Kinder müssen erzogen werden

Kinder müssen erzogen werden, weil sie aus sich selbst heraus keine sozialen Wesen sind: Ein Ammenmärchen, auf dem ganz viele andere Ammenmärchen basieren: dass man sozial angemessenes Verhalten nur durch viel Lob bzw. deutliche Abweisung und das fortwährende Klarstellen von Hierarchien erst ganz allmählich hervorbringen könne, dass Kinder eine harte Hand bräuchten, weil sie sonst überhaupt nicht gesellschaftsfähig würden, dass man mit Strenge, Konsequenz und Strafen ihre Einordnung in eine Gesellschaft erzwingen müsse.

Der Mensch ist aber von Natur aus ein kulturelles Wesen, das heißt, er ist von Natur aus auf Sozialität angelegt. Kein Kind will aus dem Sozialverband herausfallen. Mit gutem Vorbild und einem Zusammenleben, bei dem das Kind wirklich gesehen wird und bei dem die Eltern soziale Regeln authentisch vermitteln, wird das Kind sich in diesem Sozialverband entwickeln und ihn vor der Pubertät nicht freiwillig verlassen. Wie dieser Sozialverband ausgestaltet ist, welche Regeln gelten, das ist in der Geschichte und je nach Gesellschaftsform verschieden.

Der Verzicht auf Härte und Zwang in der Erziehung, um die Kinder vermeintlich gesellschaftsfähig zu machen, beruht also nicht auf einem Ideal des "natürlichen Menschen", sondern auf der Einsicht, dass das Streben des Kindes nach sozialer Einbindung stark genug ist, dass solche Härte und solcher Zwang nicht nötig sind, zumal wenn die Gesellschaft auf verantwortliche, selbstständige und demokratiefähige Menschen ausgerichtet ist. Die Auffassung, dass Kinder erst mühsam gebändigt und gezähmt werden müssten, weil sie aus sich heraus wild und unangepasst blieben, ist mit der Achtung der Würde des Kindes nicht vereinbar.

Wenn Kinder erzogen werden müssen, dann nur im Sinne des Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827): "Erziehung ist Vorbild und Liebe."

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