Oblasser, C., Ebner, U., Wesp, G. (Fotos): Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht.

Fotobuch, Wegweiser und Erfahrungsschatz aus Sicht von Müttern und geburtshilflichen ExpertInnen. Salzburg 2007 (edition riedenburg),
1. Auflage, ISBN: 978-3902647016
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bewertung: 5 von 5 raben

Der Anteil an Kaiserschnittgeburten steigt in den letzten Jahren und Jahrzehnten kontinuierlich an - mittlerweile sind es rund ein Drittel aller Geburten. Doch in den geburtsvorbereitenden Kursen erfährt man oft wenig darüber - in der Presse oft umso mehr: Viele Prominente bringen ihre Kinder auf diesem Weg zur Welt. Wunschkaiserschnitt ist ein gebräuchlicher Begriff dafür.
Genau mit dieser öffentlichen Sicht auf den Kaiserschnitt beginnen auch die Autorinnen ihr Buch. Beide haben selbst Kaiserschnitt-Erfahrung. Die gesammelten Presseberichte zum Thema Kaiserschnitt lassen oft den Schluss zu, dass es sich um ein einfaches und komplikationsloses Verfahren handele.
Die Autorinnen lassen dann jedoch Frauen zwischen 20 und 77 Jahren zu Wort kommen (über 160 Fragebögen wurden ausgewertet) und zeigen ein im  wahrsten Sinne des Wortes realistisches Bild von den seelischen und körperlichen Nachwirkungen eines Kaiserschnitts. Denn  Kernteil des Buches sind Fotos von 60 unterschiedlichen Kaiserschnittnarben. Alte und junge Frauen, mit geplantem KS oder Not-Kaiserschnitt, mit einer oder bis zu vier Kaiserschnittgeburten kommen zu Wort und zeigen offen diesen intimen Teil ihres Körpers. Dieser Fototeil ist sehr eindrucksvoll. Die Erfahrungen der Frauen bei der Geburt ihres Kinder und mit dem Narben gehen unter die Haut. Einige sind stolz, andere leiden noch Jahre später unter Minderwertigkeitsgefühlen. In fast allen Fällen aber spüren die Frauen körperliche Nachwirkungen - auch Jahre und Jahrzehnte später (Wetterfühligkeit, Spannungen, Taubheitsgefühl ...)
Auffällig: Je besser sich die Frauen betreut und informiert fühlten, desto besser konnten sie ihr Geburtserlebnis annehmen. Dies kommt auch klar zum Ausdruck in den Empfehlungen zur Vorbereitung auf einen Kaiserschnitt.
Dass der Begriff "sanfter Kaiserschnitt" irreführend und beschönigend ist, zeigt die Fotostrecke eine KS nach Misgav-Ladach: Eine Sectio ist eine große Bauch-OP mit allen dazugehörenden Risiken.
Doch auch ExpertInnen kommen zu Wort: GynäkologInnen, ÄrztInnen und Hebammen erhielten einen Fragebogen mit der Bitte um Teilnahme. Auffällig ist hier, wie stark sich gerade Hebammen und männliche Gynäkologen in ihrer Einschätzung unterscheiden. Ein Beispiel: 70% der Hebammen sind der Meinung, dass nach einem KS Komplikationen auftreten, aber nur 11 % der Gynäkologen. Das mag daran liegen, dass der Begriff "Komplikation" von den Gynäkologen wohl in erster Linie rein medizinisch verstanden wird, ein weiterer Aspekt ist sicher, dass für Chirurgen Die Krankenakte mit der Entlassung geschlossen wird, Hebammen aber die Frauen viel länger betreuen. Psychologische Komplikationen treten vielleicht erst bei einer Folge-Schwangerschaft zu Tage.
In einem weiteren Teil sind Artikel von ExpertInnen versammelt. Rechtliche Aspekte der Sectio werden dort ebenso behandelt wie z.B. Rückbildung und Entstörung der Narbe. In diesem Bereich war für mich besonders der Artikel von Barbara Bodner-Adler zum Projekt der Hebammengeburtshilfe an der Universitätsfrauenklinik in Wien interessant. "Low-risk" Schwangere können dort nach vorheriger Vorstellung unter der alleinigen Betreuung der diensthabenden Hebamme entbinden. Bei Komplikationen steht aber das Team der Klinik zur Verfügung. In dieser Gruppe konnte der Anteil an Kaiserschnittgeburten auf 0,7 % gesenkt werden. Auch in Deutschland gibt es in einigen Kliniken hebammengeleitete Kreißsäle.
Auch für Frauen, die Probleme mit ihrer Narbe haben (körperlich und/oder seelisch), finden sich hier Artikel von Fachleuten.
Mein Fazit: Das Buch ist ein Muss für viele!
- Fachleute: Sie bekommen vielfältige Anregungen. Wichtig finde ich z.B. dass das Thema auch in den geburtsvorbereitenden Kursen angesprochen wird. Auch die ÄrztInnen in den Kliniken werden sensibilisiert für die Wichtigkeit der Information und Betreuung.
- Frauen, die einen Kaiserschnitt planen (egal ob WKS oder medizinisch indiziert): Es werden konkrete Tipps gegeben zur Vorbereitung und auch die Nachwirkungen eines KS werden nicht bagatellisiert.
- Frauen, die schon einen KS erlebt haben: Sie erhalten viele Hinweise, wie sie mit den Nachwirkungen umgehen können. Was aber wohl noch wichtiger ist: Durch die vielen versammelten und so unterschiedlichen Schicksale gibt es sicher Aussagen, die den eigenen Empfindungen auch nahe kommen. So kann dieses Buch eine Hilfe sein bei der persönlichen Verarbeitung.
Astrid Ahlers

