"Wenn du jedesmal sofort zu deinem Baby rennst, sobald es schreit, erziehst du dir einen Tyrannen."

Gerne wollen wir annehmen, dass man das in unserer Elterngeneration wirklich geglaubt hat, etliche davon es immernoch glauben. Denn das ist wohl einer der häufigsten Sprüche unserer Altvorderen und ihrer Altersgenossen gewesen, den wir mit unseren Kleinen zu hören bekamen. Das kann eine junge Mutter (und den jungen Vater auch) ganz schön verunsichern. Zumal wir ja tatsächlich oft gar nicht so genau wissen, warum das Baby schreit und auch mit unseren beständigen Hinsausen und Hochnehmen und Trösten nicht jedesmal und sofort den gewünschten Erfolg haben. Wer dann tatsächlich ein Schreibaby hat oder gelegentlich in Kontakt kommt mit tyrannischen Teenagern oder dem örtlichen Spielplatzschreck, beginnt zu zweifeln.

Aber natürlich erziehen wir uns keinen Tyrannen dadurch, dass wir die Bedürfnisse unserer Babys ernstnehmen! Ein Baby hat nur ein begrenztes Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten und andererseits eine Menge Eindrücke, die es noch nicht verarbeiten kann. Das kann das fiese Gefühl sein, wenn man müde ist und nicht in den Schlaf findet. Das kann ein Hungergefühl sein, das irgendwie anders ist als das von eben. Es kann ein quersitzender Pups sein, der den Bauch aufbläht. Oder die fremde Frau, die sich eben über das Kind gebeugt hat und deren Bild noch auf der Netzhaut brennt. Oder ein Geräusch. Oder etwas, das sich dunkel aus Babys Erinnerung heraufarbeitet, vom Geburtsvorgang, von der Zeit im Mutterleib, von gestern, wer weiß es? Was soll das Kleine denn tun, wenn nicht schreien?

Außerdem ist das Schreien für ein Baby extrem energieaufwändig. Wenn das Baby das also in Kauf nimmt, muss es ihm wichtig sein. Das Baby sollte lernen: "Wenn ich schreie, sind Mama und Papa sofort für mich da." Dann wird es im Vertrauen auf diesen sicheren Schutz mehr und mehr wagen, die Eindrücke, die ihm Unbehagen machen, einen Augenblick zuzulassen und zu erforschen. Und so beginnen, seine Welt zu entdecken, lange bevor es krabbeln und sprechen kann.

Was passiert aber, wenn die Eltern nicht jedesmal kommen, wenn das Baby schreit? Im schlimmsten Fall wird das Vertrauen in die Eltern, den elterlichen Schutz zerstört oder gar nicht erst entstehen, und welche Auswirkungen das für das heranwachsende Kind und seine Bindungsfähigkeit hat, kann sich jeder vorstellen. Vermutlich aber werden die meisten Eltern das Geschrei nicht lange untätig ertragen und eben jedesmal nach einer Weile zum Baby gehen. Und das Baby lernt: "Wenn ich nur lange und erbärmlich genug schreie, dann kommt endlich jemand." Vom Tyrannentum ist das weit entfernt, aber der Zustand wird so logischerweise für alle Beteiligten nur schlimmer.

Ein Kleinkind kann im Rahmen seines Horizontes allmählich erklärt bekommen, warum Mama und Papa schon einmal einen Augenblick brauchen, bis sie auf das Rufen hin zum Kind kommen können, ohne an seiner Seele Schaden zu nehmen. Ein älteres Kind mag hier und da auch Weinen und Schreien als Druckmittel einzusetzen lernen. Das lässt sich aber unter Eltern und Kindern verbalisieren - solange das nicht möglich ist, weil das Kind so weit noch nicht ist, ist es also richtig und notwendig, dass Eltern das Weinen und Schreien ihres Kindes ernst nehmen und sofort reagieren, auch, wenn das sicher oft anstrengend sein mag."

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