Stellmann, Michael: Kinderkrankheiten natürlich behandeln

Neueste Ausgabe vom GU-Verlag (2009), rezensiert wurde eine ältere Ausgabe

Bewertung: ungeeignet

Allein der als Qualitätsmerkmal gedachte Hinweis "Über 1 Mio. Mal verkauft" auf der Titelseite war schon ein Grund für mich, das Buch als unerfahrene junge Mutter zu kaufen. Dann noch das Schlagwort "natürlich" - das passte genau zu meinen Vorstellungen von ein bisschen alternativ, nicht mainstream, nicht chemisch.
Ich werde es mir nicht anmaßen, über die homöopathischen Heilmethoden und die Haltung zum Impfen in diesem Buch ein generelles Urteil abzugeben. Könnte ich gar nicht. Einige Tipps erwiesen sich für uns auch als durchaus alltagstauglich (z.B. Zwiebelsäckchen auf die Ohren bei Ohrenschmerzen).
ABER: Wenn ich lese, was der gute Dr. Stellmann auf S.11f, S.26 und besonders auf S. 102f zum Stillen von sich gibt, sträuben sich mir die Nackenhaare, besonders wenn ich an die über 1 Million verkauften Exemplare denke!
"In der ersten Zeit legen Sie Ihr Kind täglich sechs- bis achtmal an - je nach Verlangen. Nach sechs Wochen sollten Sie es langsam an einen Vierstundenrhythmus (plus/minus eine halbe Stunde) gewöhnt haben. Den Zeitaufwand für das Stillen sollten Sie Schritt für Schritt auf jeweils eine Viertelstunde reduzieren, nicht nur aus Gründen der Zeitersparnis, sondern auch, um zu verhindern, dass Ihr Kind mit der empfindlichen Brustwarze spielt; dadurch könnte eine Brustentzündung entstehen." (S.11) Mehr dumme Klischees, irreführende Tipps und babyferne Theorien könnte man gar nicht in so eine kurze Passage packen. "Nach Verlangen" stillen Neugeborene bei Weitem häufiger als sechsmal am Tag, und im Alter von sechs Wochen ist das nicht unbedingt anders. Das mathematisch rigide Vorgeben von Stillhäufigkeit und Dauer lässt sich mit nichts begründen - am allerwenigsten mit dem Argument, dass man dadurch Brustentzündungen vorbeugen kann. Ich hatte gerade deshalb zwei unangenehme und nur mit Antibiotika behandelbare Milchstaus, da ich mich an derartige Tipps hielt und mit Müh und Not und der Taschenuhr in der Hand meinen kreischenden Säugling auf einen Dreistundenrhythmus bringen wollte - Herr, wirf Hirn vom Himmel! Das hat nichts mehr mit Stillen zu tun!
Seine Tipps zur Steigerung der Milchmenge sind entsprechend realitätsfremd (S.26).
All seine Weisheit zu diesem Thema gipfelt auf S. 102 in der Überschrift "Frühe Entwöhnung - damit Ihr Kind durchschläft". Seine Thesen widersprechen nicht nur unseren Erfahrungen, sondern auch unseren Überzeugungen. Der Tipp "Zunächst geben Sie Ihrem Baby anstelle der Brust Fenchel- oder Kamillentee (...) - was natürlich auf Protest stößt, doch es hilft nichts, Sie müssen der Stärkere bleiben" mag in einem gewissen Alter (Kleinkind?) unter Umständen seine Berechtigung haben. Aber nicht bei kleinen Babys ("je früher, desto einfacher"), auf die Dr. Stellmanns Ausführungen abzielen. Es ist völlig natürlich, dass ein Säugling auch in der Nacht noch Nahrung und den Trost des Stillens braucht, ein Umstand, den Dr. Stellmann durchaus auch erkennt - aber als etwas betrachtet, was man dem Baby so bald wie möglich abzugewöhnen hat.
Dass diese empfohlene, frühe Entwöhnung nicht glatt und einfach verlaufen kann, ist auch dem Autor klar, doch auch dafür hat er noch einen Tipp auf Lager: "Natürlich kann durch Ihren Arzt dieser Prozess medikamentös unterstützt werden." (S.103) - Nein danke!
Molly

Bewertung: ungeeignet

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