Wahlgren, Anna: Das DurchschlafBuch

Die sanfte Schlafkur für dein Baby
Beltz-Verlag, 1. Auflage 2008
ISBN 978-3-407-85852-8

Bewertung: ungeeignet

Anna Wahlgren, selbst mehrfache Mutter und im Umschlagstext als "Schwedens populärste Kinderexpertin" beschrieben, richtet ihr Buch an Eltern, denen Schlafprogramme nach Art von Kast-Zahn zu grausam sind. Wahlgren lehnt diese Programme als herzlos und nicht sehr wirksam ab und stellt als Alternative ihre eigene Methode vor, die zu 100% wirksam sei. Doch hat sie wirklich eine liebevolle Methode anzubieten?

Das Buch suggeriert, dass es für Schlafprobleme von Kindern und Babys eine einfache und wirkungsvolle Methode gebe, die bei jedem Kind funktioniere. Schlafprobleme werden dabei sehr weit definiert: Als normal gilt, wenn ein Kind nachts 12 Stunden durchschläft. Diese 12 Stunden gelten für Kinder ab dem 4. Lebensmonat bis zum 12. Lebensjahr. Wahlgren postuliert ein Recht der Eltern auf eine ungestörte nächtliche Pause vom Kind und legt fest: Kinder, die weniger schlafen und deren Eltern haben ein Problem! Sie zeichnet Schreckensbilder von übernächtigten, blassen und dauermüden Kindern, deren gestresste, unglückliche und ebenfalls dauermüde Eltern nicht mehr ein noch aus wissen. Und sie erzählt zahlreiche Fallgeschichten, die alle das gleiche Happy End haben: Die Leidenden lernen Wahlgrens Durchschlafkur kennen, führen sie durch und werden zu glücklichen Familien. Dabei merkt Wahlgren wiederholt an, dass nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder ein Recht auf einen 12 Stunden währenden ununterbrochenen Nachtschlaf hätten. Ihrer Meinung nach sind Kinder, die zu wenig schlafen, unglücklich, in ihrer Entwicklung gefährdet und auf Dauer nicht gesund.

Nachdem die Autorin den Leserinnen klar gemacht hat, dass eine Schlafkur dringend nötig ist, legt sie ihre Theorie dar: Kinder schlafen schlecht, weil sie Überlebensangst haben, die gelindert werden muss. Um diese angeborene Angst zu lindern, hat Wahlgren drei Strategien: Essen, starre Zeitpläne und Sicherheit vermittelnde Maßnahmen, die sie entwickelt hat und die sie Werkzeuge nennt.
Die Durchschlafkur beginnt folgerichtig damit, dass man den Schlafbedarf des eigenen Kindes anhand der im Buch enthaltenen Alterstabelle festlegt. Dann wird überlegt, wie viel das Kind tagsüber schlafen soll und die restliche Zeit wird als Nachtschlaf festgelegt. Für den Tag stellen die Eltern nun einen Plan auf, in dem Mahl- und Schlafzeiten festgelegt werden. Stillen nach Bedarf hält Wahlgren nach dem 4. Monat für unsinnig. Ebenso unsinnig findet sie die Idee, ein Kind könne selbst bestimmen, wie viel oder wann es schlafen oder essen wolle. Nach Wahlgrens Rat müssen Kinder nicht nur im eigenen Bett sondern auch in einem völlig abgedunkelten Zimmer schlafen.

Dem Einwand, dass ein Plan, von dem nicht mehr als 15 Minuten abgewichen werden dürfe, die Familie in Stress bringe, entkräftigt Wahlgren: Erholsamer Schlaf sollte uns Eltern schon einiges wert sein, schließlich sei er so wichtig! Außerdem sei ein nach Zeitplan lebendes Kind praktisch, denn die Eltern wissen vorher genau, wann es schlafen und essen müsse und können so den eigenen Tag besser planen. Wahlgren trifft den Nerv unserer Zeit wohl sehr genau, denn sie entwirft die Idee eines planbaren Kindes mit kontrollierbaren Bedürfnissen. Wie passend, dass sie mit ihrem "Werkzeugkasten" gleich das Werkzeug zur Reparatur mitliefert, falls das Kind nicht wie geplant funktioniert.

Der "Werkzeugkasten" enthält die von Wahlgren entwickelten Maßnahmen, die dem Kind (und den Eltern) zu ungestörter Nachtruhe verhelfen sollen: verschiedene Methoden, ein Kind nach dem Schlafenlegen im Bett (auf dem Bauch liegend) festzuhalten und rhythmisch zu drücken, ruckartiges Kinderwagenfahren und schließlich die "Gute-Nacht-Leier", ein immer gleicher Spruch, der dem Kind aufgesagt werden soll, falls dieses nachts wach wird. Während die anderen Methoden nur übergangsweise angewendet werden sollen, soll die "Leier" nach der Kur allein bewirken, dass das Kind weiterschläft. Bei genauerer Betrachtung geht es hier also genauso um Konditionierung des Kindes wie beim kontrollierten Schreienlassen. Das Kind wird nicht getröstet (Wahlgren macht sich wiederholt über Eltern lustig, die meinen, ihr nachts weinendes Kind brauche Trost), sondern mit genau vorhersagbaren Methoden davon überzeugt, dass es weiterschlafen soll. Die entwickelten Methoden wirken dabei sehr eigenwillig, als liebevoll können sie aber kaum bezeichnet werden. Ein so behandeltes Kind wird vielleicht lernen die Eltern nachts nicht mehr zu behelligen, zu bezweifeln ist aber, dass es dies tut, weil es sich sicher fühlt.

Fazit: Wahlgren schlägt zwar nicht vor, Kinder nachts schreien zu lassen, aber ihre Methode hat doch viele Ähnlichkeiten mit bekannten Schlafprogrammen: Auch Wahlgren hat normative, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht übereinstimmende, Annahmen über den kindlichen Schlaf, vor deren Hintergrund sie "Schlafstörungen" verhaltenstherapeutisch behandelt. Dabei arbeitet Wahlgren mit rigiden Zeitplänen und merkwürdigen körperlichen Behandlungen. Besonders unangenehm ist es, dass sie ihre eigene Expertenrolle immer wieder betont und Eltern als unwissend und fehlgeleitet abqualifiziert, die versuchen, die Bedürfnisse ihrer Kinder ernst zu nehmen. Sie schwächt damit elterliche Intuition und schafft Verunsicherung. Auch vor diesem Hintergrund ist das Geld besser in Sears' Buch Schlafen und Wachen investiert.

Dr. Katja Rose

Die Rezension erschien auch in der Zeitschrift "Unerzogen":
http://www.unerzogen-magazin.de/aktuelle_ausgabe/?view=ad&aid=87

Wir danken für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung.

Bewertung: ungeeignet

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