bewertung: 5 von 5 raben

Beim ersten Durchblättern löste das Buch schon eine große Betroffenheit durch die vielen Fotos der Kaiserschnittnarben aus - obwohl ich in der Wochenbettbetreuung diesen Anblick gewohnt bin.
Auch bei der vertieften Lektüre bestätigte sich der Eindruck, dass es sich bei diesem Titel um ein absolut wertvolles Buch für alle "Sectio"-Begleiter (Hebammen, Gynäkologen ...) handelt. Sie werden besonders durch die Erfahrungsberichte sensibilisiert. Aber auch für betroffene Mütter, die auf der Suche sind nach Erfahrungsberichten und sich mit ihrer Situation nach IHREM Kaiserschnitt auseinandersetzen wollen, ist dieses Buch sehr empfehlenswert. Hierbei sollte aber eine Begleitung angeboten werden, das Buch berührt sehr tief und die Gefahr, etwas loszutreten, ist groß.
Nicht empfehlenswert halte ich das Buch für Frauen, die eine normale Geburt anstreben. Sehr beängstigend sind z.B. die geschilderten Komplikationen (S. 221). Das bedeutet aber nicht, dass in der Geburtsvorbereitung das Thema ausgeklammert werden sollte. Das Gegenteil ist der Fall!
Nach der Lektüre bestätigt sich mein schon spätestens seit der GEK-Kaiserschnittstudie (2006) bestehender Eindruck, dass den Frauen häufig aus schwer nachvollziehbaren ärztlichen Indikationen eine Sectio angeraten wird. Oft wird die Betonung mehr auf "KAISER" (sanft, sicher, schnell, prominent) gelegt als auf den "SCHNITT" und dessen Folgen (Schmerzen nach der Geburt, Missempfindung im Bereich der Narbe, Geburtserlebnis der Mutter und des Kindes (!)). Darüber erfolgt kaum Aufklärung.
Dass viele Frauen nach der Sectio - auch noch nach Jahren - nicht mit ihrer Geburtsarbeit fertig sind, belegt für mich die enorme Resonanz nach Probandensuche (binnen weniger Wochen 250 Mütter), sowie die nachlesbaren Reaktionen der teilnehmenden Mütter (S. 68).
Ein für mich wichtiges Zitat: "Bemerkenswert ist sicherlich die Tatsache, dass keine der Frauen mehr als einmal eine Wunschsectio hatte." (S. 218).
Sehr hilfreich ist die Weitsicht des Buches vor allem im Expertenteil. So werden etwa Hinweise zum Stillen nach Sectio gegeben oder Möglichkeiten bei der Behandlung von Narbenproblemen aufgezeigt.
Gerade das Kapitel "Aufarbeitung meiner eigenen Kaiserschnitt-Geburt" hat mich zutiefst berührt - ich bin selbst Sectio-Kind mit einer etwas schwierigen Mutter-Kind-Bindung.
Sylvia Waschke, freiberufliche Hebamme

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