Spitzer, Manfred: Vorsicht Bildschirm!

Verlag dtv
4. Auflage Mai 2006
303 Seiten
ISBN-10: 3120101702
ISBN-13: 978-3120101703
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Bewertung: 1 von 5 Raben

Manfred Spitzer ist ein sehr talentierter Redner und auch in seinem Buch "Vorsicht Bildschirm!" gelingt es dem Wissenschaftler seine Überzeugungen leicht verständlich und mit eingängigen Beispielen zu präsentieren.

Spitzer behandelt in seinem Buch nicht ausschließlich das Thema Gewalt und Medien, sondern versucht einen Überblick zum Thema Bildschirmmedien zu geben. Das Buch ist entsprechend aufgeteilt in:
1 Einleitung
2 Körperliche Gesundheit
3 Erfahrung und Aufmerksamkeit
4 Gehirnentwicklung und Werbung
5 Leistungen in der Schule
6 Gewalt im Fernsehen
7 Computer- und Videospiele
8 Was tun?

Dieser Ansatz, das Thema nicht nur in Bezug auf Gewalt und Medien zu behandeln, ist denn auch schon das Interessanteste an diesem Buch. Die Kapitel, in denen es um Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft geht, sind lesenswert, allerdings gibt es zu diesen Themen weitaus ausführlichere, die sich nicht ausschliesslich auf die Verarbeitung von Bildschirmmedien beschränken.

Davon abgesehen, hat dieses Buch leider grosse Mängel. Allzu deutlich merkt man, dass Manfred Spitzer hier seine persönlichen Ansichten darlegt und deshalb ausschliesslich wissenschaftliche Befunde zitiert, die seine Meinung stützen. Studien, die nicht seiner Argumentationslinie folgen, werden abgetan "Weil es in der Wissenschaft sowieso immer Kontroversen gibt - und weil es zuweilen auch unter Wissenschaftlern Menschen gibt, die ohne jegliche Begründung das Gegenteil einer allgemein akzeptierten Meinung behaupten, kann Nichtstun begründet werden." oder auch "nehmen manche vermeintliche Medienfachleute die international publizierten Studien zum Thema oft einfach gar nicht zur Kenntnis." Solche Pauschalurteile gegen alle, die eine andere Meinung vertreten, tragen nicht dazu bei, dass man Spitzer ernst nehmen kann.

Speziell nicht, wenn man berücksichtigt, dass Spitzer in seinem Buch auch Resultate zitiert, die einer Überprüfung nicht standhalten.

Er zitiert mehrfach eine Studie von Centerwall, in der dieser den Zusammenhang zwischen der Einführung des Fernsehens und der Häufung von Tötungsdelikten in der weissen Bevölkerung der USA- der gesamten Bevölkerung von Kanada und der weissen Bevölkerung von Südafrika untersucht. Und stellt fest, dass die Zahl der Tötungsdelikte in den USA und Kanada sich innerhalb von 10-15 Jahren verdoppelt haben. Dies kommentiert Centerwall so: "Sofern das Fernsehen nie entwickelt worden wäre, gäbe es heute in den Vereinigten Staaten jährlich 10.000 Tötungsdelikte und 70.000 Vergewaltigungen weniger sowie 700.000 weniger Gewaltdelikte gegen Personen."
In der Übersichtsstudie "Medien und Gewalt" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finden sich dazu einige Entgegnungen, die den Abschnitt in ein anderes Licht rücken, Gary F. Jensen stellt unter anderem fest, dass die Mordrate in dem halben Jahrhundert vor Beginn von Centerwalls Untersuchungszeitraum höher war als danach (d. h. sie lag vor Einführung des Fernsehens höher als hinterher) und Jib Fowles macht darauf aufmerksam, dass Centerwall den "Baby-Boom" zwischen 1947 und 1964 ignoriert. Da violente Verbrechen überwiegend von jungen Männern begangen würden, sei der Anstieg dieser Delikte in den 70er Jahren die Folge des "Baby-Booms" gewesen. Auf die USA bezogen argumentiert Fowles, dass die Kriminalitätsrate (auch für violente Verbrechen) absank, nachdem die "Baby-Boom-Generation" das Alter von 30 Jahren überschritten hatte.

Ein weiteres Beispiel ist die kanadische Studie von Williams. Dabei wurden drei Städte, denen man die Namen Notel (für No Television), Unitel (Programm des kanadischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens CBC) und Multitel (mehrere Sender, auch die violenten amerikanischen Programme) gab untersucht. Spitzer führt auf: "...es zeigte sich, dass innerhalb von zwei Jahren in der Gemeinde mit eingeführtem Fernsehen das beobachtete und mittels Fragebogen erfasste Aggressionsniveau zunahm: Die verbale Aggressivität verdoppelte sich, die körperliche Aggressivität war nahezu verdreifacht (ein hoch signifikantes Ergebnis. Im Gegensatz dazu war das Gewaltniveau in den beiden Kontrollgemeinden gleich geblieben."

Die gleiche Studie wird in "Gewalt und Medien" von Kunczik und Zipfel erwähnt. Interessant ist, dass er folgendes anmerkt "Auch in der Querschnittstudie war die Zunahme der Aggressivität in Notel nach zwei Jahren am ausgeprägtesten. Dieser Befund kann kaum als Beweis für die Gefährlichkeit von Fernsehgewalt interpretiert werden, denn das in Notel 1975 empfangene Programm von CBC war ausgesprochen gewaltfrei." und "- die Kinder in Multitel, die auch ABC, CBS und NBC empfangen konnten, waren weniger aggressiv als die Kinder in Notel (Joy, Kimball und Zabrack 1986, 320). Bei den Kindern in Multitel führte der Konsum violenter Programme nicht zu einer Formung aggressiver Persönlichkeit."

Wenn es derart eindeutig ist, dass Fernsehen Gewalt verursacht, dann sollte es Spitzer möglich sein, dies auch mit besseren Quellen zu belegen als den Aufgeführten und ohne nur diejenigen Daten zu präsentieren, die ihm gerade gelegen kommen. Auch Sätze wie "Kein Wunder: Sobald Kinder gerade sitzen können, erleben sie den Supermarkt auf dem speziell für sie konstruierten Sitz auf dem Einkaufswagen gleichsam aus der Ego-Shooter-Perspektive2, wenn es um die Fernsehwerbung geht, überzeugen nicht. Und seine auf 10 Seiten dargelegte Abneigung gegen Power Point und die zugehörige Firma wirken direkt komisch.

Dass elektronische Medien und hier insbesondere diejenigen mit gewalttätigem Inhalt einen Einfluss auf unser Denken haben, bezweifelt wohl kaum noch jemand. Um wirklich lesenswert zu sein, fehlt dem Buch aber nicht nur inhaltliche Korrektheit, sondern auch ein grösseres Gewicht darauf, was Eltern denn tun können, um ihren Kindern im Umgang mit den Medien beizustehen.
Justine

Bewertung: 1 von 5 Raben

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