, um meine Kindheit, um den Vater, den ich so geliebt habe und den ich jetzt nicht mal mehr anrufen mag. Und um alles, was hätte sein können, wären die Dinge anders gewesen. Und immer und immer und immer wieder frage ich meine Mutter: Warum bist du nicht gegangen? Und jedes Mal sagt sie: Ich konnte es nicht. Ich hatte nicht die Kraft dazu.

Sie hat therapiert, sie ist exzellent darin. Sie hat sich selbst therapiert ohne Ende, sie hat ihn therapiert ohne Ende - mit dem Erfolg, dass sie "die Böse" ist, die immer meckert.

Aufgrund dieser Geschichte kann ich sehr sicher sagen: Wenn jemand mein Kind schlagen würde - ich wäre weg. Definitiv. Und wenn ich im Auto schlafen müsste.

Anke (die der Meinung ist, dass Gewalt absolut nichtsnichtsnichts in Familien zu suchen hat!)

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