Gilbert, Susann: Typisch Mädchen! Typisch Junge

dtv (April 2004)
ISBN-10: 3423340789
ISBN-13: 978-3423340786
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Bewertung: 4 von 5 Raben

Ich bin der absolute Jeans- und T-Shirt-Typ, schminken tue ich mich auch kaum. Rosa??? Kommt in meinem Kleiderschrank nicht vor! Was war ich da erstaunt, als meine 2,5jährige Tochter auf einmal ein Faible für diese Farbe entwickelte - übrigens die erste Farbe, die sie benennen konnte. Auch Puppenwagen und Kindergeschirr stehen hoch im Kurs. Meine Überlegung: Liegt es doch an den Genen? Das Buch der Autorin kam mir da gerade recht, um diese Frage zu beantworten oder wenigstens meinen Horizont zu erweitern.
Susan Gilbert ist Amerikanerin. An den dortigen Universitäten sind die gender studies, die sich mit den nicht-biologischen Geschlechtsunterschieden beschäftigen, weit verbreitet. Forschungsarbeiten aus diesem Bereich wertet sie für uns LeserInnen auf allgemeinverständliche Weise aus. Hinzukommen neurologische und biologische Aspekte. Erfahrungsberichte von Eltern und persönliche Erlebnisse im Bekanntenkreis und mit der eigenen Familie ergänzen die wissenschaftlichen Berichte. Wie fast immer bei Büchern aus dem angelsächsischen Bereich: Es lässt sich sehr gut lesen, Pädagogen- oder Soziologendeutsch sucht man (zum Glück!!!) vergebens.
In fünf Kapiteln - jeweils abgeschlossen mit praktischen Hinweisen für Eltern - geht die Autoren also den geschlechtstypischen Unterschieden nach. Dabei geht sie im Großen und Ganzen chronologisch vor: vom Mutterleib bis zum Alter von ca. 12 Jahren. Im abschließenden Kapitel geht sie auf Geschlechtsunterschiede bei Krankheiten ein.
Der Tenor: Es bestehen Unterschiede zwischen dem Durchschnitt der Mädchen und dem der Jungen. Als Eltern sollte man aber nicht vergessen, dass das eigene Kind sich wieder ganz vom Durchschnitt unterscheiden kann.
Im Mutterleib sind schon die Kinder den Geschlechtshormonen ganz unterschiedlich ausgesetzt. Und dies hat eben neurologische Folgen, die sich auch später noch auswirken. Im Kindesalter geht es darum, sich als eigenständige Person zu begreifen. Dazu gehört eben auch die Geschlechtsidentität - dass Jungen und Mädchen sich dabei zuweilen auch extrem stereotyp verhalten, hält Gilbert für normal und nicht bedenklich. Zuerst muss das Mädchen / der Junge wissen: Was ist typisch? Und dann erst entstehen individuellere Formen des Verhaltens. Wichtig ist dabei allerdings wohl, dass Eltern und andere Bezugspersonen diesem Individuellen auch Möglichkeiten geben, sich zu entwickeln.

Den Bereich der Schule sieht Gilbert jedoch auch als kritisch an: so würden doch immer noch oft Vorurteile des Typs "Mathe ist zu schwer für Mädchen, Sprachen sind nichts für Jungen" die persönlichen Entwicklungen hemmen. Wichtig ist der Autorin, dass die Aufgabenstellungen den geschlechtstypischen Präferenzen Rechnung tragen. Gerade hier sind die Tipps für Eltern wichtig, denn die Motivation für bestimmte Fächer spiegelt sich ja später auch in der Berufswahl.

Gerade das letzte Kapitel über die Gesundheit fand ich persönlich sehr aufschlussreich: So gibt es sowohl bei der statistischen Verteilung erhebliche Unterschiede (z.B. haben männliche Frühgeborene eine wesentlich höhere Sterblichkeit, Asthma tritt dagegen bei Mädchen nach der Pubertät häufiger auf), auch die Symptome unterscheiden sich oft sehr. So wird AD/HS bei Jungen häufiger diagnostiziert, weil deren Symptome mit der Krankheit assoziiert werden: Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität. Mädchen mit AD/HS leiden eher an Konzentrationsschwäche sowie Lernschwierigkeiten und lassen sich leicht ablenken - was oft nur als Unreife gesehen wird.

Mein Fazit: Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen möchte und nach einer gut lesbaren Einführung in das Thema mit praktischen Tipps sucht, ist bei diesem Buch richtig. Schade ist allerdings, dass sich kein Exkurs des Verlages findet, der die deutschen Verhältnisse berücksichtigt. Dies gilt natürlich v.a. für den schulischen Bereich. Auch ein Literaturverzeichnis fehlt, so dass der Leser sich vollkommen auf die Autorin verlassen muss und nicht die Möglichkeit hat, sich vertiefend mit dem Thema zu beschäftigen.
Astrid Ahlers

Bewertung: 4 von 5 Raben

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