Wahlgren, Anna: Das KinderBuch

Wie kleine Menschen goß werden
Beltz; Auflage: 1 (März 2004)
aus dem Schwedischen von Lone Rasmussen-Otten, Mit Illustrationen von Gunnar Haglund, Beltz Verlag 2004

Bewertung: ungeeignet

Unbeschreiblich, dass noch im Jahr 2004 ein Buch erscheinen kann, das allen wissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht:

Obwohl bekannt ist, wie schädlich das Rauchen in der Schwangerschaft ist, schreibt die Autorin auf Seite 30, dass sie dies bezweifle. Als wissenschaftlicher Gegenbeweis wird angegeben, dass ihre neun Kinder nicht zu klein und auch nicht zu dünn gewesen wären. Auch gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass der Genuss von Alkohol einer Schwangeren zu einer Alkoholembryopathie beim Säugling führen kann, wird negiert, denn dann: "müssten Heerscharen von Kindern in den Mittelmeerländern missgebildet sein."

Weiter geht es mit fahrlässigen Ratschlägen, dass Kinder auf dem Bauch schlafen müssen, ansonsten hätten sie "einen leichteren und oberflächlichen Schlaf (das heißt: einen schlechten Schlaf!)". Weiter hinten im Buch wird nochmals vor der Rückenlage gewarnt, denn: "Das Risiko des Erstickens durch Erbrochenes ist immer gegenwärtig, wenn ein Neugeborenes auf dem Rücken liegt." Die Ursache des plötzlichen Kindstodes sieht die Autorin einfach darin, dass die Kinder aufgeben: "Es dauert viele Wochen, manchmal sogar bis zu drei Monaten, bis ein Menschenkind sich traut, daran zu glauben, dass es überleben wird [...] Bis dahin ist es ein Kampf. Und es gibt Kinder, die aufgeben."

Das Thema "Durchschlafen" ist ebenfalls ein sehr beliebtes Thema, das sich in den verschiedenen Kapiteln wiederholt. So wird den Eltern Druck gemacht: "Aber denke daran, dass ein Kind, das im Alter von einem Monat nicht durchschläft, es später höchstwahrscheinlich auch nicht tun wird." (S. 144) Und dabei seien normalgewichtige Kinder "im Alter von einem Monat ... sehr wohl dazu im Stande, nachts sieben bis acht Stunden durchzuschlafen". Vorher gibt sie jedoch zu (S. 142): "Viele Kinder schlafen mit einem Monat nicht von allein durch. Ich glaube, dies sind die meisten. Und sie brauchen Hilfe." Es wird also ein nicht zu erfüllender unphysiologischer Standard festgelegt und schon sind fast alle Säuglinge therapiebedürftig. Die Therapien werden auch prompt gegeben: Einerseits wird die "Knuffmethode" empfohlen (S. 140), wobei die Kinder in Bauchlage mit Knuffen auf dem Po zum Einschlafen gebracht werden sollen, andererseits die Methode mit dem Kinderwagen, bei der das Kind nachts in den Kinderwagen zum Schlafen gelegt wird (in Bauchlage selbstverständlich). Wenn es dann wach wird, wird der Kinderwagen in langen Bewegungen ruckartig hin- und hergeschoben. Dann ist "ihre Verwunderung größer als der Hunger" und das Baby schläft vor Verwunderung wieder ein. Übrigens: "Nach drei, spätestens vier Monaten kannst Du damit rechnen, dass dein Kind 12 Stunden pro Nacht schläft." Ein schöner Traum - der jedoch für Menschenkinder völlig unphysiologisch ist.

Zum Thema Ernährung des Kindes geht es weiter abenteuerlich zu: Stillen über drei Monate hinaus hat die Autorin nie geschafft - kein Wunder bei dem angegebenen Stillmanagement und dem Rauchen. Aber man kann ja auch die Flasche füttern, u. U. auch eiskalt: "Einem Kind oder Neugeborenen, das vor Hunger in katastrophale Panik geraten ist, kann man ausnahmsweise die Flasche direkt aus dem Kühlschrank geben". (S. 124). Weiter heißt es: "Unter allen Umständen darfst du die Milchnahrung höchstens zweimal aufwärmen." - die Autorin scheint keine Ahnung zu haben, wie sich bei so einer Behandlung die Keime vermehren werden! Flaschennahrung darf prinzipiell nicht nochmals wieder erwärmt werden.

Es wird auch nicht ausschließliches Stillen über sechs Monate empfohlen, wie es seit 2002 in den globalen Strategien der Säuglings- und Kinderernährung angegeben wird. Das Buch wurde auch hier wider die wissenschaftlichen Erkenntnisse geschrieben. Stattdessen kommt auch prompt die Empfehlung (S. 263) "Pürierte Nahrung, bestehend aus Gemüse und Obst, wird nach drei Monaten ... eingeführt." Anschließend der Tip, wie zu verfahren ist: "Der kleine Löffel ist halb voll und wird in den kleinen Mund geschoben. ... Aus dem einem oder anderen Mundwinkel wird dann das meiste wieder hervorquellen ... Dann sammelst du das, was eigentlich in den Mund gehört, wieder auf den Löffel und füllst es noch einmal hinein. ... Ein und dieselbe Portion muss vielleicht noch viele Male in den kleinen Mund geschaufelt werden. Darüber musst du dir keine Sorgen machen." Die Autorin hat Recht mit ihrer danach folgenden Bemerkung, dass es nicht bedeutet, dass das Baby die Nahrung evtl. nicht mag. Die Autorin erkennt jedoch nicht, dass es eindeutig ein Zeichen dafür ist, dass ein Baby im Alter von drei Monaten in der Entwicklung noch nicht weit genug ist, andere Nahrung als Milch zu sich zu nehmen.

Das Thema Tragen kurz zusammengefasst: Tragen darf man das Kind - außer bei seltenen Gelegenheiten - nicht, man behindert es sonst am eigenständigen Leben, es kann sich dann auch nicht von der Gebärmutter ablösen, verbleibt in einer Symbiose und die "eigentliche" Geburt wird unterbrochen (S. 153). Immerhin ist es aber erlaubt, mit dem Baby zu kuscheln.

Zusammenfassend kann man sagen: Erziehungsratgeber wie dieser sind zwar gut gemeint, da es aber ohnehin viel zu viel davon auf dem Markt gibt, ist gerade dieser sehr entbehrlich. Dieses Buch ist ca. 820 Seiten lang, mit den vielen Wiederholungen sehr mühsam zu lesen und ist gespickt von fachlichen Fehlern. Das Anliegen der Autorin scheint zu sein, dem Leser eine Lockerheit im Umgang mit Kindern nahezubringen. Es ist ihr jedoch nicht gelungen, sie hat lediglich wiedergegeben, wie sie mit ihren Kindern umgegangen ist. Neun Kinder zu erziehen ist gewiss eine große Leistung, doch reicht diese nicht aus, ohne fachliches Wissen hierüber ein Buch zu schreiben. Den Herausgebern scheint nicht klar zu sein, wieviel Falsches enthalten ist und welche Gefahr dieses für Babys sein kann. Hoffentlich kommt es nicht eines Tages zu einer Klage, da ein Kind aufgrund der vorgeschlagenen Tips zu Schaden gekommen oder sogar am plötzlichen Kindstod verstorben ist.

Gudrun von der Ohe, Ärztin und IBCLC
Tel.: (040) 81 56 42 / Fax: (040) 82 24 22 89
E-Mail: postfach[at]stillberatung[punkt]info
Internet:
www.stillberatung.info

Bewertung: ungeeignet

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